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Hier gibt es Wissenschaft und kritische Gegenöffentlichkeit: das Schaufenster der Karl-Marx-Buchhandlung in der Jordanstraße.

Bockenheim

Karl-Marx-Buchhandlung in Frankfurt bangt um ihre Zukunft

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Das Haus, in dem die legendäre Karl-Marx-Buchhandlung ihren Sitz hat, wird zwangsversteigert. Der Zuspruch für die Buchhandlung ist groß.

Die Zettel liegen direkt vorne an der Kasse, etwas chaotisch aufeinandergestapelt, viele schon komplett ausgefüllt. Dicht an dicht liest man die Namen von Menschen, die mit ihrer Unterschrift etwas bekunden wollen, was sie in politischen Fragen vermutlich selten fordern würden: Alles soll so bleiben, wie es ist.

Der Zuspruch der letzten Tage sei enorm gewesen, sagt Verena Schaedel und blättert durch den wüsten Zettelhaufen. Viele Menschen hätten spontan ganz unterschiedliche Hilfe angeboten, es habe besorgte Anrufe aus Berlin und Basel gegeben, sagt die Geschäftsführerin der Karl-Marx- Buchhandlung. Und jede Menge Kunden, Bekannte und Anwohner setzten ihren Namen auf eine der Listen. „Dabei ist es ja gar nicht so, dass wir möglichst schnell 1000 Unterschriften haben wollten“, sagt die 58-Jährige. Die Zettel seien ja zunächst nur eine vage Sympathiebekundung mit dem Laden. Aber die große Unterstützung tue natürlich gut.

Es ist eine gewisse Unruhe entstanden in Bockenheim, die so gar nicht zum gemächlichen Rhythmus in den sanierten Straßenzügen rund um den alten Campus passen mag. Seit kurzem ist bekannt, dass das Haus in der Jordanstraße 11, in dem die Buchhandlung seit 1971 ihren Sitz hat, am 12. April zwangsversteigert werden soll.

Obwohl das Haus offenbar nicht im allerbesten Zustand ist, fällt es nicht schwer, sich auszumalen, dass sich schnell ein solventer Käufer für das Objekt in bester Bockenheimer Lage finden wird. Und was der neue Eigentümer dann vorhat, steht in den Sternen. Sie habe Sorge, dass die derzeit noch einigermaßen zu stemmende Miete von 1700 Euro pro Monat sich erhöhen könnte, sagt Schaedel. Oder dass der neue Eigentümer auf die Idee kommen könnte, das Ladengeschäft im Erdgeschoss zu renovieren – und neu zu vermieten. „Wir hoffen, dass sich eine Lösung finden wird“, sagt Schaedel. Aber gegen die aktuelle Unruhe hilft das kaum.

Karl-Marx-Buchhandlung ist eine linke Frankfurter Institution

Wer verstehen will, warum die Probleme einer bald 50 Jahre alten Buchhandlung nicht nur in Bockenheim, sondern auch in Basel und Berlin für Aufsehen sorgen, der muss sich an die Anfänge der Karl-Marx-Buchhandlung erinnern. Denn das Geschäft in der Jordanstraße ist nicht irgendein Buchladen. Es ist nicht weniger als eine linke Frankfurter Institution.

„Ein politischer Ort“: Verena Schaedel ist die Geschäftsführerin der Buchhandlung.

Die Anfänge „der Karl Marx“, wie Mitarbeiter und Kunden den Laden bis heute nennen, reichen zurück in die studentische Protestbewegung der späten 60er Jahre. Als Verkaufsstelle des Verlags „Neue Kritik“ 1970 gegründet, versorgte die Buchhandlung zunächst das Umfeld des „Sozialistischen Deutschen Studentenbunds“ (SDS) mit politischer Literatur; dann war sie ein Treffpunkt der Frankfurter Spontis. Später prominent gewordene Aktivisten wie Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit und Tom Koenigs waren zwischenzeitlich Teil der kollektiv geführten Buchhandlung. Wenn im vergangenen Jahr, zum 50. Jubiläum von 1968, von den „Orten der Revolte“ die Rede war, dann ging es nach dem Institut für Sozialforschung und dem Hörsaalgebäude, in dem Theodor W. Adorno seine Vorlesungen hielt, irgendwann auch um das Haus in der Jordanstraße.

