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Bernd Fritzsche am U-Bahnsteig im Frankfurter Hauptbahnhof auf dem Weg zur Rolltreppe - oben in der E-Ebene wird es für ihn schwierig.

Barrierefreiheit in Frankfurt

Als Blinder geht er nicht in manche B-Ebene

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Bis 2022 soll der Nahverkehr barrierefrei sein, das ist Gesetz, doch damit wird es in Frankfurt nichts. Das stört Blinde wie Bernd Fritzsche. Ein Rundgang zu Orten, die er sonst meidet.

Als Bernd Fritzsche aus der U5 im Frankfurter Hauptbahnhof steigt, den weißen Langstock in der Hand, schlägt ihm warme Luft entgegen. Es riecht leicht streng, wie oft im Frankfurter Hauptbahnhof. Aus Neonröhren scheint kaltes Licht. Das sieht er nicht.

Bernd Fritzsche ist 57 Jahre alt und blind. Wo sich Blinde im Frankfurter Nahverkehr gut orientieren können, und wo nicht, will er bei einem Rundgang demonstrieren. Schwierig sei es in den B-Ebenen im Frankfurter Hauptbahnhof, in der Konstablerwache und der Hauptwache.

Eine helle Computerstimme am Bahnsteig sagt, dass die U-Bahn in Richtung Bockenheim einfährt. Passanten steigen aus, Rollkoffer klackern. Bernd Fritzsche läuft zur Rolltreppe, die Blindenleitelemente bohren sich in seine Sohlen. Den Langstock pendelt er nach links und nach rechts, „so sichere ich meine Schritte ab“, sagt er.

Blindenleitelemente gibt es mit Rillen oder Noppen. Noppen bedeuten stopp, aufgepasst – hier passiert etwas, hier wechselt die Richtung, hält ein Aufzug. Rillen zeigen an, dass er weiter geradeaus gehen kann. Die Leitelemente am Bahnsteig findet Fritzsche gut. In B-Ebenen fehlten sie. Das sei ein Problem.

In der B-Ebene des Hauptbahnhofs tastet sich Bernd Fritzsche mit dem Stock an der Außenfassade eines Kiosks entlang. Von dort aus öffnet sich der Raum in eine Weite. Die B-Ebene ist von Säulen unterbrochen. Pendler eilen zu den Zügen, eine Gruppe Schüler trottet vorbei. Wie soll Bernd Fritzsche jetzt durch die Halle zur Rolltreppe kommen, die zu den Fernzügen führt?

„Meine Freundin hat mir einen Trick gezeigt“, sagt er. Wenn er von der Ecke des Kiosks aus im 45-Grad-Winkel losgehe, komme er nach ein paar Dutzend Schritten am Ende der Halle zu einer Wand, die zur Rolltreppe und so zu den Fernzügen führe.

Das würde er so machen, wäre er alleine unterwegs. An diesem Tag fasst er den Reporter am Ellbogenzipfel und lässt sich führen, immer einen halben Meter hinter dem Vordermann, damit er mögliche Richtungswechsel mitbekommt.

„Die Menschen helfen mir, wenn ich sie darum bitte“, sagt er. Gerade ausländische Mitbürger hätten „viel weniger Berührungsängste“, sie böten von sich aus Hilfe an. „Was aber nicht hilft ist, wenn mich Leute vor sich herschieben oder, noch schlimmer, mich am Stock hinter sich herziehen.“ Jetzt schmunzelt er.

Im vierten Schuljahr erblindete Bernd Fritzsche auf dem rechten Auge, „das war ein Verlusterlebnis“, sagt er. Seine Mimik ändert sich nicht. Die Augenkrankheit hat er seit der Geburt. Glaukom, auch Grüner Star genannt. Ein Glaukom kann den Sehnerv schädigen, wenn es nicht behandelt wird, der Druck im Auge wird zu hoch. Es muss aber nicht zur Erblindung führen, wenn es rechtzeitig erkannt wird. „Bei mir wurde es nicht rechtzeitig erkannt.“

Nach der halbseitigen Erblindung wechselte er auf die Johann-Peter-Schäfer-Schule, eine Blindenschule in Friedberg, die Mobilitätstraining anbietet. Dort übte er den Umgang mit dem Langstock: Er lernte, wie er Bordsteine erkennt, Treppen steigt, sich an Wänden orientiert. Das Training dauerte 80 Stunden.

