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Im Weidenlabyrinth: Khaled Morad, seine Frau Kawthar Alali und Sohn Mohammad an einer der zwölf Stelen, die von der Flucht der kurdischen Familie erzählen.

"Es gab keinen Ausweg"

Alter Flugplatz Bonames erzählt ergreifend die Geschichte einer kurdischen Familie

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Von der Flucht einer kurdischen Familie nach Frankfurt erzählt bewegend das Weidenlabyrinth am Alten Flugplatz.

Frankfurt - Dieser Ort – viele kennen ihn gar nicht. Obwohl er direkt am Ausflugsziel Alter Flugplatz liegt, seit acht Jahren schon, nur ein paar Schritte entfernt, aber auch ein wenig versteckt. Es ist ein besonderer Ort mit vielen Bedeutungen: ein Labyrinth. Für Khaled Morad und seine Familie ist es auch ein Ort der Tränen. Wer möchte, kann dort das Leid, aber auch die Freude der Familie teilen. Wer noch mehr tun will, kann Pate werden.

„Ich heiße Khaled M. und ich bin 45 Jahre alt. Ich stamme aus der Provinz Hasaka in Nordsyrien.“ So beginnt die Geschichte, die das Labyrinth in zwölf Etappen erzählt. Die Idee ist: sich Zeit nehmen, in Ruhe durch die grünen Flure gehen, durch angenehm schattenspendende Weiden, mehr und mehr darüber erfahren, was Menschen anderswo ertragen müssen, hier, auf demselben Planeten, auf dem wir Erdbeeren ernten.

Khaled Morad ist Friseurmeister. „Ich verdiente genug Geld, um meiner Frau und meinen Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen.“ Doch Khaled Morad ist auch Kurde – in Syrien eine unterdrückte Minderheit. „Wir lebten ständig in Angst und Sorge um unser Leben. Vor allem um das Leben unserer Kinder. Es gab keinen anderen Ausweg, als alles aufzugeben und zu fliehen.“

Stationen der Flucht im Labyrinth

Die Stationen dieser Flucht zeichnen die zwölf Stelen im Labyrinth nach. Wie die Schlepper verzweifelte Menschen belügen. Wie Morads schwangere Frau Kawthar Alali und die beiden Töchter Mariam und Maria sich mit letzten Kräften durch das verschneite türkische Hochgebirge quälen. Bloß keinen Mucks, nicht entdeckt werden. In Cizre entscheidet der Vater schließlich, Frau und Kinder zurückzulassen – die Weiterreise übers Meer will er ihnen nicht zumuten. „Werde ich meinen ungeborenen Sohn jemals sehen?“, fragt er sich.

Wunschzettel am Zaun vorm Labyrinth.

FR-Leser kennen Khaled Morad schon. Er arbeitete selbst mit am Weidenlabyrinth, das Stephanie König und Torsten Jens von der Naturschule Hessen unermüdlich gepflanzt und gepflegt haben. Am Montag, als der Flüchtlingsweg durchs Labyrinth eröffnet wird, ist Morad dabei: ein wenig stolz und immer noch sehr bewegt. „Es war schwer, das alles zu erzählen“, sagt er, inzwischen in gutem Deutsch, „und manches konnte ich auch gar nicht sagen. Wenn ich anfange zu schreiben, kommt so vieles wieder hoch.“ Er wischt eine Träne weg und noch eine. Die erste fürs Vergangene; die zweite, die glückliche, für die Gegenwart: Ein paar Meter entfernt sitzt seine Frau, Söhnchen Mohammad spielt auf der Wiese.

Sie haben es geschafft, die inzwischen fünfköpfige Familie ist wieder vereint. Sie sind sozusagen in der Mitte angekommen – wenn man das Leben wie ein Labyrinth betrachtet. Stephanie König lernte die Idee einst auf einem Kongress in den USA kennen: „Auf einem Labyrinth-Kongress, darüber habe ich auch erst mal gestaunt.“ Das Labyrinth sei eines der ältesten Symbole der Menschheit: „Jede Stadt sollte eines haben. Es ist ein Ort, um in seiner Mitte anzukommen, um das Vertrauen in sich selbst zu schulen.“

Widerstand von Anwohnern und Naturverbänden

Als sie mit der Idee beim Umweltamt ankam, wurde sie sofort für verrückt erklärt, oder? Nein, im Gegenteil. Rainer Zimmermann vom Grüngürtel-Team war begeistert und half mit, auch Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) hatte von Anfang an ein großes Herz fürs Labyrinth. „Das Gehen und Besinnen im Labyrinth tut gut und hat seinen tieferen Sinn“, sagt sie am Montag und bedankt sich vor allem bei der Familie Morad, dass sie ihre Geschichte mit den Besuchern teilt. „Ich möchte allen empfehlen, sich einer Flüchtlingsfamilie anzunehmen, sich mit ihrer Geschichte zu beschäftigen“, sagt die Stadträtin. „Die Hand auszustrecken ist für uns ganz leicht. Aber viele Geflüchtete sind allein gekommen und haben hier überhaupt niemanden.“ Sie bietet an, Kontakte zu vermitteln.

