Der Buchfink wirft sich in die Brust – allerdings erst am Nachmittag.  
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Der Buchfink wirft sich in die Brust – allerdings erst am Nachmittag.  

Stunde der Wintervögel in Frankfurt

Blaumeisen: zwei, Amseln: null

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Zur „Stunde der Wintervögel“ beim Nabu kommen erschreckend wenige Gefiederte. Die Menschen haben trotzdem Spaß - und begrüßen einen späten Gast.

Die Kohlmeise ist pünktlich, das muss man ihr lassen. 11 Uhr am Sonntag in Sachsenhausen, schon flattert sie herbei und sagt: „Hier bei der Arbeit, bitte registrieren.“ Wenn man Meisensprache versteht. Vier Minuten später steht sogar ein Stieglitz auf der Liste. Das geht ja gut los.

„Stunde der Wintervögel“, ein Fest für die Gefiederten. Überall in der Republik schauen Vogelfreundinnen und -freunde eine Stunde lang aus dem Fenster, in die Bäume oder über den Gartenzaun und zählen – so auch in Sachsenhausen. Auf dem Grundstück des Naturschutzbunds (Nabu) halten rund 20 Leute Ausschau und sich warm, allen voran Nabu-Urgestein Bernd Merkle.

Wintervögel: Zählwochenende in Frankfurt

„Ich habe hier sechs Wochen lang angefüttert“, berichtet er den staunenden Besuchern. Es sollen ja auch ein paar Vögel vorbeischauen am Zählwochenende. „Aber es wurde enorm wenig vom Futter weggefressen“, wundert er sich. „Dabei müsste es hier von Vögeln wimmeln.“ Das klingt plausibel, lässt sich aber am Sonntag zunächst nicht direkt belegen. Die Meise und der Stieglitz sind die einzigen, die in der ersten Viertelstunde hereinschneien. Macht nichts, so hat Merkle Gelegenheit, ein wenig auszuholen.

Seit 15 Jahren gibt es die „Stunde der Wintervögel“ im Januar und ihr Pendant, die „Stunde der Gartenvögel“ im Mai. Schon 100 Jahre länger gibt es den Frankfurter Nabu. Letzterer ist eine wichtige Instanz, wenn es darum geht, was Vögeln guttut. Füttern ist gut, sagt Merkle, aber Häuschen, in die der Vogel hineingeht, sind nicht optimal. Darin werde nämlich nicht nur gefressen, sondern auch das Gegenteil – ergo muss der Mensch oft sauber machen, damit keine Infektionsherde entstehen. Besser: hängende Futteranlagen, an denen sich die Zielgruppe flatternd oder auf dünnen Stäbchen sitzend bedient.

Fünf Grad über null, die Frisur sitzt. Hallo Blaumeise.

Ein Riesenvogel zieht vorüber. Das dürfte Flug SU 2307 sein, eine Aeroflot nach Moskau. Die meisten Vögel an diesem Sonntag, so viel steht bereits fest, sind jene, die auf dem Frankfurter Flughafen gestartet sind. Jedenfalls in Sachsenhausen. Sie zwitschern auch nicht unbedingt lieblich. Aber das ist ein anderes Thema.

„Nehmen Sie geschälte oder ungeschälte Sonnenblumenkerne zum Füttern?“, fragt Besucherin Ulrike Bauer. „Geschälte sind natürlich komfortabler“, sagt Bernd Merkle, „für den Vogel, meine ich.“ – „Ja, aber sollte man es ihm komfortabel machen?“, hakt sie nach. „Am besten immer so, wie die Dinge auch in der Natur vorkommen“, erklärt er. Also: ungeschält.

„Stunde der Wintervögel“ ist kein Zoobesuch

In Deutschland würden immer mehr Meisenknödel verkauft, schildert der Kenner vom Nabu: „Es heißt, inzwischen seien es mehr Meisenknödel, als wir Meisen haben.“ Heiterkeit in der Runde. Aber noch schöner wären jetzt ein paar Vögel. Durchaus ein gewisser Affront, dass sich ausgerechnet beim Nabu, in seinem Sachsenhäuser Garten mit der größten Nistkastendichte weit und breit, kaum ein Vogel zum Zählen einfindet. Sonst sind sie doch auch nicht so. Ein Gartenrotschwänzchenpaar, berichtet Nabu-Vorsitzender Volker Bannert nicht ohne einen gewissen Triumph in der Stimme, habe sich im vorigen Jahr zum Nisten eingefunden (zwar nicht im Gartenrotschwanzhäuschen, sondern im Meisenhäuschen, aber irgendwas ist ja immer) und sogar neugierig aus nächster Nähe die Gartenarbeit begleitet. Aber heute?

Da: ein Rotkehlchen! Um 11.23 Uhr! Es kommt sogar näher auf die Menschengruppe zugehüpft. Rotkehlchen sind sehr gesellig, auf ihre Art. Die Herzen der Zählenden fliegen dem Tier zu. Jetzt wird alles Bambi. Und nicht vergessen: Die „Stunde der Wintervögel“ ist kein Zoobesuch. Es geht darum, die Vögel da zu zählen, wo sie freiwillig sind, und Schlüsse für die Forschung zu ziehen. Dieser Sonntag könnte, falls Sachsenhausen repräsentativ wäre, ein weiterer Hinweis darauf sein, dass wir Vögel verlieren.

Mehrheit fürs ganzjährige Füttern von Vögeln

„Was du kennst, schützt du auch“, fachsimpeln die Leute und sprechen sich mit großer Mehrheit fürs ganzjährige Füttern und Vogelbeobachten aus. „Ich füttere seit langer Zeit ganzjährig und bin auch sehr überzeugt davon“, sagt Ulrike Frey, selbst Nabu-Mitglied. In der Brutzeit seien die kredenzten Mehlwürmer „in Sekunden weg“ und sehr hilfreich bei der Aufzucht der Küken. „Ich habe schon viele Generationen großziehen geholfen“, sagt die Vogelfreundin und lobt als Vorbild den Forscher Peter Berthold, ebenfalls Verfechter des ganzjährigen Fütterns, außerdem versierter Imitator von Vogelstimmen, wie Bernd Merkle hinzufügt: „Man kann fast sagen, er beherrscht die Vogelstimmen besser als die Vögel selbst.“

So lustig geht’s zu beim Vögelzählen (11.42 Uhr: zwei Blaumeisen, eine Rabenkrähe!). Eine sechsköpfige Familie kommt zwecks Natur- und Herzensbildung aus dem Frankfurter Bogen herbei und möchte unter anderem wissen, was dagegen zu tun sei, wenn sich Tauben uneingeladen am Futter bedienten. Nichts, erfahren sie. Tauben seien schließlich nicht daran schuld, dass der Mensch sie einst zu sich in die Stadt geholt und dann im Stich gelassen habe.

Der neunjährige Paul ist mit seinem Vater gekommen. „Ich mag Rotkehlchen“, sagt er, wegen der Farbe und weil sie auf ihre schüchterne Art zutraulich seien.

Wären mehr Menschen wie Rotkehlchen, alles würde gut werden. Nun warten wir gespannt auf die Zahlen der Winterzählung, die der Nabu schon bald veröffentlichen wird. Und Moment: Ein Buntspecht hat es noch auf die Sachsenhäuser Liste geschafft, in letzter Minute. Aber keine Amsel, nirgends.

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