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Binding-Brauerei in Frankfurt: Ende einer Tradition

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Von: Sandra Busch

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Das Sudhaus der Binding-Brauerei an der Darmstädter Landstraße mit seinen fünf kupfernen Sudkesseln wurde Ende der 1950er Jahre gebaut. renate hoyer
Das Sudhaus der Binding-Brauerei an der Darmstädter Landstraße mit seinen fünf kupfernen Sudkesseln wurde Ende der 1950er Jahre gebaut. renate hoyer © Renate Hoyer

Das Aus für die Binding-Brauerei löst Bedauern und Betroffenheit aus – und die Diskussion über die Nutzung des Geländes beginnt.

Traurig – das Wort fällt am Freitag häufig. Die Radeberger-Gruppe hatte am Donnerstag angekündigt, die Binding-Brauerei am Sachsenhäuser Berg in Frankfurt zu schließen. Spätestens ab Oktober 2023 soll kein Bier mehr in Frankfurt gebraut werden. „Wir sind überrascht und bestürzt über die Entscheidung der Radeberger-Gruppe“, sagte Grünen-Fraktionschef Dimitrios Bakakis am Freitag. Und natürlich traurig. „Wir bedauern den kulturellen Verlust der Traditionsmarke, es bricht ein Industriezweig weg.“

Wegen stark gestiegener Kosten soll die Brauerei nach mehr als 150 Jahren geschlossen werden. Die Zentrale der Radeberger-Gruppe soll weiterhin ihren Sitz in Frankfurt haben, die in der Brauerei produzierten und abgefüllten Marken an andere Standorte verlegt werden. Binding soll in Zukunft bei der Schwesterbrauerei in Nürnberg/Fürth, der fränkischen Privatbrauerei Tucher, fortgeführt werden, heißt es auf der Binding-Facebookseite.

Das Frankfurter Bier bleibt, kommt aber nicht mehr aus Frankfurt. Von diesem Schritt sind am Sachsenhäuser Berg 150 Beschäftigte betroffen. Laut Radeberger sollen „sozialverträgliche Lösungen“ für sie gefunden werden. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten hat bereits Widerstand angekündigt, will gemeinsam mit den Beschäftigten für den Erhalt der Arbeitsplätze und des Standortes kämpfen. „Die Zukunft der Beschäftigten sorgt uns“, sagte Bakakis. „Neben Inflation und Energiekrise haben sie nun auch noch Existenzängste.“

Auch für CDU-Fraktionschef Nils Kößler sind es „traurige Nachrichten“. Für die 150 Beschäftigten, aber auch für die Stadt. Die Traditionsbrauerei sei über eine lange Geschichte mit Frankfurt verbunden. Nach der Verkündung der Radeberger-Gruppe sei die Stadt nun „leider in einer passiven Rolle“. Die Stadt hätte früher Signale bekommen müssen, „um zu sehen, welche Möglichkeiten es gibt“. Eine gut vernetzte Wirtschaftsdezernentin, ein gut vernetzter Magistrat, „der dichter an den Entwicklungen dran ist, wäre wünschenswert“, sagte Kößler.

Erst vor vier Wochen hatte Radeberger die Bierpreise wegen drastisch gestiegener Kosten für Rohstoffe, Energie und Logistik erhöht. Doch dieser Schritt reiche nicht mehr aus, hieß es von der Radeberger-Gruppe. „Der Verlust der Arbeitsplätze schmerzt“, sagte Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). Hinzu komme das Ideelle. „Jeder kennt das Brauhaus. Es ist ein Stück Frankfurt. Als Magistrat werden wir noch einmal das Gespräch suchen.“

Die Radeberger-Gruppe hat bereits ein Gesprächsangebot gemacht. Ein Termin werde gerade gesucht“, sagte Wiebke Schmidt, Sprecherin von Wirtschaftsdezernentin Stephanie Wüst (FDP). Ob es dabei um die Frage geht, ob noch etwas für den Erhalt des Brauereistandorts getan werden kann oder was mit dem Gelände an der Darmstädter Landstraße passieren wird – „wir wollen dem Gespräch nicht vorgreifen“, sagte Schmidt. „Wir wissen bisher nicht genau, was die Beweggründe von Radeberger sind.“ Und ob die Stadt etwas für das Unternehmen tun könne. „Aber darüber werden wir sprechen“, sagte Schmidt.

Auf die Gastronomie sieht Kerstin Junghans, Geschäftsführerin Frankfurt/Rhein-Main des Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Hessen, nicht direkt Schwierigkeiten zukommen, wenn Binding – und Henninger – nicht mehr in Frankfurt gebraut wird. Die Gastronomen würden ihr Bier schon geliefert bekommen, „ich glaube nicht, dass das Probleme mit sich bringt“. Aber: „Es ist sehr traurig und schade, es ist eine Tradition, die zu Frankfurt gehört.“ Sie sieht die Produktionsaufgabe in Frankfurt auch „als schwieriges Signal für die gesamte Branche“. Gerade habe man gelernt, mit Corona zu leben, nun gebe es Krieg und steigende Energiekosten. „Die Zeiten werden komplett schwierig, wenn ein Betrieb dieser Größe schließen muss“, sagte Junghans. Ein Betrieb dieser Größe, der eigentlich Stabilität mit sich bringe. „Das macht betroffen.“

Auch die CDU Frankfurt-Sachsenhausen bedauert „zutiefst“, dass die Brauerei den Betrieb einstellt, sagte der Vorsitzende Jochem Heumann. „Damit gibt es keine große Brauerei mehr in Frankfurt, das vor mehreren Jahrzehnten einmal der größte Braustandort Deutschlands war.“ Die CDU Sachsenhausen fordert den Magistrat auf, sich klar zum Gewerbestandort am Sachsenhäuser Berg zu bekennen. Eine Umwidmung in ein Wohngebiet komme nicht infrage, sagte Heumann. „Sachsenhausen benötigt weiterhin gewerbliche Arbeitsplätze.“ Die CDU hätte auch kein Verständnis dafür, dass der Grundstückseigentümer einen riesigen Planwertgewinn aus einer möglichen Umwandlung in Wohnbaufläche ziehen könnte. „Die Wertsteigerung für das mindestens 30 000 m² große Brauereigelände würde mindestens 36 bis 99 Millionen Euro betragen.“

Für Gregor Amann, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD, müssen nun „schnellstmöglich kluge Ideen für den freiwerdenden Standort“ entwickelt werden. „Bestimmt liebäugelt schon so manch einer mit dem ‚Filetstück‘ mitten in Sachsenhausen.“ Für ihn ist aber ebenfalls klar, dass dort wieder Gewerbe angesiedelt und der Branchenmix in Frankfurt erhalten bleiben sollte.

Die Partei „Die Partei“ ruft derweil in den sozialen Medien zum Bierkrawall auf. Und zwar am 21. April 2023 – 150 Jahre nach dem Frankfurter Bierkrawall, als es Unruhen wegen der Erhöhung des Bierpreises durch die örtlichen Brauereien gab. „Binding darf nicht sterben“, heißt es in dem Aufruf. „Wir lassen uns die (mittelmäßige) Frankfurter Brauereitradition nicht nehmen und verlangen die Übergabe der Braukessel in die Hand der Bürgerinnen und Bürger und einen stadtweiten Bierpreisdeckel (auf 1 Batzen).“

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