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Polizeikraefte am Nibelungenplatz, auch ein Teil der Miquelallee ist gesperrt. Foto: Renate Hoyer
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Polizeikraefte am Nibelungenplatz, auch ein Teil der Miquelallee ist gesperrt.

Bombe im Nordend

Frankfurt: Bombenfund im Frankfurt Nordend – Mit Bikini und Zahnbürste auf der Flucht

  • Kathrin Rosendorff
    VonKathrin Rosendorff
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Der Fund einer hochexplosiven Weltkriegsbombe im Nordend in Frankfurt betrifft am Mittwoch 25.000 Menschen. Wohnungen werden evakuiert.

Immer wieder müssen die beiden Polizeibeamten am Mittwochnachmittag in der abgesperrten Schwarzburgstraße/Ecke Gluckstraße im Frankfurter Nordend dieselben Fragen beantworten: „Was, eine Bombe? Wie, ich muss aus meiner Wohnung? Jetzt gleich? Wie lange? Und wo soll ich hin?“ Zwischendurch ertönen die Lautsprecherdurchsagen vom Polizeiwagen: „Bitte verlassen Sie sofort Ihre Wohnung. Es wurde eine hochexplosive Bombe bei Bauarbeiten gefunden.“

Konkret handelt es sich dabei, wie eine Polizeisprecherin später berichtet, um eine 500 Kilogramm schwere englische Sprengbombe aus dem Zweiten Weltkrieg mit 250 Kilogramm Strengstoff. „Sie muss heute noch gesprengt werden, weil der Langzeitzünder unberechenbar ist.“ Im 700-Meter-Radius wird evakuiert. 25 000 Menschen sind von der Evakuierung betroffen. Gefunden worden ist die Bombe am Mittag bei Bauarbeiten am Glauburgbunker in der Schwarzburgstraße, dort sollen neue Wohnungen entstehen. Eine junge Frau schaut wenige Meter von der Baustelle entfernt von ihrem Balkon herunter, lacht, als sie die Polizei sieht, und geht wieder in die Wohnung. So ganz scheint sie den Ernst der Lage nicht zu begreifen.

Bombenfund in Frankfurt: Mit dem Fahrrad auf der Flucht

Eine andere Anwohnerin, die bis eben im Homeoffice saß, ist da schon längst ungeduscht im Jogging-Outfit runtergerannt und mit dem Fahrrad auf der Flucht. „Die Polizei sagte mir, dass die Weltkriegsbombe, die sie gefunden haben, wohl jeden Moment in die Luft fliegen kann, und sie sie aber nicht entschärfen können, sondern sie gesprengt werden muss“, sagt sie und setzt ihrer Flucht auf dem Rad fort. Wohin sie ungeduscht gehen soll, weiß sie auch erstmal nicht so genau. „Alle Cafés sind ja wegen Corona zu“, sagt eine Nachbarin. Ein Polizeibeamter sagt: „Es fahren Busse zur Eissporthalle, da sind Zelte aufgebaut. Wir hoffen, dass sie am Abend wieder in ihre Wohnungen zurück dürfen.“

In einer Ecke sitzen auf zwei Stein-Pfosten zwei Anwohnerinnen. Sie wissen auch nicht wohin. „Ich bin im Homeoffice und habe erstmal meinen Laptop, Kreditkarte und Autoschlüssel geschnappt. Ich schaue auch gerade, ob Hotels frei sind, das ist ja eine Notsituation. Also falls wir doch nachts nicht wieder in unsere Wohnungen können“, sagt die Dame. Angst habe sie keine, sie sieht es eher wie ein Abenteuer: „Man wird mal aus seiner Corona-Lethargie geschmissen.“ Auch ihre Nachbarin nimmt es mit Humor: „Zumindest scheint heute die Sonne. Bei Hagel wie gestern wäre das eine ganz andere Nummer.“

Der Evakuierungsraum.

Die FR-Fotografin Renate Hoyer, die noch vor der Absperrung in der Glauburgstraße parken konnte, merkt wenig später, dass normales Wegfahren jetzt nicht mehr geht. „Denn es stehen da schon auf der Straße Lastwagen in Zweierreihen, die den vielen Sand ankarren, damit die Detonation abgemildert wird, „Ich konnte nur noch mit dem Auto über den Bürgersteig, also mit Polizeierlaubnis rausfahren“, erzählt sie später.

