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„Ein Abbruch des Juridicums entspricht nicht dem heutigen Stand“

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Von: Boris Schlepper

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Thomas Gutmann bedauert es, dass ein Erhalt des Juridicums keine Option ist.
Thomas Gutmann bedauert es, dass ein Erhalt des Juridicums keine Option ist. © Peter Jülich

Ortsvorsteher Thomas Gutmann (Grüne) spricht im Interview über den Kulturcampus in Bockenheim, äußert Kritik am möglichen Umzug der Dippemess in den Rebstockpark und setzt sich für der Erhalt von Traditionskneipen ein,.

In einer Serie blicken wir zurück auf das Jahr in den 16 Ortsbeiräten. Was waren die wichtigsten Themen, die den Ortsbezirk in den vergangenen zwölf Monaten bewegt und beschäftigt haben? Welche Erfolge oder Niederlagen gab es für das Stadtteilparlament? Wie geht es im kommenden Jahr weiter? Heute der Ortsbeirat 2 (Bockenheim, Kuhwald, Westend).

Herr Gutmann, im Juridicum auf dem alten Bockenheimer Campus werden demnächst Geflüchtete aus der Ukraine unterkommen. Mit der lang ersehnten Weiterentwicklung des Kulturcampus hat dieser Schritt aber nichts zu tun, oder?

Leider nein, auch wenn der Schritt ebenso zu begrüßen ist wie die Zusage, dass in dem Gebäude ebenfalls die Ada-Kantine unterkommen soll – und nach dem Wunsch des Ortsbeirats temporär Räume der Saalbau. Das eigentliche Projekt aber bewegt sich sehr langsam vorwärts. So soll jetzt der städtebauliche Wettbewerb für den nördlichen Bauabschnitt des Kulturcampus gestartet werden. Aber da wird nur geklärt, welche Gebäude wohin kommen können.

Das Juridicum selbst soll nach der Zwischennutzung abgerissen werden. Auch im Ortsbeirat gab es keine Mehrheit, das Gebäude auf jeden Fall zu erhalten. Ist das die falsche Entscheidung?

Ich verstehe nicht, warum die Stadt und das Land den Erhalt nicht in Erwägung ziehen. Angesichts des Klimawandels sowie der Energie- und Materialknappheit wäre es sinnvoll – und machbar, wie es Architekten dargestellt haben. Ein Abbruch entspricht nicht dem heutigen Stand.

Geeinigt hat sich der Ortsbeirat darauf, die Fläche an der Bockenheimer Warte im Rahmen der Bebauung des Kulturcampus nach der verstorbenen Schauspielerin Hannelore Elsner zu benennen. Im Gespräch war auch der Platz vor dem Palmengarten – den Elsners Sohn bevorzugt hätte. Hat Ihr Gremium da die richtige Wahl getroffen?

Es ist eine klasse Idee der CDU, den Platz nach einer so bekannten Schauspielerin zu benennen. Wenn die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst erst einmal auf den Campus gezogen ist und den Namen dann vielleicht in der Adresse trägt, wird das ein guter Berührungspunkt. Noch ist allerdings offen, welche Fläche genau umbenannt wird. Da wird ja künftig einiges neu geordnet.

Neu geordnet wird voraussichtlich auch der Festplatz am Ratsweg in Bornheim, sollte dort die Europäische Schule hinziehen. Dann könnte die Dippemess nach derzeitigen Plänen fortan im Rebstockpark stattfinden. Kein schöner Gedanke?

Nein. Das ist wie ein riesiges Damoklesschwert, das über uns hängt. Auch, weil wir nicht von Anfang an von der Stadt informiert worden sind, was geplant ist. Wir haben zunächst alles aus der Zeitung erfahren – das ist peinlich. Und ich kenne niemanden, der sich über eine Verlagerung freuen würde.

Vor kurzem erst haben Sie mehr als 200 Unterschriften von Kindern aus dem Rebstock und der Kuhwaldsiedlung erhalten, die durch die Verlagerung mehr Lärm und Schmutz befürchten ...

Richtig, und Anwohnerinnen und Anwohner beklagen sich sogar heute schon, dass ihnen das Sommerprogramm des Abenteuerspielplatzes dort zu laut ist. Kritik gibt es auch von den Schaustellern, die sagen, das Rasengitter am Rebstockpark eigne sich nicht für die großen und schweren Fahrgeschäfte wie das Riesenrad oder die Achterbahn. Es müsste die gesamte Fläche neu versiegelt werden, dabei liegt diese im Landschaftsschutzgebiet. Und nicht zuletzt sagt die Messe, sie brauche das Areal an 300 Tagen im Jahr. Das Thema wird uns noch länger beschäftigen.

Ruhig geworden ist es in diesem Jahr dagegen um die Umgestaltung des Kettenhofwegs und des Grüneburgwegs zu fahrradfreundlichen Nebenstraßen. Da gab es im vergangenen Jahr etliche Debatten bis hin zu Beleidigungen Ihrer Person. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Zur Person

Thomas Gutmann ist seit Mai 2021 Vorsteher im Ortsbeirat 2. Der 51-Jährige ist seit 2011 für die Grünen Mitglied des Stadtteilgremiums. Er arbeitet als selbstständiger Unternehmer in der Elektro-Metall-Branche.

Der Ortsbeirat 2 ist für die im Westen der Stadt gelegenen Stadtteile Bockenheim, Kuhwald und Westend zuständig; insgesamt leben dort 73 224 Menschen (Stand 30. Juni 2022).

Stärkste Fraktion im Ortsbeirat sind die Grünen mit sechs Sitzen. Die CDU hat vier Mandate und stellt mit Gutmanns Vorgänger Axel Kaufmann den stellvertretenden Ortsvorsteher. Die SPD verfügt über drei Sitze, FDP und Linke haben jeweils zwei, Ökolinx und BFF je einen.

