Die Präsidentin der Diözesanversammlung, Ingeborg Schillai, und Bischof Bätzing halten den Abschlussbericht in Händen.
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Die Präsidentin der Diözesanversammlung, Ingeborg Schillai, und Bischof Bätzing halten den Abschlussbericht in Händen.

Aufarbeitung

Bistum Limburg: Missbrauchsstudie soll Beginn der Ehrlichkeit markieren

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Experten, Kirchenvertreter und Betroffene haben in Frankfurt ihre Untersuchung über Missbrauchsfälle im Bistum Limburg vorgestellt. Ein Opfer warnt: „Kein Fall wurde verhindert.“

„Der Beginn der Ehrlichkeit“ ist wohl das inoffizielle Motto, auf jeden Fall aber das meistzitierte Motiv in den Reden, die am Samstagmittag in der Paulskirche gehalten werden. Und einige Redner erwecken den Eindruck, als könnte da tatsächlich etwas dran sein.

Gut ein Jahr lang haben 70 Experten, Kirchenvertreter und Betroffene die sexualisierte Gewalt in der jüngeren Geschichte des Bistums Limburg untersucht. Die Ergebnisse der Studie werden an diesem Samstag vorgestellt und dem Bistum Limburg in den Gestalt von Bischof Georg Bätzing und Ingeborg Schillai, der Präsidentin der Diözesanversammlung, übergeben. Das Bistum selbst hat die 415 Seiten dicke Studie in Auftrag gegeben.

Dass das, was dabei herausgekommen ist, alles andere als eine Gefälligkeitsstudie geworden ist, lässt schon der erste Redner erfahren. Er ist weder Kirchenvertreter noch Wissenschaftler, sondern Opfer. Martin Schmitz war zehn Jahre alt, als er als Messdiener vom Kaplan seiner Kirchengemeinde vergewaltigt wurde. Er berichtet, wie er nach Jahren der Therapie und Verarbeitung beim Kramen in einer alten Kiste auf ein Papierkügelchen gestoßen sei – eines der Art, die er früher als Lausbub gerne Mitschülern mit einem Blasrohr in den Nacken gepustet habe. Es war aber kein solches Kügelchen. Es war ein zerrissener Zettel, auf dem ein kleiner Junge versucht hatte, das Unfassbare zu verarbeiten. Er weine, hatte der Junge damals geschrieben, aber trockenen Auges, er weine in sich hinein, „bis meine kleine Seele ertrinkt“.

Josef Bill, ehemaliger Vorsitzender Richter beim Frankfurter Oberlandesgericht, spricht eher die trockene Sprache der Juristen. Das macht die zwei Fälle, die er exemplarisch für 46 untersuchte vorträgt, nicht weniger gruselig. Da ist der Pfarrer aus dem Bistum Würzburg, der nach Vorwürfen des Kindesmissbrauchs lediglich kirchenintern ins Bistum Limburg versetzt wird. Als Pfarrer zweier Gemeinden im Westerwald wird er auch dort übergriffig und deswegen in erster Instanz gerichtlich verurteilt. In zweiter Instanz wird das Verfahren gegen eine Zahlung von 8000 Euro eingestellt. Als ein Elternbeirat sich beim Bistum darüber beschwert, dass der Pfarrer weiterhin sein Unwesen treiben dürfe, legt das Bistum falsch Zeugnis ab und behauptet, gegen den Mann sei „jeglicher Tatverdacht ausgeräumt“. Intern weiß man es natürlich besser und schiebt den Mann erst in die Frankfurter Krankenhausseelsorge, später ins Bistum Bamberg ab. Und Bill berichtet von dem Fall eines Mädchens, das seinen strenggläubigen Eltern von den sexuellen Übergriffen des Pfarrers gebeichtet habe. Während sie von der Mutter nur der Lüge geziehen wurde, wurde sie vom Vater verprügelt.

Ungenannte Schuldige

Nicht nur die „unvorstellbar schlimme pädosexuelle Eigensucht“ der meisten Täter haben Bill bei der Arbeit des vergangenen Jahres nachhaltig erschüttert, sondern das „infame und verlogene Verhalten“ ihrer Vorgesetzten. Gerne würde er „Ross und Reiter, Täter und Vertuscher“ benennen, das sei aber „wegen der allgemeinen Persönlichkeitsrechte“ leider nicht möglich. So viel aber könne er sagen: Einige davon hätten „in der Bevölkerung ein hohes Ansehen“, zwei das Bundesverdienstkreuz, nach anderen seien heute noch Einrichtungen benannt. Einen Bischof, der äußerst wahrscheinlich wider besseres Wissen einen Täter geschützt und in den sicheren Ruhestand geleitet habe, nennt Bill dann doch namentlich. Es handelt sich um einen Bischof, der nicht nur wegen seiner Badewanne in der Bevölkerung ein hohes Interesse genießt.

Die jetzt präsentierte Studie sei eine „tolle Idee“, sagt Lisa Scharnagl, Opfer eines Missbrauchs an einer katholischen Schule. Aber sie sei „nichts als Papier“. „Kein einziger Fall ist seitdem verhindert worden. Hört auf zu glauben, dass das, worüber wir reden, in der Vergangenheit liegt!“ Auch kritisiert sie die Übergabe der Studie im Rahmen einer „Feierstunde“ – eine Annahme in Stille und „Demut“ hätte der Kirche besser zu Gesicht gestanden. Der „Beginn der Ehrlichkeit“, so diese denn tatsächlich beginnen solle, komme für sie „zu spät“, sagt Scharnagl – „aber besser spät als nie“.

Bischof Bätzing kündigt an, dass nun eine „unabhängige diözesane Kommission zur Aufarbeitung die Implementierung“ der in der Studie vorgeschlagenen Reformen begleiten solle. Darunter sind Vorschläge wie etwa eine Doppelspitze als Gemeindevorstand, eine Neustrukturierung der kirchlichen Verwaltung, eine reformierte Priesterausbildung und die Einrichtungen von „Erzählräumen“ auch außerhalb des Beichtstuhls.

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