Die Weltkriegsbombe in Frankfurt hat alle überrascht – auch die Polizei

Die Bombe hat alle überrascht. Auch die Polizei. Sie gibt an diesem Tag, weil da schon alles im 700-Meter-Radius der Bombe abgesperrt ist, ihre Presseauskünfte an der Waschstraße der Tankstelle gegenüber der Deutschen Nationalbibliothek.

Unweit dieser Tankstelle ist Christian Stein (43) mit seinen drei Kindern im Alter von 8, 10 und 13 auf dem Rad unterwegs. „Ich war bei der Arbeit in der Innenstadt, als mir ein Kollege sagte, dass ich von der Bombe betroffen bin. Ich habe dann erstmal meine drei Kinder vom Hort abgeholt. Eigentlich wollten wir jetzt zu Freunden, aber deren Kind ist gerade positiv auf Corona getestet worden. Also fahren wir jetzt erstmal nach Bockenheim. Meine Frau arbeitet als Hebamme im Elisabethenkrankenhaus, da werden gerade alle werdenen Mütter vom Bürgerhospital hingebracht. Ich hoffe, dass wir in einem Raum im Krankenhaus unterkommen können.“ Sein Sohn Marlin (13) sagt, spannend fände er die Bombe nicht. „Nur nervig.“

Die Menschen, dir wollten, fanden in der Eissporthalle Zuflucht.

Dort an der Adickesallee/Friedberger Landstraße ist schon alles in Richtung Bombenort weiträumig abgesperrt, weder Autofahrer:innen noch Radfahrer:innen oder Fußgänger:innen kommen mehr durch. Immer wieder filmen Passanten an der Kreuzung die vorüberrauschenden Polizei- und Feuerwehrwagen, die Sirenen übertönen alles.

Bombe in Frankfurt: Auf dem Weg zur Eissporthalle

Ein 83 Jahre alter Mann steht unweit der Deutschen Nationalbibliothek und wartet auf den Bus, der ihn zur Eissporthalle bringen solle. Er hat nicht auf den Krankentransport gewartet wie andere ältere Leute. Er betont, er sei fit genug mit seinem Gehstock, alleine von seiner Wohnung, noch vor dem Bombe zu fliehen. Mit Bomben habe der Alleinstehende Erfahrung, er wisse, wie gefährlich sie seien. „Als Kind habe ich noch in Bremen die Bombenangriffe selbst miterlebt. Wir lagen auf dem Boden im Keller im Nachbarhaus und wussten nicht, ob wir überleben werden.“ Als er das sagt, schießen ihm die Tränen in die Augen.

Eine Dreier-WG, die ebenfalls ihre Wohnung im Nordend verlassen musste, wartet unweit von ihm. Den Zweiten Weltkrieg kennen Greta (23), Malte (24) und Sophie (25) nur aus Geschichtsbüchern. Sie sind gelassen. „Als wir von der Bombe erfahren haben, war Malte noch bei der Arbeit. Wir haben ihm eine Sprachnachricht aufgenommen. Wir sagten: „Hier geht’s ab. Es gibt ein kleines böses Zwischenereignis. Komm mal schnell nach Hause.“ Greta sagt: „Als er nach Hause kam, haben wir die Bombe platzen lassen.“ Sie lacht. Dann hätten sie noch schnell Zahnbürsten, Wechselsachen, Ladekabel und Laptop eingepackt. „Und wir Mädels haben auch einen Bikini eingepackt. Wer weiß, vielleicht wird unter all den Leuten, die vor der Bombe fliehen mussten, eine Reise nach Mallorca verlost. Man muss auf alles vorbereitet sein“, betont Greta.

Zwei Stunden später ist der Bus noch nicht da, Freunde fahren sie. Als die Dreier-WG gegen 20 Uhr an der Eissporthalle ankommt, werden gerade Bierbänke und Babybetten aufgebaut. Langsam bildet sich eine Schlange, berichtet Greta. „Aber noch gibt es nichts zu essen.“

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