Auf dem Flüchtlingsweg erzählen Tafeln die Geschichte der kurdischen Familie.

„Verbundenheit heißt, auch im täglichen Leben denen beizustehen, die Hilfe brauchen“, sagt Stephanie König. Sie dankt dem Ortsbeirat 10, der Geld für den Flüchtlingsweg im Labyrinth bereitgestellt hat, bis zu 4000 Euro. Ortsvorsteher Robert Lange (CDU) gibt den Dank mit einem Lob zurück: „Ich habe die Naturschule kennen und schätzen gelernt – sie führt kleine und große Stadtkinder an die Natur heran.“

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Und sie hat sich um die vielen Geflüchteten gekümmert, die seit 2016 in der Unterkunft am Alten Flugplatz leben, gegen die anfangs Anwohner wie Naturverbände wetterten. Schaden für die Artenvielfalt und fürs Stadtteilgefüge wurde befürchtet. Das Gegenteil geschah. Kalbach und Bonames haben sich nicht die Spur verändert, nur weil im Landschaftsschutzgebiet Menschen in Not eine Zuflucht gefunden haben. Und die Artenvielfalt sieht es ja gar nicht ein, sich von so etwas wie einer Flüchtlingsunterkunft beschränken zu lassen. Wir begrüßen neu im Team mit der Nummer 120 (oder sind es schon 130 Vogelarten?): den Orpheusspötter. Da müssen schon andere kommen, um die Biodiversität zu massakrieren. Der Klimawandel beispielsweise.

Khaled Morad war einer dieser Bewohner am Alten Flugplatz, einer der sich durchgeschlagen hat. Der in einem Boot mit kaputtem Motor auf dem Mittelmeer zum Spielball der Wellen wurde. „Wir erwarten alle den Tod“, heißt es auf einer der zwölf Stelen im Labyrinth. In Serbien musste er sich wieder Schleppern anvertrauen, in Ungarn forderte er Tausende Leidensgenossen auf, Richtung Österreich loszumarschieren. Am Ende der begeisterte Empfang im Wir-schaffen-das-Deutschland des Jahres 2015. Es scheint Lichtjahre her zu sein, und Morads Herz damals: so schwer – bis die Familie viele Monate später die Erlaubnis erhielt, nach Frankfurt zu kommen. Am Montag tauscht man sich vor Ort darüber aus, wie schwer es ist, die jeweils andere Sprache zu lernen. Die Deutschen scheitern schon am „Guten Tag“ auf Kurdisch. Die Hochachtung für die Geflüchteten wächst weiter.

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Als Friseur hat der 45-Jährige seither versucht, Fuß zu fassen. Es hat noch nicht richtig geklappt, ein Betrieb wollte ihn nur in Teilzeit anstellen, ein anderer zahlte wochenlang kein Geld für seine Arbeit. Falls jemand einen guten Friseur beschäftigen will: Nach allem, was man von der Kundschaft so hört, versteht dieser Mann eine ganze Menge davon.

Labyrinth

Am Sonntag, 30. Juni, 10 Uhr, führt Stephanie König alle Interessierten durchs Weidenlabyrinth und erklärt, was es damit auf sich hat. Treffpunkt ist der rot-weiße Tower an der Landebahn des Alten Flugplatzes Kalbach/Bonames.

Von März bis Oktober soll das Labyrinth künftig immer sonntags geöffnet sein. Unter der Woche nicht; das vor acht Jahren aus 1600 Stecklingen entstandene Labyrinth mit 300 Meter Weglänge soll kein ständiger Vergnügungsort werden, sondern eine Stätte der Besinnung und des Respekts, besonders vor der Familie, deren Geschichte auf den Stelen erzählt wird.

Die Patenschaft für eine der zwölf Stelen aus dem Holz, aus dem auch die Flüchtlingsunterkunft gebaut ist, kostet 500 Euro im Jahr. Das Geld soll die Pflege des Labyrinths finanzieren. Nähere Informationen und Kontakt: naturschule-hessen.de. (ill)

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