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Da strahlen sie: Junges Paar am Porsche-Stand der IAA.

IAA

"Was genau mag ich, Schatzi?"

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"Mein Freund hat mich mitgebracht", sagt Corinna. Klingt, als sei sie ein Kuscheltier. Aber es gibt sie: Frauen, die gerne hier sind. Ist die Automobilausstellung immer noch ein Männerding? Ein Besuch auf der IAA.

Mittelalte Männer mit Maurerdekolleté, Rennfahrer-Schirmmützen und in wenig adretten Shirts machen Fotos von allen Seiten eines schnieken Autos. Und dann auch gerne mit Zoom von den Hostessen im sexy Minirock oder engen roten Lackanzug, die sich auf der Motorhaube räkeln. So zumindest die Klischeevorstellung Nummer eins bei der Internationalen Automobilausstellung, der IAA.

Die größte Überraschung: Egal in welcher Halle, egal bei welcher Automarke – die Hostessen sind so ziemlich das Gegenteil von scharfen Boxenludern, meist eher wie Bilderbuch-Jurastudentinnen eingekleidet. So tragen die Frauen bei Mercedes weiße Schluppenblusen zu goldenen Turnschuhen und langer Hose. Bei Skoda besteht das Arbeits-Outfit aus: schwarzer Hose, weißen Turnschuhe und grauen Hosenträgern. Bei Bugatti haben die Hostessen schwarze Kleider an: Oben zwar leicht geschlitzt, aber damit man beim Vorbeugen die Brüste nicht sehen kann, ist da eine schnieke Dekolleté-Klammer, die keinen Einblick ermöglicht.

Bei BMW erzählt eine Hostess, schon einige männliche Besucher seien auf sie zugekommen und sagten: „Überall legt BMW wert auf cooles Design, aber eure Outfits sehen doch schrecklich aus.“ Sie lacht. Schrecklich ist es nicht: Also sobald man die wenig schmucke Jacke auszieht, tragen die Frauen einen hübschen, locker sitzenden Overall.

„Anfangs hatten wir High Heels an den Füßen, aber das war viel zu unbequem, also haben wir Ballerinas gestellt bekommen“, erzählt die Hostess. Ihre männlichen Kollegen, die sogenannten „Hosts“, haben am Ende ihrer grauen Hose so eine Art Gummizug wie bei einer Jogginghose. „Das sieht viel schlimmer aus als unsere Outfits“, sagt sie und lacht.

Auch männliche Hostessen

Alle Hostessen sind studentenjung und schlank, aber oft fern von Modelgrößen. Auch 1,60-Meter-Frauen sind darunter. Und es gibt ebensoviele Männer, die den Job machen. Sie sind meist ähnlich gestylt: Bei Porsche unterscheiden sich die Outfits nur darin, dass die Frauen Blusen oder Shirts tragen und die Männer eben weiße Hemden. Ansonsten ist die Kleiderordnung auch für beide Geschlechter seriös: lange Hose, Jackett und weiße Sneakers. Und selbst die Hostessen auf der Aussteller-Bühne von Porsche tragen lange Hose und zeigen nur wenig Ausschnitt. Ein Host berichtet, nur an den Pressetagen würden Models gebucht, danach stünden Studenten an den Ständen.

Die Hosts und Hostessen, die direkt am Auto stehen, heißen fast bei allen Marken offiziell „Car Explainer“, erzählt Inga Seggelmann (27). Sie ist Car Explainer bei Mini und eine der wenigen Hostessen, die Interviews mit Namensnennung geben dürfen. „Präsenz, Ausstrahlung, aber vor allem Fachwissen sind wichtig beim Casting und nicht 90-60-90-Maße“, sagt sie.

Gibt es einen Unterschied bei den Fragen von Kundinnen und Kunden? Bei Porsche sagt ein Car Explainer: „Die Männer wollen sehen, wie man den Spoiler rein- und rausfährt. Frauen fragen eher: ‚Ist das nun das schönste Modell?’“ Bei Porsche und Skoda wischen Männer die Autos von Dreck und Besucher-Fingerabdrücken mit dem rosa Putzwedel weg. Gleichberechtigung, yeah!

Gehen Frauen freiwillig auf die IAA?

Und was ist mit Klischeevorstellung Nummer zwei? Die IAA ist ein reines Männerding. Gehen da überhaupt andere Frauen freiwillig hin und warum?

