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Bloß nicht bequem zurücklehnen

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Alte-Oper-Intendant Markus Fein. Monika Müller
Alte-Oper-Intendant Markus Fein. Monika Müller © Monika Müller

Der Intendant der Alten Oper muss Krisen und Umbrüche meistern.

Wunderbare Ruhe nicht weit vom südlichen Mainufer entfernt. Nur das Wasser plätschert im Entenbrunnen des Bildhauers August Gaul. Die Morgensonne hält Einzug im Garten des Museums Giersch der Goethe-Universität (MGGU), taucht die schlanken Statuen von Fritz Klimsch in ein durchscheinendes Licht. Verwitterte Holzbänke, verblühter Rhododendron. Die alte Villa ist gerade ein besonderer Lieblingsort von Markus Fein. Der Intendant der Alten Oper spürt hier einem Kapitel seiner Familiengeschichte nach. Denn der Vater des gebürtigen Frankfurters arbeitete bei der Deutschen Bundesbank und das Museum zeigt gerade unter dem Titel „Ortswechsel“ die Kunstsammlung des öffentlich-rechtlichen Kreditinstituts.

Werke von Georg Baselitz, Isa Genzken, Ernst Wilhelm Nay: Sie sind Fein vertraut. Denn auch sein Vater sammelte Kunst, „inspiriert“ von seinem Arbeitgeber. Nur seine ersten Kindheitsjahre hat der Sohn in Frankfurt verbracht und betrachtet doch seine Tätigkeit heute als „Rückkehr“.Am 1. September 2020 übernahm der Musikwissenschaftler die Führung der Alten Oper. Mitten in der Corona-Pandemie, am Ende einer „Vollschließung“ des Hauses, die seit März gedauert hatte. Seit zwei Jahren kämpft der heute 51-jährige in einer Ausnahmesituation darum, die Institution neu aufzustellen. Zu Corona kommt jetzt eine dramatische Energiekrise „mit gigantischen Mehrkosten im siebenstelligen Bereich“. Und eine „Gesellschaft im unglaublichen Umbruch“.

Fein wuselt in einem hellblauen, geradezu sommerlichen Anzug durch den Garten. Er spricht schnell, aber nicht überhastet. Es wirkt so, als inspiriere ihn die vielfältige Krise in besonderer Weise. Alle großen Kultur-Institutionen sähen sich mit immensen Problemen konfrontiert: „Die Semper-Oper stöhnt, selbst die Berliner Philharmoniker müssen kämpfen.“ Im Vergleich stehe die Alte Oper noch gut da. Das Motto ihres Intendanten lautet: „Vorne auf der Stuhlkante sitzen“, bloß nicht bequem zurücklehnen. „Das Haus ist ein Privileg“, aber sein Intendant dürfe „kein Kulturverwalter“ sein, stattdessen „immer agil“. Wichtig: „Nicht lamentieren, nicht in Routine verfallen.“

Fein hockt auf der alten Holzbank für die Fotografin, dann kniet er sich hin, dann steht er auf. Immer in Bewegung. Für Ruhe lassen die Verwerfungen seit langem gar keine Zeit. Corona hat die geplante Saison 2020/21 vernichtet, vom Programm „blieb ein Konzert übrig.“ Seither improvisiert er, Planungen mit langem Horizont sind schwierig. „Der wirtschaftliche Schaden durch die Pandemie ist mehrere Millionen Euro hoch“, aber schlimmer noch: „Die Nabelschnur zu den Menschen war abgeschnitten.“ Vor Corona kamen eine halbe Million Besucherinnen und Besucher im Jahr, „dieses Publikum ist noch nicht so zahlreich wieder zurück.“

Die Pandemie, die rasant steigenden Preise überlagern nur die grundsätzlichen Herausforderungen eines Konzerthauses. „Kultur für alle“ forderte der damalige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) in seinem berühmten gleichnamigen Buch 1979. „Diese Leitidee versuche ich in die Realität zu übersetzen“, sagt der Kulturwissenschaftler Fein heute. Aber er weiß natürlich: Noch immer gibt es Schwellenangst, noch immer stellt sich die Frage: „Warum besuchen viele Menschen nicht große Kultureinrichtungen?“ Schon Feins Vorgänger Stephan Pauly versuchte, neues Publikum zu gewinnen. Der heutige Intendant entwickelte neue Ideen. „Hereinspaziert!“ heißt ein Format, bei dem die Leute eingeladen werden, gemeinsam ein Konzert zu besuchen. „Vorher gibt es Gespräche mit Menschen aus dem Haus, die Pause verbringt man gemeinsam, hinterher trinkt man noch zusammen ein Bier.“ Oder das Angebot „Ein Zehner bis 25“: Junge Menschen bis zum Alter von 25 Jahren können für nur zehn Euro Musik erleben. Oder das Festival „Mitten am Rand“: Es nimmt Bereiche der Gesellschaft in den Fokus, die nicht im Rampenlicht liegen: Etwa wenn Bürgerinnen und Bürger verschiedenster Nationalitäten eingeladen werden, Lieder zu singen und Geschichten zu erzählen. Das sind nur einige Beispiele für die Lockrufe, die das Konzerthaus aussendet. Der Intendant denkt längst weiter, während wir durch den Garten schlendern. Er will weit mehr als bisher internationales Publikum für die Alte Oper gewinnen. „Die Internationalität der Stadt bildet sich nicht ab.“ Die Bewohnerinnen und Bewohner aus 140 Nationen sollen künftig gezielt angesprochen werden, durch „Botschafter“, die in der jeweiligen Nationalität bekannt sind. Die Programme des Hauses will er im Internet in Zukunft in vielen Sprachen verbreiten: „An solchen Plänen sind wir dran.“ Dazu brauche es freilich noch Sponsoren und Mäzene.

