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Alte Meister vor farbigen Wänden. Immer wieder wird mal umgestrichen. Renate Hoyer

Kunst

Blaue Wunder im Städel 

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Zu einem Museumsbesuch im Sommer locken in Frankfurt bunte Farben - und kühle Räume, in denen es auch schön still ist.

Ach, das ist doch kein Wetter fürs Museum! Ein glühender Sommertag, die Sonne lässt die Welt leuchten, und weil offenbar viele Leute so denken, steht vor dem Frankfurter Städel keine Schlange.

Es ist eben doch genau die richtige Zeit dafür – und beim Bummel durch die bunten Welten der Fantasie muss gar nichts abhakt werden, keine touristischen „Must sees“, keine kunsthistorischen Meisterwerke, es sind schließlich Ferien. Die Entdeckung der eigenen Umgebung ist in diesem Jahr angesagt wie nie, also hereinspaziert – und bringen Sie Ihre Kinder mit!

Drinnen ist es kühl, still und dämmrig, und an der Treppe zum unterirdischen, strahlend weiß ausgemalten Neubau wartet schon Museumspädagogin Anne Sulzbach, um uns auf dem Spaziergang durch die seit 200 Jahren immer weiter wachsende und sich ständig verändernde Sammlung zu begleiten. Wir wollen nicht über große Werte, über Restaurierungen oder Ausstellungspolitik plaudern, sondern über Farben.

Fast jeder Besucher, fast jede Besucherin hat wohl eine Lieblingsfarbe. „Es ist fast immer Blau“, sagt Sulzbach. Das finde sich im Neubau unglaublich strahlend bei den Künstlern der Gegenwart, wie bei Yves Klein, der sein eigenes Blau patentieren ließ, oder bei Victor Vasarely, dessen 1969 entstandenes „Rey-Tey-Ket“ eine Neuerwerbung ist.

Blaues Wunder: „Der Geograph“ von Johannes Vermeer, 1669. Renate Hoyer

Mit dem geräumigen Aufzug, in den auch großformatige Bilder passen sollen, geht es aber nicht nach unten, sondern hoch in den zweiten Stock zum wahrscheinlich wertvollsten Bild Hessens (aber wir wollten ja nicht über Preise reden): Jan Vermeers „Geograph“ ist ein so stilles Werk, dass es erst auf den zweiten Blick auffällt. Sulzbach hat es ausgewählt, weil es so gut in die Zeit des coronabedingten Stillstands passt, wie sie findet. „Er schaut aus seiner Stube durch das Fenster in das Licht. Man kann spüren, wie er sich über die Welt da draußen Gedanken macht“, sagt sie.

Es ist ein Bild voller komplexer Anspielungen, aber der Künstler spielt auch meisterhaft mit Farben, vor allem mit Blautönen. Leuchtend blau ist der Morgenmantel, den der Geograf trägt, gedämpft dunkelblau der Vorhang, der ins Bild hängt, bläulich-grün der kostbare Orientteppich, der scheinbar achtlos im Vordergrund ausgebreitet liegt, und blau glasiert sind auch die Wandkacheln.

VERLOSUNG

Heute gibt es 3 x 2 Eintrittskarten für das Städel-Museum, Schaumainkai 63 in Frankfurt, zu gewinnen. Einfach unter www.fr.de/gewinnspiel mit Angabe des Stichwort bewerben, das sich im E-Paper (für FR+-Leser kostenfrei) oder in der Printausgabe vom 8.8. findet. Einsendeschluss ist Sonntag, 9. August, um 23.59 Uhr . Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Nur Gewinner werden benachrichtigt. Viel Glück!

Das Städel-Museum hat täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags sogar bis 21 Uhr. Montag ist Ruhetag. Der reguläre Eintritt kostet 14 Euro. Kinder unter 12 Jahren zahlen keinen Eintritt. Für weitere Informationen www.staedelmuseum.de.

„Wenn man hier davorsteht, merkt man, wie wichtig es ist, Bilder im Original zu sehen“, sagt Sulzbach. „Jeder Mensch nimmt Farben anders wahr, es kommt auf das Licht an und die Umgebung. Wenn ich mal eines unserer Bilder in einer Ausstellung sehe, staune ich, weil es ganz anders wirkt.“

Wer den „Geographen“ lange nicht oder vielleicht noch nie im Original gesehen hat, dem fällt vermutlich erst einmal der Hintergrund auf, vor dem das Gemälde hängt. Seit einigen Jahren sind die Wände im Obergeschoss farbig gestrichen, tief dunkelrot, grün und im Vermeer-Saal eben wunderbar dunkelblau. „Das wirkt ganz stark auf die Besucher“, hat die Museumspädagogin beobachtet. „Gerade für Kinder ist Farbe eines der wichtigsten Themen. Wie wirkt das? Was kann man kombinieren? Das finden sie sehr spannend.“

Ursprünglich sollten die Wandfarben bei der Orientierung im Obergeschoss helfen: deutsche Malerei mit grünem, italienische mit rotem und niederländische mit blauem Hintergrund. Inzwischen ist das aber auch nicht mehr so streng und konsequent. Die ältesten Bilder des Hauses, kinderbuchbunte italienische Malerei, hängen aber immer noch auf tiefrotem Untergrund. Der passt wunderbar zum echten Gold, das überall glänzt.

Überall taucht hier das Rot auf, im Bucheinband, den eine schöne Heilige trägt, im Amulett um den Hals des Jesuskinds, auch im Blut der Märtyrer. „Das ist jetzt vielleicht nicht unbedingt etwas für Kinder“, meint Sulzbach. „Man darf nicht vergessen, dass diese Bilder ja nicht fürs Museum gedacht waren, sondern in Kirchen hingen und intensiv angeschaut wurden.“

Heute haben die Besucher durchschnittlich acht Sekunden Zeit pro Bild. „Das geht schon sehr schnell“, bedauert Sulzbach. „Wir sind Instagram oder Tiktok gewohnt und merken gar nicht mehr, wie sorgfältig diese Werke komponiert sind.“

1932 malte Paul Klee das Niltal - es hängt vor grauem Grund.

Einen Stock tiefer hängen die Publikumslieblinge, die Impressionisten, die Expressionisten, das nüchterne 19. Jahrhundert. Hier ist es ein bisschen voller, aber in den weitläufigen Räumen verlaufen sich die Besucher. Die Wände haben andere Farben, es sind cremeweiße Töne, erst auf den zweiten Blick bemerkt man die Unterschiede, die von Raum zu Raum eine Nuance ausmachen können.

Die Museumsleute hängen immer mal wieder um, Bilder wandern in Ausstellungen oder ins Depot, werden restauriert oder auch neu gekauft. So hängt derzeit ein ziemlich unbekanntes Bild an prominenter Stelle, dort, wo sich sonst die berühmte Impressionistensammlung (sie ist bis 25. Oktober in der Sonderausstellung „En passant“ im Haus zu sehen) findet. Es hätte das Zeug zum Publikumsliebling: Henry Edmund Cross hat 1904 einen „Nachmittag im Sommergarten“ gemalt, einen Farbrausch, der sich in bunte Punkte auflöst, wenn man nahe herangeht. Es ist ein ganz normaler Museumstag, da kann man das – hinge das Bild in einer Sonderausstellung, es wäre wohl unmöglich. „Es ist ein Bild, das sich mit jedem Blick verändert“, schwärmt Sulzbach. So, wie kein Sommertag dem anderen gleicht.

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