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200 Jahre Pillen, Salben und Hustensaft

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Von: Fabian Böker

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Die Apotheke Bock auf der Leipziger Straße wird dieses Jahr 200 Jahre alt. Annette Heinz führt den Betrieb in der dritten Generation.
Die Apotheke Bock auf der Leipziger Straße wird dieses Jahr 200 Jahre alt. Annette Heinz führt den Betrieb in der dritten Generation. © Monika Müller

Die heutige Apotheke Bock auf der Leipziger Straße wurde 1822 eröffnet. Der Familienbetrieb wird inzwischen in der dritten Generation geführt.

Dass Annette Heinz eine Apotheke in Bockenheim betreibt, ist jetzt nicht so außergewöhnlich. Dass sie mit der Bock Apotheke ein Familienunternehmen in mittlerweile dritter Generation leitet, schon eher. Und dass die Historie des Geschäftes in der Leipziger Straße 71 sogar exakt 200 Jahre zurückreicht, ist so außergewöhnlich, dass es zum Jubiläum in diesem Jahr eine eigene Festschrift gab.

Aus dieser geht hervor, dass die Apotheke eine bewegte Geschichte hinter sich hat. Eröffnet wurde sie am 13. November 1822 von Friedrich Georg Wörner, damals als Löwen Apotheke – und auch noch in der Frankfurter Straße. So hieß die heutige Leipziger Straße, bis Bockenheim 1895 eingemeindet wurde. Eine Umbenennung gab es 1907 auch bei der Apotheke, nachdem sie – ab 1842 hatte es diverse Besitzerwechsel gegeben – von Bruno Bock übernommen wurde. Aus Löwen wurde Bock – und 1968 aus dem immer wieder neu geführten Geschäft der Familienbetrieb, der er bis heute ist.

Josef Zweifel und seine Frau Margarethe, die Großeltern von Annette Heinz, übernahmen den Laden. Da Josef Zweifel auch eine Apotheke an der Konstablerwache führte, übergab er den Betrieb recht schnell an seine Tochter Edith und deren Mann Volkmar Heinz, Annettes Eltern. Nun begann ein neues Zeitalter, denn die beiden versuchten, die Tradition des Unternehmens und den Fortschritt miteinander zu verbinden. Anfang der 70er-Jahre war die Bock Apotheke eine der ersten in Deutschland, die Medikamente per Datenfernübertragung beim Großhandel bestellte.

Wirklich die erste Apotheke ihrer Art war sie dann Ende der 90er-Jahre. Annette Heinz war gerade dabei, den Laden von ihren Eltern zu übernehmen, da stieg sie ins Cannabis-Geschäft ein. „Wir waren die erste Apotheke in Deutschland, die Cannabismedikamente wie Dronabinol und Cannabidiol hergestellt hat“, sagt sie nicht ohne Stolz. Hintergrund war die schwere Erkrankung eines Freundes eines Studienkollegen, dem zur Therapie Schmerzmittel auf THC-Basis geholfen hätten. „Aber die waren in Deutschland nicht zugelassen, nur in Israel und den USA.“ Also tat sich Heinz mit Christopher Steup, Arzt und Apotheker, zusammen und stellte Dronabinol halbsynthetisch aus Faserhanf im eigenen Labor her. Das ging an sich recht schnell, es folgten lange und mühsame bürokratische Akte für die Genehmigung.

Seitdem aber stellt die Medikamenten-Herstellung – später kamen noch CBD-Produkte, die als THC-Ersatz gelten, ganz reguläre Pasten und Cremes sowie Sonderanfertigungen von speziell für Kinder geeigneten Produkten dazu – das wichtigste Standbein der Apotheke dar, für die derzeit 18 Personen arbeiten. „Wenn wir nur Aspirin verkaufen würden, hätten wir Probleme“, schätzt Annette Heinz die Situation ein. Es sei gerade die Konkurrenz durch Online-Apotheken, die Betrieben wie ihrem Probleme bereite. Am schlimmsten seien Kunden oder Kundinnen, die sich ausführlich im Laden beraten ließen und dann online bestellen. „Da könnte ich glatt kotzen“, so die gebürtige Frankfurterin unverblümt.

Aktuell gäbe es aber auch weitere Probleme. Aufgrund der in vielen Branchen und weltweit auftretenden Lieferprobleme gibt es derzeit zum Beispiel keine Fiebersäfte für Kinder. „In unseren Regalen klaffen große Lücken.“

Das sei umso bedauerlicher, als dass es sich bei den Regalen um die Innenausstattung von vor 200 Jahren handelt. Historische Möbel im dunklen Rotton, auf denen unter anderem auch Handwaagen und Holzgefäße stehen. Alles passt zu dem Haus aus der Zeit des Klassizismus‘, dessen Fassade auf der Leipziger heraussticht. Während der Bombenangriffe auf Frankfurt 1944 blieb es unbeschadet, seit 1985 steht es unter Denkmalschutz.

Daher verwundert es auch nicht, dass Annette Heinz für die Zukunft einen Wunsch hat: „Möge die Bock Apotheke als pharmazeutisches Kleinod noch viele Jahre fortbestehen.“

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