Fein ärgert sich über den öffentlichen Eindruck, die Alte Oper werde weitgehend von der öffentlichen Hand finanziert. „Das ist falsch, in Wahrheit müssen wir zwei Drittel unseres Programms selbst durch Einnahmen und private Unterstützung bezahlen.“ Gerade einmal 38 Stellen zähle sein Haus: „Ein erstaunlich kleines Team.“ Viele Dienstleistungen werden mittlerweile eingekauft. Er sagt unverblümt: „Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Privatpersonen für das Haus engagieren, da ist noch Luft nach oben.“

Zur Person

Markus Fein wurde 1971 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Angewandte Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg sowie Musikwissenschaften und Kunstgeschichte an den Universitäten Hamburg und Wien.

Vor allem als Leiter von Musikfestivals hat er sich einen Namen gemacht. Von 2001 bis 2011 führte er die Sommerlichen Musiktage Hitzacker. Von 2006 bis 2011 war er Intendant der Niedersächsischen Musiktage. Von 2014 bis 2020 arbeitete er als Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.

2010/2011 verantwortete er die Programmplanung und Dramaturgie der Berliner Philharmoniker.

Seit 1. September 2020 ist er Intendant der Alten Oper in Frankfurt am Main. jg

Wir laufen am Museumsufer entlang, steuern das Café des Liebieghauses an, Sonnenschein, Wärme, alle sitzen draußen. Der Kulturmanager gibt sich entschlossen, die Vielzahl der Probleme zu meistern: „Ich habe keine Angst“, sagt er geradezu trotzig. Auch dass radikale Klimaschützer neuerdings Kultureinrichtungen mit Kartoffelbrei oder Tomatensuppe attackieren, schrecke ihn nicht. Seine Antwort: „Wir lassen uns nicht ins Bockshorn jagen von wenigen!“ Als Gegengewicht des Konzerthauses verweist er auf dessen kulturelles Bildungsprogramm „Pegasus“ für Kinder und Jugendliche mit 150 Veranstaltungen im Jahr. Bildung entwickele eine mächtige Kraft. „Ich glaube, dass wir krisenresistent sind.“

Fein hat sich schon früh im Leben, bereits als Student, für die Vermittlung von Kultur entschieden, organisierte Veranstaltungen und kleine Festivals. Zwar spielte er Klavier, sogar Gitarre in einer Jazz-Band. Joe Pass oder Pat Metheny waren Musiker, die ihn zu dieser Zeit prägten. „Doch ich hatte nicht das Zeug, um Profimusiker zu werden.“ Stattdessen ein langer Weg als Manager: Verantwortlich für die Sommerlichen Musiktage in Hitzacker, am Ende für die Festspiele in Mecklenburg-Vorpommern. „Einmal bin ich in der Unterfahrt aufgetreten“, dem berühmten Jazzclub in München. Er lacht. Heute spielt er manchmal noch klassische Gitarre, wenn ihm Zeit dafür bleibt. Selten genug.

Es gibt eine wunderbare Ingwer-Möhrensuppe, ein herbstliches Intermezzo unter freiem Himmel. Der Intendant spricht über all die Vielfalt, die er unter dem Dach der Alten Oper vereint. Die Saison 2022/2023 eröffnete der Jazzpianist Michael Wollny, einer der besten Musiker seiner Generation in Europa. Er ist in dieser Spielzeit Artist in Residence im Konzerthaus. Fein bedauert sehr, dass es der Stadt Frankfurt nicht gelungen ist, Wollny in Frankfurt zu halten, er wanderte mit einer Professur nach Leipzig ab.

Dem Abend mit Wollny folgte ein Konzert von Heiner Goebbels, einem der berühmtesten Repräsentanten der Neuen Musik. „Ich hatte den persönlichen Ehrgeiz, dass diese Würdigung zum 70. Geburtstag zustande kam.“ Und tatsächlich strömten die Menschen in die Alte Oper wie lange nicht mehr. Klassische Musik, Jazz, Neue Musik: „Wir wollen die Vielfalt der Gesellschaft abbilden.“ Längst hat sich das Konzerthaus von der reinen Klassik gelöst, auch Musicals gehören zum Programm. Fein ist überzeugt, dass „das analoge, reale Konzerterlebnis Zukunft besitzt.“ Ein Live-Abend mit den Berliner Philharmonikern, „das übertrifft jedes Streaming im Internet.“ Das Netz führe zur Vereinzelung der Menschen.

Als Markus Fein im Herbst 2020 sein Amt antrat, unterschrieb er einen Fünf-Jahres-Vertrag. Heute lässt er keinen Zweifel daran, dass er gekommen ist, um länger zu bleiben.

„Ein solches Haus übernimmt man nicht, um es nur fünf Jahre zu führen.“ Aller gesellschaftlichen Krisen und Umbrüche zum Trotz „besitzt die Kulturstadt Frankfurt Standing.“ Und ganz bewusst betont der Kulturmanager die Unterstützung, die er durch die Frankfurter Kulturdezernentin erfahre: „Ina Hartwig setzt sich für uns ein.“ Natürlich hat auch der Intendant der Alten Oper die Pläne der regierenden Römer-Koalition wahrgenommen, den städtischen Kulturhaushalt in den nächsten Jahren zu kürzen. Fein bleibt kämpferisch: „Kultur und Krise: Das sind fast Geschwister“, sagt er mit einem feinen Lächeln.

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