Natürlich spiele die Geschichte des Geschäfts eine Rolle, sagt Verena Schaedel, die selbst seit 1991 hier arbeitet. Manchmal kämen auch Alt-68er aus alter Verbundenheit durch die Tür, „für die die Buchhandlung Teil ihrer akademischen und intellektuellen Biografie war“. Aber man lebe nicht von linker Bewegungsnostalgie: „Unseren Alltag bestimmt das alles überhaupt keinen Hauch mehr. Wenn Alt-68er unsere primäre Kundschaft wären, wären wir seit 7000 Jahren pleite.“ Vielmehr habe man die Buchhandlung nach finanziellen Schwierigkeiten in den 80er Jahren als „aktuellen, politischen Ort“ fest im Stadtteil etabliert. Regelmäßig gibt es Buchvorstellungen und Diskussionen, der Laden führt Titel kleiner, linker Verlage und kümmert sich auch um abseitigere Themen. Und er ist bis heute ein Kollektiv: Alle fünf Mitarbeiter entscheiden gemeinsam.

Aktuelle Diskurse und Debatten in den Regalen

Beim Gang durch die Regale fällt sofort auf, wie intensiv die Buchhandlung sich bemüht, aktuelle Diskurse und Debatten abzubilden, nicht nur aus der politischen Linken. In den Regalen finden sich neben Philosophie, Soziologie und schweren Wälzern zur Kritik der politischen Ökonomie viele neuere Titel zum Feminismus und zu Gender-Themen, zum Antirassismus, postkolonialer Kritik oder zur Theorie des Antisemitismus. Belletristik, Kinderbücher und Zeitschriften runden das Angebot ab.

Im Grunde laufe der Laden auch nicht schlecht, sagt Schaedel. Selbstverständlich wäre es schön, die Mitarbeiter könnten sich selbst etwas mehr Lohn auszahlen – „reich wird hier keiner“. Aber da die Karl-Marx-Buchhandlung auch die Goethe-Universität beliefere, komme man recht gut über die Runden.

„Eigentlich geht es uns schon sehr gut“, wirft Michael Müller ein, der auch schon seit 15 Jahren fester Bestandteil des Ladens ist. „Wir haben einen schönen Beruf, und der Grad der Entfremdung ist sehr gering.“ Es sei eine befriedigende Aufgabe, ein kritisches Milieu mit neuer Literatur und Titeln der Gegenöffentlichkeit zu versorgen, sagt der 41-Jährige. Themen und Kundschaft veränderten sich von allein permanent. „Er ist völlig in Bewegung, dieser Laden.“ Im Grunde gebe es nur noch ganz wenige Geschäfte in Deutschland, die sich in diesem Sinne in der Tradition der seit den 70er Jahren an vielen Orten gegründeten linken Buchhandlungen sähen – vielleicht noch die „Schwarzen Risse“ in Berlin oder die Schanzenbuchhandlung in Hamburgs Schanzenviertel.

Dass die Buchhandlung nach Bockenheim gehört, steht für die Betreiber außer Frage. „Wir sind hier im Kiez verankert und wollen das auch gern bleiben“, sagt Verena Schaedel. „Wir sind ganz stark ein Ort des Stadtteils.“ Aktuell kursierten schon die ersten wilden Ideen, Geld zusammenzulegen und das Haus selbst zu kaufen. Aber dafür sei es noch zu früh, findet Schaedel. Man müsse die weitere Entwicklung noch ein wenig abwarten. „Wir bleiben optimistisch.“

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