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Der bei den Luftangriffen zerstörte Römer sah auch ein Jahr später nicht viel besser aus.

Bombenangriff auf Frankfurt

Als Frankfurt in Flammen aufging

Vor 75 Jahren, am 22. März 1944, erlitt die Stadt den letzten vernichtenden Bombenangriff. 

Etliche Bombennächte hatte Frankfurt bis zu diesem Tag im Jahr 1944 schon erlebt. Doch der 22. März sollte als das Datum in die Geschichte eingehen, an dem das alte Frankfurt endgültig unterging. Denn es war den Briten an diesem Abend gelungen, die deutsche Abwehr mit einem Scheinangriff auf Kassel zu täuschen. Als die Sirenen um 21.45 Uhr heulten, waren bereits rund 800 Bomber über der Stadt und warfen in drei Wellen ihre todbringende Last ab. 1001 Menschen starben.

Augenzeugen gibt es nach Angaben des Instituts für Stadtgeschichte inzwischen kaum noch. Einem aktuellen Aufruf der Historiker folgten gerade einmal zwei Überlebende – beide hatten die Nacht nicht direkt miterlebt, sondern waren bereits zuvor in Sicherheit gebracht worden. Dokumentiert und veröffentlicht sind die Geschehnisse hingegen genau.

Zum 60. Jahrestag im Jahr 2004 etwa haben die Leiterin des Instituts für Stadtgeschichte, Evelyn Brockhoff, und Tobias Picard ein Buch mit eindrücklichen Schilderungen von Zeitzeugen herausgebracht. „Der Drahtfunk meldete: ‚Immer noch kreisen Störflugzeuge über der Stadt.’ Fast im gleichen Augenblick kam ein schwerer, dumpfer Schlag, der die Erde erbeben ließ“, schreibt darin die Lehrerin Adele Trip. „Das Licht erlosch. Wir beschlossen, in den kleinen, nach dem Goethehaus zu gelegenen Keller zu gehen, der als besonders sicher galt.“

Das Areal westlich des Doms beherbergte bis dahin eine der größten mittelalterlichen Altstädte Deutschlands: das Rathaus Römer, das Renaissancegebäude „Goldene Waage“, in der Nachbarschaft das Goethehaus und die Paulskirche. Die Stadt lag plötzlich darnieder. Nur der Treppengiebel des Römers, der Turm des Doms und das Haus „Wertheim“ blieben stehen.

„Stürme von dichtestem Staub und Funken fahren daher, wo vor einer Stunde noch Ecken waren oder ein Halt. Links und rechts stürzen die schönen Häuser über die Gasse und legen Berge von Steinen und Balken darauf, mit jeder Minute ein krachender Schlag, für Sekunden eine erstickende Staubwand, an alter Stelle gähnt Leere“, beschreibt der Maler Rudolf Schoeller den Untergang des Quartiers. „Der rote Widerschein bleibt auf dem Platze kleben, bis krachend und stöhnend das Ganze zerfällt und in wenigen Minuten nichts mehr von alledem da ist. Mit diesem Augenblick wird mir bewusst, was verloren ist.“

Beschreibungen, die die Erinnerungskultur eines mythisch überhöhten Orts bis heute prägen. Denn tatsächlich war Alt-Frankfurt mit seinen engen Gässchen, Fachwerkhäusern und Hinterhofverbauungen Anfang des 20. Jahrhunderts alles andere als ein Vorzeigequartier. Der ehemalige Leiter des Stadtarchivs, der Geschichtsprofessor Wolfgang Klötzer (1925-2015), hat mehrfach darauf hingewiesen, dass schon damals der Magistrat der Stadt dem „baulichen Verfall und der sozialen Verelendung kaum Einhalt gebieten konnte“.

Das hat sich mit dem 200 Millionen Euro teuren Wiederaufbau der Altstadt freilich geändert. Jüngst hat das umstrittene Projekt den Preis der europäischen Immobilien-Fachmesse MIPIM in der Kategorie „Stadterneuerung“ erhalten. Und seit der Wiedereröffnung im vergangenen September hat sich das gerade einmal sieben Hektar große Quartier nach Darstellung der Stadt zu einem Besuchermagneten entwickelt.

Der Wiederaufbau hat, wie schon bei der 1985 im Fachwerkstil errichteten Zeile auf dem Römerberg, mit geschichtlichen Realitäten recht wenig gemein: Da kleinteilig auf einer Tiefgarage gebaut wurde, reihen sich Kopien und Neu-Altbauten willkürlich aneinander.

Vor der „Goldenen Waage“ soll nach Darstellung der zuständigen DomRömer GbmH voraussichtlich noch im kommenden Jahr wieder die Gedenkplatte des Künstlers Willi Schmidt (1924-2011) eingelassen werden. Die Bronzearbeit aus dem Jahr 1978 erinnerte früher vor der benachbarten Schirn Kunsthalle an das Bombardement, wurde wegen der Bauarbeiten aber entfernt und eingelagert. Nach Angaben des Kulturdezernats wird darüber nachgedacht, sie mit einem ergänzenden Text zu versehen. (dpa) 

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