Antisemitismus

Vom Bohren dicker Bretter

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Auf einer Konferenz des Zentralrats der Juden wird in Frankfurt über pädagogische Konzepte gegen Antisemitismus diskutiert.

Wenn auf einem Schulhof das Wort „Jude“ als Schimpfwort benutzt werde, sei der Fall klar, sagt Dervis Hizarci. Dann müssten Lehrerinnen und Lehrer eingreifen, meint der Antidiskriminierungsbeauftragte des Landes Berlin. „Um in Alltagssituationen zu handeln, braucht man kein Antisemitismus-Experte zu sein.“ Das stimme zwar, wirft Marina Chernivsky von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland ein. Und trotzdem werde immer noch unterschätzt, wie tief Antisemitismus in sozialen Strukturen, in Gedanken und Gefühlen in Deutschland verankert seien. Noch gebe es kein echtes Patentrezept, um dieses komplexe Problem anzugehen. „Das entwickeln wir gerade.“

Wie kann Bildungsarbeit erfolgreich gegen Antisemitismus vorgehen? Und welchen Nutzen bieten die vielen empirischen Studien zum Antisemitismus für die pädagogische Praxis? Diese Fragen wurden bis Freitag drei Tage lang in der Frankfurter Jüdischen Gemeinde diskutiert. Mehr als 200 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Pädagogik waren aus der ganzen Republik zur Konferenz „Antisemitismusstudien und ihre pädagogische Konsequenz“ angereist, die von der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland organisiert worden war.

Emotionale Ansprache

Bei der Abschlussdebatte, bei der auch Dervis Hizarci und Marina Chernivsky zu Wort kamen, wurde mehrfach betont, dass antisemitische Einstellungen nicht nur durch intellektuelle Ansprache aufzubrechen seien. Vielmehr sei es wichtig, Jugendliche oder Erwachsene auch auf der emotionalen Ebene zu erreichen, sagte etwa Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg. Deborah Krieg von der Bildungsstätte Anne Frank betonte, es brauche bessere Strukturen: Lehrerinnen und Lehrer bräuchten etwa konkrete Hilfe, um antisemitische Äußerungen in der Schule zu erkennen und mit ihnen umzugehen. „Wir müssen Handwerkszeug dazu entwickeln“, so Krieg. Und Luisa Maria Schweizer von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft warf ein, es sei zentral, über die persönliche Verstricktheit nachzudenken, wenn es um Antisemitismus gehe. Dafür sei es nötig, dass in deutschen Familien ehrlicher über die eigene Rolle zur Zeit des Nationalsozialismus gesprochen werde.

Neben Lesungen und Workshops etwa zu Antisemitismus im Hip-Hop oder Bildungsarbeit gegen Israelhass gab es an allen drei Tagen Vorträge zu Schwerpunkten der Konferenz. Yael Kupferberg vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfS) betonte beispielsweise, dass das Verhältnis nichtjüdischer Deutscher zu Juden noch lange nach 1945 von antisemitischen Klischees bestimmt gewesen sei. Antisemitismus sei so schwer zu bekämpfen, weil Antisemiten zur Erfahrung nicht fähig seien. „Antisemiten schaffen sich ihre paranoide Wirklichkeit.“ Und der Hass richte sich nicht nur gegen Juden, sondern gegen jede liberale, demokratische Gesellschaft.

Stefanie Schüler-Springorum, Leiterin des ZfS, hob als Fazit vieler empirischer Studien der letzten Jahre hervor, dass die Zustimmung zu offen antisemitischen Aussagen sinke. Trotzdem werde Judenhass eher lauter, Juden erlebten mehr Übergriffe. Sie vermute, dass die Verrohung in der politischen Debatte dazu führe, dass latente Ressentiments aufbrächen, so Schüler-Springorum. Der Kampf gegen sie sei möglich, werde aber viel Zeit brauchen.

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