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Albert Engelhardt packt 25 Jahre Bockenheimer Stadtteilgeschichte in seinen Krimi „Das andere Land“. Erzählung war Geschenk für seine Frau.

Bockenheim

Von Bockenheimer Mördern und Milieus

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Albert Engelhardt packt 25 Jahre Bockenheimer Stadtteilgeschichte in seinen Krimi „Das andere Land“. Erzählung war Geschenk für seine Frau.

Es ist ein feuchtfröhlicher Abend am Kurfürstenplatz. Er beginnt als Straßenfest, er endet mit einer Bluttat im Morgengrauen. Die lebenslustige Polin Lydia erlebt den nächsten Tag nicht. Drei Männer haben Motiv und Gelegenheit, die Tat zu begehen. Wer es war, das erzählt Albert Engelhardt in seinem neuen Buch „Das andere Land“.

Es ist, wohlgemerkt, eine Erzählung, ausgedacht. Der Kurfürstenplatz heißt im Buch Sedanplatz. Andere Institutionen, wie die Leipziger, tragen durchaus Klarnamen. Der Wiesbadener Autor hält die Spannung über 485 Seiten aufrecht. Er nutzt dazu einen Kunstgriff: Das andere Land ist nicht nur ein Krimi. Das Buch überbrückt 25 Jahre Bockenheimer Geschichte. Es ist eine Milieustudie, auch ein Zeugnis der Stadtentwicklung. Seine erfundenen Figuren bettet Engelhardt ins reale Geschehen vor Ort ein.

Die Geschichte kreist um die engen Gassen des Stadtteils, schweift auch in Randgebiete, gar, wenn ein Protagonist fortzieht, in die Ferne. Nach Hamburg, in die Türkei, nach Mallorca. Und Protagonisten gibt es reichlich. Die drei bereits erwähnten Männer, aus drei verschiedenen Milieus, ein Angestellter, ein Hausmeister, ein Journalist. Dazu lässt Engelhardt aus anderen Ländern zugezogene Bockenheimer auftreten, Einheimische, Intellektuelle, Arbeiter, Schüchterne, Schaumschläger, Gewerkschafter, alternative Aktivisten, rechte Lautsprecher. Das ganze bunte Gemisch des vielfältigen Stadtteils eben.

Der Autor hat sieben Jahre in Bockenheim gelebt.

Ein Geschenk für seine Frau sei die Erzählung zunächst gewesen, sagt Albert Engelhardt. In den 90ern hat der studierte Soziologe das Ursprungsskript ersonnen, damals war er gerade aus Bockenheim fortgezogen. Sieben Jahre hat er dort gelebt. In den beschriebenen Kreisen hat er sich gerne und ausgiebig bewegt. Aber irgendwie schien ihm der Text unfertig. Damals. Erst Jahre später hat er ihn wieder angerührt.

Engelhardt war beschäftigt. Mit der Arbeit als Journalist, mit Reisen in die Bretagne, mit dem Rennrad und mit der Frankfurter Eintracht. Die Dauerkarte führt ihn jeden zweiten Samstag ins Stadion im Stadtwald. Erst im Ruhestand hat er sich wieder dem Bockenheimer Mord gewidmet.

„Ich habe immer geschrieben“, erinnert er sich, aber „nie, um zu publizieren, einfach so“. 1990 sei ein schönes Datum, eine Zeitenwende, sagt Engelhardt über das Setting. Wegen der Wende, der Öffnung der Grenzen. Ein zeitloses Thema. Wie nimmt eine Gesellschaft neue Bürger auf? Als Bereicherung, als Bedrohung? Und selbst wenn Neuankömmlinge willkommen sind, wie kann Integration gelingen?

Engelhardt spielt mit diesen Ebenen, hat dem Werk den despektierlichen Zusatz „Siesta am Kanakenbunker“ verliehen. Das Asylantenheim steht im Buch als Mahnmal, auch als Widerspruch zum so weltoffenen und herzlich wirkenden Bockenheim. Zeigt auf, das manches Fassade ist.

Atemberaubend ist, wie sich der Stadtteil wandelt. Wo alles gebaut wird, wie sich die Namen der Kneipen über die Jahre ändern, dabei ist es immer der gleiche Laden. Mit der Bausubstanz ändern sich auch die Milieus im Stadtteil. Neue Generationen rücken nach, erobern sich die Wege und Plätze. „Das hat mich mein Leben lang begleitet“, sagt Engelhardt, der prüfende Blick auf die Gesellschaft, die sozialen Bindungen. Das Buch ist nicht autobiografisch, aber es steckt viel von Engelhardt auf den Seiten. Der 68-Jährige ist ein geselliger Typ. Er kocht gerne, seine Frau und er laden oft Besucher ein.

Entsprechend sind seine Charaktere oft in Kneipen zu finden, auf Festen, sind gute Gastgeber, selbst die Eigenbrötler sitzen gerne auf der Parkbank und hören anderen beim Plaudern zu. Engelhardt schafft es, die Figuren lebendig werden zu lassen, indem immer wieder andere Protagonisten als Erzähler einspringen und ihre Sicht der Dinge schildern. Sympathisch auch: Irgendein Protagonist hat immer eine FR dabei.

Albert Engelhardt, Das andere Land. Siesta am Kanakenbunker. Erhältlich im Buchhandel. Oder auf: www.bod.de

Im Naturschutzgebiet Schwanheimer Düne halten sich Besucher nicht an die Regeln, trampeln abseits der Wege, fangen Tiere ein. Die Naturschutzbehörde verzweifelt.

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