Die erste Sitzung im neuen Jahr findet am Montag, 23. Januar, um 19 Uhr in der Evangelisch-r,eformierten Gemeinde, Freiherr-vom-Strein-Straße 8, im Stadtteil Westend statt. bos

Nein. Nachdem in beiden Straßen die ersten Abschnitte umgestaltet worden sind, hat sich kaum jemand gemeldet. Und es gab Leute, die ihre Meinung geändert haben, etwa nachdem sie gesehen haben, dass es jetzt Ladezonen gibt, in denen Gewerbetreibende halten können. Anfänglich gab es aber Irritationen, da Autos über den Modalfilter auf dem Grüneburgweg gefahren sind, der eigentlich nur von Fahrrädern passiert werden darf.

Bislang ist auf beiden Straßen nur jeweils einer von drei Abschnitten umgesetzt worden. Befürchten Sie, dass es doch wieder Streit geben wird, wenn die Arbeiten beendet sind?

Es gibt noch viel, was in beiden Straßen gemacht werden muss, bis die Umgestaltung abgeschlossen ist. Aber es handelt sich ja nur um einen Testlauf, der für ein Jahr gilt und der von der Frankfurt University of Applied Sciences wissenschaftlich begleitet wird. Das muss man abwarten und hinterher schauen. Wenig sinnvoll sind da etwa Anträge, wie wir sie zuletzt in der Sitzung hatten, demnach schon jetzt die ersten Radbügel wieder zurückgebaut werden sollen.

Geduld brauchen die Menschen auch, was den Lückenschluss der U-Bahnlinie 4 unter dem Grüneburgpark hindurch betrifft. Auf einer Infoveranstaltung vor kurzem beklagten sich viele, dass sie ihre Einwände nicht hätten einbringen können. Wie sehen Sie das?

Auf der Veranstaltung sind zwei Welten aufeinandergeprallt. Die einen wollten ihre Kritik äußern, die anderen sich informieren lassen. Und um Letzteres ist es vor allem gegangen: die Öffentlichkeit auf den neuesten Stand zu bringen – auch wenn es nur wenig Neues gab. Dennoch bin ich der VGF und der Stadt dankbar, dass sie sich die Mühe gemacht haben.

Derzeit laufen noch Gutachten, deren Ergebnisse voraussichtlich erst im kommenden Jahr vorliegen werden. Gibt es dann weitere Infoveranstaltungen?

Ja, wenn 2023 endlich Futter da ist, kann man sich auch darüber austauschen. In welcher Form, müssen wir schauen. Ich könnte mir auch vorstellen, einen ganzen Samstag für eine Vorstellung mit Diskussion Zeit zu nehmen. Das ist effektiver als eine dreistündige Infoveranstaltung am Abend.

Keine Lösung ist derzeit für den Mitscherlich-Platz an der Fürstenbergerstraße in Sicht. Noch immer ist das Areal neben dem ehemaligen Hochhaus am Park in einem trostlosen Zustand. Wie lange wird das noch so gehen?

Das ist sehr ärgerlich. Zwar sollte das Hotel neben dem Platz Mitte 2023 fertig werden, doch das sieht derzeit nicht so aus – da tut sich kaum etwas. Denn erst nach dem Ende der Bauarbeiten kann man das Areal angehen und für das Psychoanalytiker-Paar Alexander und Margarete Mitscherlich in einen würdigen Zustand umgestalten. Doch dafür müsste auch die Frage des Mietverhältnisses des Kiosks geklärt werden. Die Stadt hat den Wunsch des Ortsbeirats leider bisher nicht umgesetzt, dass der Mietvertrag für das Grundstück 2024 nicht verlängert wird und die Stadt den Kiosk zurückkauft und selbst verpachtet.

Um Pacht und Verkauf ging es auch in der letzten Sitzung 2022. Da hat sich der Ortsbeirat einstimmig für den Erhalt der Traditionskneipe Heck Meck in Bockenheim in seiner jetzigen Form ausgesprochen, da die Miete verdreifacht werden sollte. Am nächsten Tag hieß es dann, es gebe bereits einen neuen Mieter, der die Miete offenbar zahlen will. Sind da Ihre Bemühungen gescheitert?

Da können wir politisch leider nicht mehr viel tun. Wir konnten uns da eigentlich nur für einsetzen, viel Öffentlichkeit herzustellen – doch auch das ist manchen Vermietern offenbar egal. Zwar gibt es eine Erhaltungssatzung für den Stadtteil Bockenheim, aber die hilft nicht bei Gewerbe und der Gastronomie – obwohl das Aus eines Lokals wie dem Heck Meck massiv in das dortige soziale Milieu eingreift. Und das ist sehr bedauerlich. Denn so kommt es, dass alte Stadtteilkneipen verloren gehen, und dafür ständig neue aufploppen, die ein Jahr später wieder verschwunden sind.

Interview: Boris Schlepper

Für Gutmann wäre es keine gute Entscheidung, die Dippemess hier in den Rebstockbad ziehen zu lassen.
Für Gutmann wäre es keine gute Entscheidung, die Dippemess hier in den Rebstockbad ziehen zu lassen. © Rolf Oeser
Das Aus der Kneipe Heck Meck – hier Betreiberin Conni Rädler (links) und ihre Mitarbeiterin Michaela Schaar – bedauert Gutmann.
Das Aus der Kneipe Heck Meck – hier Betreiberin Conni Rädler (links) und ihre Mitarbeiterin Michaela Schaar – bedauert Gutmann. © Peter Jülich

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