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Luxuswohnen einst ? und auch heute begehrt: der Sonnenring in Sachsenhausen.

Stadtentwicklung in Frankfurt

Schön: Bauten der 70er Jahre in Frankfurt

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Ein neuer Architekturführer will zeigen, dass auch in den 70er Jahren in Frankfurt qualitätvoll gebaut wurde.

Es ist der Versuch der Ehrenrettung eines Jahrzehnts, das keinen guten Ruf besitzt. Die 70er Jahre in Frankfurt: Die Kommune galt als eiskalte, menschenfeindliche Hauptstadt des Kapitals und der Banken. Ein Verdikt wie „Krankfurt“ machte die Runde: Die Stadt nicht lebenswert, mit einer durch Verkehrsströme und ungezügelte Bautätigkeit zerstörten Umwelt. Doch der Architekt Wilhelm Opatz hält jetzt mit seinem neuen Architekturführer über Frankfurt in den Jahren 1970 bis 1979 dagegen.

„Ich wollte ein Jahrzehnt, das ungeliebt und verschrien ist, von seiner schönen Seite zeigen“, sagt Opatz im Gespräch mit der FR. Wichtige Bauten der 70er Jahre hat Frankfurt bereits in den Orkus der Geschichte entsorgt: das Technische Rathaus – an seiner Stelle entstand die neue Altstadt – oder das alte Historische Museum, ersetzt durch den 2017 eröffneten Neubau.

„Trotz der Bauten der brutalistischen Architektur waren die 70er Jahre architektonisch ein tolles Jahrzehnt“, urteilt Opatz. In seinen Augen entstanden damals auch bemerkenswert qualitätvolle Bauten – und er zeigt sie. Für jedes Jahr steht ein besonderes Gebäude.

Das beginnt 1970 mit dem Lufthansa-Hangar V, in dem die Fluggesellschaft ihre damals größten Jets unterbringt: die Boeing 747. Seinerzeit handelte es sich um die größte Flugzeugwartungshalle der Welt. Sie wurde entworfen vom ABB Architekturbüro Beckert + Becker. 328 Meter lang, 112 Meter tief, eine Grundfläche von mehr als 30 000 Quadratmetern. Ein Stahlbetongerüst trägt ein Hängedach: Bis heute ist es das am weitesten gespannte der Welt, noch immer wirkt es „monumental und zugleich luftig“.

Für 1971 steht das Haus Behrens, ein vom Architekten Til Behrens entworfenes Wohngebäude Am Treutengraben 25 in Hausen. Ein Bungalow mit Flachdach, entstanden als Holzskelettbau. In seiner Schlichtheit bis heute frappierend und überzeugend.

Das Jahr 1972 wird vom Neubau der Deutschen Bundesbank vertreten, wieder ein Entwurf des Büros Beckert + Becker (Wilhelm-Epstein-Straße 14). Ein sachlich-funktionales Gebäude im Stil des Brutalismus – seine Sanierung steht jetzt bevor.

Ikonen der modernen Architekt sind 1973 die Olivetti-Türme des Architekten Egon Eiermann in der Lyoner Straße 34 in Niederrad. Transparenz aus Stahl und Glas, im Jahre 1995 saniert.

1974 folgte das City-Haus I am Platz der Republik, ein Entwurf der Architekten Johannes Krahn und Richard Heil. Der Büroturm, der heute zur DZ-Bank gehört, war seinerzeit als Selmi-Hochhaus bekannt, getauft nach seinem Bauherrn, dem persischen Großkaufmann und Bankier Ali Selmi. Es wurde von vielen Menschen als Symbol für die Zersiedelung des Westends und die Zerstörung von Wohnraum bekämpft – als es in der Nacht zum 27. August 1973 auf dem Rohbau brannte, feierte das eine Menschenmenge zu Füßen des Turms.

Für 1975 steht wieder ein Wohnhaus, das niemand mehr kennt. Das Haus Hanne, Niedwisenstraße 127, entworfen vom Architekten Ulrich Beck, ist ein Bungalow mit Flachdach. Für 1976 wird die Wohnanlage Leuchte präsentiert, die Enkheim und Bergen verbindet, konzipiert von den Architekten Rainer Greiff und Falk Schien. 16 Wohnungen gehören zu diesem Komplex, mit kleinen ummauerten Höfen und begrünten Laubengängen – Wohnen mit Qualität.

Für 1977 präsentiert der Architekturführer eines der damals größten, aber auch umstrittensten Wohnquartiere der Stadt: den Sonnenring am Sachsenhäuser Berg, Mailänder Straße 1—15, konzipiert vom Architekten Günther Balser. Acht Wohnblöcke mit mehr als 300 Einheiten, bogenförmig angeordnet, standen in den 70er Jahren als Beispiel für teures Luxuseigentum. Heute sind die Wohnungen mit Fernblick auf die Innenstadt begehrt.

1978 entstand das damalige Hochhaus der Dresdner Bank, am heutigen Jürgen Ponto-Platz 1. Der Turm nach dem Entwurf von ABB Architekten, heute an die Deutsche Bahn vermietet, war mehr als ein Jahrzehnt lang das höchste Gebäude Deutschlands. Das wegen seiner silbern eloxierten Aluminiumpaneele „Silberturm“ getaufte Hochhaus ging aus einem Architektenwettbewerb hervor.

1979 schließlich noch ein Turm: Das Frankfurter Büro Center (FBC), entworfen von Richard Heil. Das Hochhaus auf dem Grundstück Mainzer Landstraße 46 führt heute geradezu ein Schattendasein neben seinen spektakuläreren Nachbarn wie etwa dem Kronenhochhaus der DZ-Bank.

Das Buch über die 70er Jahre ist das dritte, das Wilhelm Opatz herausgibt: nach den 50er und 60er Jahren. Der Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main und andere Förderer haben dabei ein besonderes Werk möglich gemacht. Es ist mit Essays angereichert, etwa von Ingeborg Flagge, frühere Direktorin des Deutschen Architekturmuseums. Hermann Glaser, langjähriger Kulturdezernent von Nürnberg und einer der prägenden deutschen Kulturpolitiker, schrieb wenige Wochen vor seinem Tod noch einen Beitrag. Und der Filmemacher und Autor Alexander Kluge gab in einem Interview Auskunft (Auszug nebenstehend). Er hatte 1974 mit seinem Film „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ die Frankfurter Verhältnisse gespiegelt.

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