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Die vordere Wand des Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert steht am Freitag noch. 

Bockenheim

Bockenheim: Großeinsatz auf der Leipziger Straße

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Anwohner alarmieren die Rettungskräfte, weil sie den Einsturz des leerstehenden Hauses mit der Nummer 68 fürchten. Das alte Gebäude wird abgerissen.

Das Dach und die Rückwand fehlen schon und auch das Innere des Gebäudes ist weitgehend entkernt. Ein riesiges gelbes Schild mit der Aufschrift „Betreten der Baustelle verboten“, prangt an dem Zaun davor. Das Haus Nummer 68 an der Leipziger Straße wird abgerissen. Der Bürgersteig ist abgesperrt, zwei grüne Container sind bereits gut gefüllt. Am Donnerstagabend hatte es vor dem Gebäude große Aufregung gegeben, die Feuerwehr, mehrere Polizeiwagen und ein Krankenwagen waren vor Ort. Ein Video zeigt, wie der obere Teil des Hauses einstürzt, die Straße ist abgesperrt, viele Menschen stehen hinter dem rot-weißen Band und beobachten und filmen das Geschehen mit ihren Handys.

Besorgte Anwohner hatten die Rettungskräfte alarmiert, weil sie Risse in der Fassade bemerkt hatten und fürchteten, das Gebäude könnte in sich zusammenfallen. „Anscheinend hatten sie die Arbeiter hinter der Haus nicht gesehen“, erklärt ein Sprecher der Feuerwehr. Darum rückte die Polizei mit einem mehreren Streifenwagen an. Zu keiner Zeit habe aber eine Gefahr für Bürger bestanden, sagt ein Polizeisprecher. Die Baustelle sei ordnungsgemäß abgesichert, ein Bauleiter vor Ort und der Abriss angemeldet gewesen. Irgendwer habe das Ganze wohl etwas zu sensibel eingeschätzt.

Andreas Wika gehört das polnische Delikatessengeschäft neben der Nummer 68. Er habe schon kurz Angst gehabt, als am Donnerstag große Steine heruntergekracht seien, sagt er. Seine Markise sei ebenfalls heruntergebrochen, die hätten Arbeiter aber wieder aufgehängt – ein kleines Loch ist geblieben. Ein Haus weiter ist der Schmuckgeschäft von Martina Depta. Sie war am Donnerstag nicht im Laden, eine Mitarbeiterin hatte ihr aber ein Bild vom Großaufgebot geschickt. Sorgen habe sie sich jedoch nicht gemacht. Sie freue sich, wenn endlich das heruntergekommene Gebäude weg ist, auch wenn es natürlich schade sei, dass man das Haus habe verfallen lassen.

So lautet der Vorwurf der Initiative Zukunft Bockenheim. Die vermutet, dass die Eigentümer, die Familie Gaumer, das Haus aus dem Jahre 1828 absichtlich heruntergewirtschaftet habe, um es abzureißen. Denn eigentlich falle es unter die Erhaltungssatzung. Schon mehr als zwei Jahre steht das Gebäude leer. Und genauso schlampig wie mit dem Haus umgegangen worden sei, sei auch die Baustellenabsicherung, sagt Anette Mönich von der Initiative. Man habe schon die Bauaufsicht benachrichtigt, doch die habe sich nicht gekümmert.

Mönich erinnert an das Gaumer-Haus an der Berger Straße. Dort waren Teile der Fassade einer leerstehenden Immobilie auf den Gehweg gestürzt und hatten Passanten verletzt.

Wenn es Hinweise gebe, dass etwas mit der Absicherung nicht stimme, dann gingen die Kollegen der Bauaufsicht dem nach, sagt Mark Gellert, Sprecher des Planungsdezernats. Die Genehmigung zum Abriss habe es gegeben. Und keine Hinweise, dass die Liegenschaft gezielt abgenutzt wurde.

Bis Ende Oktober sollen die Arbeiten noch dauern, schreibt die Heinrich Gaumer Hausverwaltung auf Anfrage der FR. Die Gesellschaft wird von den Erben des umstrittenen Vermieters, der 2015 verstorben war, geführt. Die Immobilie, wie auch die Besitzer selbst, war schon in den Schlagzeilen gewesen, als 2014 in einem Schuppen im Hinterhof wohnungslose Osteuropäer illegal untergebracht wurden.

„Mit dem Neubau soll auch in Bockenheim dringend benötigter, zusätzlicher Wohnraum in innerstädtischer Lage nach heutigen Standards geschaffen werden“, schreibt die Hausverwaltung. Der öffentliche Straßenraum in der Leipziger Straße werde dadurch aufgewertet. Ob Miet- oder Eigentumswohnungen geplant sind und zu den Preise sagte sie noch nichts. Nur soviel: Der Neubau werde momentan mit den dafür zuständigen Behörden abgestimmt und sich „planungsrechtlich nach dem Baugesetzbuch und bauordnungsrechtlich nach der Hessischen Bauordnung“ richten. Ein Wohn- und Geschäftshaus soll hier entstehen.

Das Stadtteilbüro und die Freunde Bockenheims hatten im September mit einer Kundgebung vor der Nummer 68 protestiert. Die Stadt habe es nicht nur verpasst, den historischen Bestand zu schützen, finden sie. Sie befürchten außerdem teuere Wohnungen auf der Leipziger.

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