Heute wohnt er im Frankfurter Nordend, in einer Wohnung, die die Stiftung für Blinde und Sehbehinderte vermietet. Er sei aus dem Stadtteil Preungesheim dorthin gezogen, weil der Nahverkehr im Nordend besser sei.

Bernd Fritzsche ist gelernter Datenverarbeitungskaufmann. jetzt im Vorruhestand. Er hat bei einer Bank gearbeitet, in der Abteilung für Meldewesen und Softwareentwicklung. Bei der Bildschirmarbeit half ihm ein Ausleseprogramm, das den Text in Sprache ausgab. So lässt er sich nach wie vor Internetseiten oder Handy-Apps vorlesen.

Mit 34 Jahren erblindete er auf dem rechten Auge. Jetzt redet er schneller. „Das war eine riesige Umstellung. Vorher konnte ich Lichtquellen noch gut erkennen, das fiel dann weg“. Sein Grad der Behinderung beträgt 100 Prozent.

Nach der Erblindung sei er anfangs ängstlich unterwegs gewesen. Selbst auf Wegen, die er seit Jahren kannte. Selbstvertrauen holte er sich beim Judo zurück. „Ich nahm Unterricht, um das Fallen zu lernen.“ Wenn er schon falle, sagte er sich, dann wolle er wenigstens sicher landen.

Gefallen ist er dann auch. 1,15 Meter ging es hinab. Auf die Gleise der S-Bahn. „Das war zu einer Zeit, als es noch keine Leitelemente gab. Ich bin an einer Wand falsch abgebogen, schon war es passiert.“ Ein Mann sprang hinterher, packte Bernd Fritzsche und wuchtete ihn hoch. „Alleine hätte ich das nicht geschafft.“

Es gibt einen Schutzraum, eine Aushöhlung unter der Bahnsteigkante, in die sich Menschen im Notfall flüchten können. Aber wer denkt daran in solch einer Situation? Von Mustafa Alptug S. hat Bernd Fritzsche gehört, dem 17-Jährigen, der am 13. November 2018 in der Frankfurter S-Bahn-Station Ostendstraße starb, als er versuchte, einen Betrunkenen von den Gleisen zu retten.

Bernd Fritzsche steigt an der S-Bahn-Station Hauptwache aus. Er geht zur Rolltreppe, an den Rillen entlang, fährt in die B-Ebene. Passanten eilen vorbei, jemand spielt Geige. Leitelemente für Blinde gibt es hier nicht. „Ich nutze diese B-Ebene nicht“, sagt er knapp. Zu weitläufig, zu unübersichtlich.

Unübersichtlich, ein Adjektiv, das die Sicht im Wortstamm hat. Rund 80 Prozent der Sinneseindrücke nehmen Menschen über die Augen wahr. Das zeigt sich auch in Wendungen wie „vor Augen haben“, „schauen wir mal“, ‚das sehe ich ein“. „Ich sage auch ‚Auf Wiedersehen’, obwohl ich nichts sehe“, sagt Bernd Fritzsche. Dass er gar nichts sieht, stimmt nicht so ganz. „Ich sehe jetzt ein Flimmer, ein buntes Flackern, Phantomsehen nennt man das.“ Phantomsehen sei ein Phänomen wie andere Phantomwahrnehmungen, Phantomschmerzen nach Amputationen, Tinnitus nach einem Hörsturz.

Bernd Fritzsche lässt sich aus der Hauptwache zur Zeil führen. Dort würde er normalerweise mit dem Stock an den Wänden entlanggehen. „Dass es Leitelemente im öffentlichen Raum gibt, ist ja die Ausnahme“, sagt er. Einmal habe er einem Bettler auf der Zeil, der an einer Hauswand saß, mit dem Stock die Münzen weggehauen. Der Mann habe aber Verständnis gezeigt.

Szenenwechsel: die Station Konstablerwache, hier kennt Bernd Fritzsche sich aus. Er läuft in der B-Ebene, die keine Leitelemente hat, zielstrebig zur U-Bahn, wo es Leitelemente gibt, und weiter zur S-Bahn. Sein Handy klingelt, er bleibt stehen, mitten auf der Rillenplatte. Würde ein Blinder hier laufen, stieße er gegen ihn. Es sei eigentlich falsch, auf Rillen zu stehen oder sein Gepäck abzustellen. Da versuche er stets, ein Vorbild zu sein.

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