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Die Buchhandlung und ihre Chefin Verena Schaedel, hinten Mitarbeiter Markus Zimmermann.
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Die Buchhandlung und ihre Chefin Verena Schaedel, hinten Mitarbeiter Markus Zimmermann.

Bockenheim

Karl-Marx-Buchhandlung in Bockenheim: Belletristik im HinterzimmerBelletristik imHinterzimmer

  • George Grodensky
    VonGeorge Grodensky
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Die Karl-Marx-Buchhandlung in Frankfurt kommt gut durch die Pandemie. Die Feier zum 50. Jahrestag wird dennoch verschoben.Die Karl-Marx-Buchhandlung verschiebt wegen Pandemie die Feier zum 50. Jahrestag

Wer eine Haltung hat, lässt sich von ein paar Schwierigkeiten nicht gleich umwerfen. Die Karl-Marx-Buchhandlung in Frankfurt-Bockenheim hätte im Februar ihren 50. Jahrestag feiern können. Aber da war gerade Lockdown. Und auch jetzt scheint die Zeit der großen Feiern noch nicht da zu sein, zumindest für Menschen, die einen kritischen Blick aufs Welt- und Pandemiegeschehen pflegen. „Dann feiern wir halt den 52. Jahrestag“, sagt Geschäftsführerin Verena Schaedel nüchtern.

Dabei finden die Buchhändlerin und das sie umgebende Kollektiv es „durchaus feiernswert, dass es uns so lange gibt“. Auch hegen sie keine Scheu vor dem Internet. Aber ein Fest sollte ein Fest sein, mit Umarmungen, Sekt, Gelächter. Ohne Bevormundung. „Wir wollen keine Impfausweise oder Tests kontrollieren.“ Zumal das fünfköpfige Team so schon genug zu tun hat. Die Strahlkraft des Mediums Buch scheint zumindest in Frankfurt ungebrochen.

Selbst im härtesten Lockdown haben die Menschen Bücher gekauft. Sogar mehr als zuvor. „Es gab ja wenig andere Möglichkeiten, sich die Freizeit zu vertreiben“, sagt Schaedel, die auf ein „enorm starkes“ Herbst- und Frühjahrsgeschäft zurückschaut. Im Lockdown hat das Team die Ware mit dem Rad ausgeliefert. Ein Mitglied wohnt in Rödelheim, ein anderes in Bornheim. „Damit decken wir die Stadt ganz gut ab“, sagt Schaedel. Und: „Danach weiß man, welche Stadtteile dringend eine Buchhandlung brauchen.“ Etwa das Gallus oder das Bahnhofsviertel.

Bockenheim ist gut versorgt. Mit seinen 65 Quadratmetern wirkt das Karl-Marx-Lädchen übersichtlich. Wer sich die Regale allerdings genauer anschaut, sollte Zeit mitbringen. So viel gibt es zu entdecken. Der Umzug der Universität auf den Campus Westend ist eine Herausforderung gewesen. „Wir hatten Einbrüche, aber nicht so schlimm wie befürchtet“, sagt Schaedel. Die zehn bis zwölf Prozent Verlust habe das Kollektiv nach und nach wieder reingeholt. Das Gros des universitären Publikums ist der Buchhandlung treu geblieben, viele kehren nach dem Studium immer wieder zurück, haben dann auch mehr finanzielle Ressourcen.

Die Buchhandlung hat sich auch mehr zum Stadtteil orientiert. Das Entree gehört der Wissenschaft, da stehen die Philosophie, die Pädagogik, Politik, Psychologie. Aber dahinter lockt die Belletristik, verführt sogar zum Stöbern im Hinterzimmer, einen gänzlich abgeschiedenen Büroraum gibt der Platz nicht her. Gegenüber dem Verkaufstresen findet sich die Literatur für Kinder. „Es ziehen immer mehr Familien nach Bockenheim“, sagt Schaedel. Sogar eine winzige Koch-Ecke gibt es inzwischen. Yotam Ottolenghis Anleitung für simple Gerichte hat Schaedel so oft bestellen müssen, dass sie es inzwischen vorrätig hält. Sagt sie und lächelt ihr hintergründiges Lächeln.

Seit 50 Jahren residiert die Buchhandlung an der Jordanstraße, 2019 wäre das Haus fast zwangsversteigert worden. Das Team fürchtete das Schlimmste. Vorerst ist nichts geschehen. Seither sind sie aber wachsam, halten die Augen auf nach möglichen Ausweichquartieren in Bockenheim. Ein paar Häuser weiter etwa steht seit Jahren die ehemalige Gaststätte Pielok leer. Das Gebäude gehört der Stadt. Die lässt sich Zeit mit der Vermarktung.

Auch wenn die Revolution nicht mehr an der Jordanstraße geplant wird – mit Kapitalismuskritik kennen sie sich aus. Die wilde Vergangenheit der Buchhandlung ringt Verena Schaedel immerhin ein freundliches Lächeln ab. 1970 Buchverkaufsstelle des Verlags „Neue Kritik“; politische Literatur für das Umfeld des „Sozialistischen Deutschen Studentenbunds“; Treffpunkt der Frankfurter Spontis. Deutsche Heldensagen Frankfurter Prägung.

Lieber spricht Schaedel über die Gegenwart. „Man muss wissen, was man tut“, sagt sie über das Geheimnis, wie kritische Kundinnen und Kunden bei der Stange zu halten sind. Also das Sortiment im Blick haben, den Wandel in der Stadt beobachten. Seit es den AfE-Turm nicht mehr gibt, sind klassische Soziologie und Politologie weniger gefragt. Dafür ist das Interesse an feministischer Literatur gestiegen, außerdem an den Themen Rassismus und Antisemitismus.

Es hilft, dass sich die Mitarbeitenden im Kollektiv mit ihren individuellen Kenntnissen einbringen, sagt Schaedel, die den Teamgeist beschwört. Micha Hintz, Markus Zimmermann, Florian Geisler und Fedor Renje, alle könnten sie sich an der Jordanstraße entfalten, findet Schaedel. „Was buchhändlerisch zu tun ist, kann man sich beibringen.“ Wichtiger sei die inhaltliche Ebene. Die Vorbildung, die erlaubt, im Wust an Neuveröffentlichungen die Schätze zu finden.

Karl Marx Buchhandlung, Jordanstraße 11, Tel. 069 / 77 88 07; geöffnet Mo.-Fr. 10 - 18.30 Uhr, Sa. 10 - 14 Uhr. www.karl-marx-buchhandlung.de

Der Namensgeber als Handpuppe im Bücherregal.
Die Buchhandlung und ihre Chefin Verena Schaedel, hinten Mitarbeiter Markus Zimmermann. Peter Jülich (2)
Der Namensgeber als Handpuppe im Bücherregal.

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