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Hochhäuser der Julius-Brecht-Straße.

Frankfurter Berg

Straße im Wandel

Die Hochhäuser in der Julius-Brecht-Straße haben dem Frankfurter Berg lange ein Negativ-Image verpasst. In den letzten Jahren hat sich das Bild gewandelt. Die Bevölkerung ist sozial gemischter, ein Jugendhaus kümmert sich um Integration.

Von Philip Dingeldey

Die grauen Hochhäuser der Julius-Brecht-Straße prägen den Frankfurter Berg optisch - kein Wunder, befindet sich dort doch das mit 26 Stockwerken zweitgrößte Wohnhaus der Stadt. Der einst schlechte Ruf der Straße belastet bis heute das Ansehen des ganzen Stadtteils.

Benannt ist die Straße nach dem 1900 geborenen Julius Brecht, der als SPD-Bundestagsabgeordneter von 1957 bis zu seinem Tod 1962 für den sozialen Wohnungsbau gearbeitet hat. Er war Direktor des Gesamtverbandes Sozialer Wohnungsbau und stellvertretender Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung. Erst seit wenigen Jahren gerät sein Name in Verruf, da er zuvor Mitglied der NSDAP war.

Viele Städte haben Orte mit Sozialwohnungen nach Brecht benannt - so auch Frankfurt, als es die Straße zwischen 1966 und 1968 baute. Mit 850 Wohneinheiten für 4000 Menschen hat das Projekt 50 Millionen Mark gekostet.

„In den 70ern kamen sozial Schwache dorthin“, sagt der Vorsitzende des Bürgervereins und der SPD-Fraktion im Ortsbeirat 10, Michael Bartram-Sitzius. „Damals war es rau in der Straße, da viele verschiedene Kulturen auf engem Raum zusammenkamen.“ Das Wohnungsamt habe zu dieser Zeit Mieter vermittelt, ohne Integrationsarbeit zu leisten.

Krasse Worte vom Böhsen Onkel

Viele hätten das Wohnen dort als unmenschlich bezeichnet, Kinder seien aggressiv geworden. 1992 verursachte etwa ein Zwölfjähriger eine Serie von 16 Bränden in den Hochhäusern. Immer wieder beschwerten sich Anwohner, dass sie belästigt oder nicht ins Haus gelassen worden seien. Viele Frauen hätten sich in den 90er Jahren hilfesuchend an den Frauentreff in der Straße gewandt, oft arbeitslose alleinerziehende Mütter aus zerrütteten Familienverhältnissen.

Ein Mitglied der umstrittenen Rockerband Böhse Onkelz stammt aus der Julius-Brecht-Straße. In der Band-Biografie „Danke für nichts“ findet er krasse Worte für die Siedlung: „Bunker, in denen mehrmals pro Jahr eine Frau vergewaltigt wurde, mit düsteren Treppenaufgängen, (…) mit kryptischen Parolen an den Wänden (…) man wurde automatisch krank. Wirklich interessant wurde es nur, wenn die Bullen kamen oder ein Selbstmörder vom Dach sprang.“

Gebäude saniert, Grünflächen angelegt

Ende der 80er wurden die Wohneinheiten der Julius-Brecht-Straße von einem Investor aufgekauft. Als sie einige Jahre später aus der Sozialbindung fielen, stiegen die Mieten. Anwohner klagten dagegen. Das Erbe Brechts und des Sozialen Wohnungsbaus wurde demontiert. Vergangenes Jahrzehnt wurde die Lage besser. Der Investor meldete Insolvenz an, die Wohnungen kamen auf den Markt.

„Manche Mieter haben die Wohnungen selbst gekauft“, berichtet Bartram-Sitzius, „aber das konnten nur die mit entsprechendem Kapital.“ Die Klientel in der Straße sei dadurch sozial gemischter geworden. Für den Wohnungsmarkt wurde die Infrastruktur verbessert, Gebäude saniert, Grünflächen angelegt und in Hausnummer 1 eine Pförtnerloge eingebaut. „Heute nimmt man die Brecht-Straße im Stadtteil nicht mehr negativ wahr“, sagt der Vorsitzende des Bürgervereins. Die Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft Hessen hält dort 450 Wohnungen.

Zur Verbesserung trägt wohl auch das Jugendhaus Frankfurter Berg bei, das seit 2003 in der Julius-Brecht-Straße 10 seinen Sitz hat. 40 bis 60 Jugendliche von 15 bis 21 Jahren aus dem Stadtteil gehen täglich dorthin. „Wir helfen bei der Integration, wir unterstützen die Jugendlichen bei Hausaufgaben und Bewerbungen oder üben Deutsch“, sagt der Leiter Ayhan Toprak. Auch können die Jugendlichen dort Sport treiben und musizieren.

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