Besucherinnen sieht man durchaus auf der IAA, aber sie sind bei den Männermassen – in allen Altersklassen – die Minderheit. Corinna ist extra aus Regensburg nach Frankfurt angereist. „Mein Freund hat mich mitgebracht“, erzählt die 21-Jährige. Klingt, als sei sie ein Kuscheltier. Beeindruckt sei sie von dem riesigen Messegelände. Aber Autos interessieren sie eigentlich nicht. „Ich fahre einen alten Ford Fiesta, der ist praktisch und bringt mich zur Arbeit.“

Aber es gibt sie durchaus: Die Frauen, die gerne hier sind. Auf dem Außengelände stehen vier Schülerinnen der zehnten Klasse der Neu Isenburger Brüder-Grimm-Schule. „Wir machen heute einen Schulausflug. Wir finden Autos ziemlich geil“, erzählt Laura (17). Sie selbst hat zwar noch kein Auto, aber sie weiß, worauf es ankommt: „Es muss schnell und schön sein.“ Ihre Freundin Ayse (15) stimmt zu und ergänzt: „Aber es muss nicht nur von außen, sondern auch innen schön aussehen: schöne Sitze, ein hübsches Lenkrad.“ Aaliyah (15) hat am meisten das selbstfahrende Auto bei BMW beeindruckt. „Es ist doch auch toll, so einen Wagen zu haben, wenn man mal keine Lust hat zu fahren und entspannen will.“

Anna Bunselmeyer (20) und Nicole Merschbrock (20) aus Gütersloh sind beruflich und privat autoaffin. „Wir machen eine Ausbildung zut Automobilkauffrau bei einem Mercedes-Händler“, erzählt Bunselmeyer, die ihre Autoliebe jahrelang nur mit männlichen Freunden teilen konnte. Merschbrock sagt: „Ich habe schon als Kind am liebsten mit der Carrera-Bahn gespielt.“

„Was genau mag ich, Schatzi?“

Eine Art Carrera-Bahn mit echten Autos gibt es bei BMW: Man hört laute Brummgeräusche, dramatische Actionmusik. Auch hier sind es fast nur Männer, die das total fasziniert anschauen und filmen. An der Schlange zum Rennwagen-Simulator im Außengelände steht an diesem Mittag nur eine Frau an: Eva (21) aus Frankfurt. „Ich mag so sinnlose Spielereien am Auto“, sagt sie. Bei der Frage, was sie nun genau meint, wendet sie sich an ihren Freund. „Was genau mag ich, Schatzi?“

Interessant ist die unterschiedliche Kommunikation der Geschlechter: Männer – Gott sei dank meist ohne Maurerdekolleté – fassen diesen an verschiedenen Stellen an. Sie reden oft nicht mal, sondern scheinen sich mit Nicken und Brummen zu verstehen. Faszinierend. Frauen sagen eher so was wie: „Das Auto sieht voll flashig aus.“

Widerliche Machosprüche

Und wie sieht es mit Klischeevorstellung Nummer drei aus, den Macho-Sprüchen? Manchmal fielen so blöde Sätze wie: „Sind Sie auch im Preis des Autos inklusive?“, berichtet eine Car Explainerin. Aber auch, wenn man als Besucherin Kleidchen trägt, wird man oft lüstern angeschaut. Ein älterer Herr sagt zu einer wesentlich jüngeren Frau: „Schade, dass Sie nicht in mich reingelaufen sind, ich hätte es genossen.“ Das ist schon etwas widerlich. Und ein Besucher Anfang 20 sagt so laut zu seiner Freundin, dass es jeder hören kann: „Du sollst doch nicht denken, das ist Männersache.“ Leider kein Witz. Sie antwortet: „Hör auf, so gemein zu sein.“

Harmonischer geht es bei „Sing in the car“ zu. Dort gibt es einen Karaoke-Monitor im Auto. „Das hier ist sehr beliebt bei Frauen, die Männer schämen sich meist zu singen“, sagt der Promoter. Frauengruppe nehmen Gesangvideos auf, die sie nach Hause geschickt bekommen. Leider ist das bei Hyundai nur ein Special für die Messe. „Das Auto kann man so nicht kaufen“, sagt der zuständige Herr. 27 000 Lieder stehen zur Auswahl: Am beliebtesten sei Helene Fischers „Atemlos“. Das ist nun noch unbegreiflicher als Motoren streicheln.

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