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Die Bockenheimer Warte diente einst dem Schutz der Handelsstraße. Später versorgten sich hier die Studierenden unter anderem mit Tabakwaren und anderen Dingen.
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Die Bockenheimer Warte diente einst dem Schutz der Handelsstraße. Später versorgten sich hier die Studierenden unter anderem mit Tabakwaren und anderen Dingen.

Frankfurt

Bockenheim gehörte einst zu Hanau

  • Steven Micksch
    VonSteven Micksch
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Der Frankfurter Stadtteil feiert sein 1250-jähriges Bestehen. Sogar zu Hanau gehörte er einmal. Ein Blick in die Vergangenheit offenbart spannende, heitere und traurige Aspekte.

Wie es vor 1250 Jahren in Bockenheim ausgesehen haben muss, lässt sich nur noch erahnen. Felder, Wälder, vielleicht ein paar Hütten. Sicher ist, dass der heutige Frankfurter Stadtteil damals den Namen „Bochinheim“ trug. Und da die älteste erhaltene Erwähnung – eine Schenkungsurkunde zugunsten des Klosters Lorsch – auf 768 datiert ist, feiert Bockenheim 2018 eben seinen 1250-jährigen Geburtstag.

Allerdings wurde auf dem Gebiet des Stadtteils bereits in der Frühzeit gesiedelt. Archäologische Funde zeigten, dass bereits in der Jungsteinzeit dort Menschen lebten. Auch Funde aus Bronze- und Eisenzeit beweisen, dass es eine Siedlung gegeben haben muss.

In den Jahrhunderten nach der Schenkung an das Kloster Lorsch wechselte der heutige Stadtteil nicht nur öfter den Namen (etwa Buckinheim oder Buckenheym), sondern auch den Besitzer. So gehörte Bockenheim im 15. Jahrhundert zu Hanau. Besonders spannend sind erst die späteren Jahre, erklärt Otto Ziegelmeier, der sich im Internet auf der Seite „Bockenheim-aktiv“ engagiert. „1615 gab es 300 Einwohner in Bockenheim, 1819 waren es dann etwa 1000 und nur 50 Jahre später bereits 8000“, sagt der 57-Jährige. 1819 erhob Kurfürst Wilhelm I. von Hessen-Kassel Bockenheim zur Stadt. Nun sollte sich Industrie in der Stadt ansiedeln. Tatsächlich kamen die Fabrikanten nach Bockenheim, und die Einwohnerzahlen stiegen weiter.

„Bockenheim ist eine Erfolgsgeschichte. Heute haben wir knapp 40 000 Einwohner“, resümiert Ziegelmeier, „aber ich bin auch froh, dass die Industrie wieder raus ist. Auf Bildern sieht man, wie hier die Schlote rauchten.“ 1895 schließlich wird Bockenheim eingemeindet und zum Stadtteil Frankfurts. Der 57-Jährige weiß, dass sich auch in den kommenden Jahren wieder einiges im Viertel verändern wird. Deshalb sei der 1250. Geburtstag ein guter Grund zum Innehalten und Zurückblicken.

Zeugen der langen Vergangenheit sind die noch vorhandenen Bauwerke. Etwa die Bockenheimer Warte – ein Wartturm aus dem 15. Jahrhundert, der einst die dortige Handelsstraße sicherte. Oder das Bockenheimer Depot, aus dem die Trambahnen herausfuhren. Heute ist es Schauplatz für verschiedene kulturelle Veranstaltungen. Beispielhaft seien auch die Kirchen auf dem Bockenheimer Gebiet. Jakobskirche, Markuskirche, Elisabethkirche und Frauenfriedenskirche. Auch wenn einige erst im 20. Jahrhundert errichtet wurden, sind sie Zeugen der jüngeren Vergangenheit Bockenheims.

„Auch das Delkeskamp’sche Haus ist für viele ein prägendes Gebäude“, sagt Ziegelmeier. Obwohl das Haus in der Leipziger Straße verschiedene Mieter hatte, prägte es der bekannte Maler und Kupferstecher Friedrich Wilhelm Delkeskamp wohl am meisten. Anfang des 20. Jahrhunderts eröffnete die Familie Delkeskamp dort sogar eine Brennstoff- und Kohlenhandlung.

Bedauerlich findet Ziegelmeier, dass die einst große jüdische Gemeinde Bockenheims verschwunden ist. Die Zerstörung der Synagoge in der Schlossstraße und die Deportation der jüdischen Bevölkerung habe dieses Netzwerk vollkommen zerstört. Nur der jüdische Friedhof in Bockenheim sei präsent geblieben.

Erinnerungen an Adorno 

Doch nicht nur Bauwerke prägten und prägen Bockenheim, es sind auch die Menschen. Beispielsweise Theodor W. Adorno, der in Bockenheim Opfer des „Busenattentats“ wurde, oder Wilhelm Altheim, ein exzentrischer Maler, der Wild-West-Fan war. Er ritt gern als Cowboy verkleidet auf einem Esel und soll sich am 25. Dezember 1914 selbst erschossen haben. Weitere Namen, die fast jeder Bockenheimer kennt, sind Jacob Leisler (Gouverneur von New York), Lothar Zenetti (katholischer Priester und Buchautor), Franz Rücker (Direktor der Perlenfabrik und Stifter einer Armenkasse) oder auch die Familie Rohmer (bedeutende Stifterfamilie). Eine Person, die heutzutage vielleicht nicht mehr jeder kennt, hat Otto Ziegelmeier noch auf Lager: Nikolaus Herget, genannt Niggeles. „Er hat bei den Leuten immer die Klappläden an den Fenstern zugemacht.“ Daher wohl auch sein Spitzname „Uhu“.

Eine lange Liste hat Ziegelmeier bereits mit Erinnerungen von Bockenheimer Bürgern gesammelt. Die Rede von Rosa Luxemburg im „Titania“ ist darauf ebenso zu finden wie Gedanken an die Zeit des RAF-Terrors. Aber auch Wünsche sind darauf formuliert. So wird ein Elektromobilitäts- sowie ein Lieferkonzept für ältere Anwohner gefordert. Generelle Forderungen (keine weitere Gentrifizierung; bezahlbare Wohnungen) stehen neben speziellen Wünschen – etwa Weihnachtsbeleuchtung für die gesamte Leipziger Straße oder die Gestaltung des Hülya-Platzes und des Platzes an der U-Bahn-Haltestelle Leipziger Straße. Themen und Orte für mögliche Veränderungen in Bockenheim gibt es also genügend.

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