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„Video City“ – unendliche Weiten. So schön wird’s nie mehr.

Videothek

"Video City" muss schließen

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Frankfurts letzte echte Videothek macht Ende des Jahres zu. Über viele Jahre war „Video City“ der letzte Zufluchtsort für betagte Filmfreunde, die sich mit dem neumodischen Streaming-Zeugs entweder nicht anfreunden wollten oder konnten.

Jetzt mal nur für den Fall, dass es Sie gelüsten sollte, den „Wicker Man“ zu sehen, und zwar nicht das schwachsinnige Remake mit Nicolas Cage von 2006, sondern das herrliche Original, anno 1973 mit Christopher Lee gedreht – dann sollten Sie sich besser sputen.

Die Videothek „Video City“ im Sandweg schließt zum Ende des Jahres ihre Pforten. Zumindest die des Standorts. Die Gründe dafür sind frankfurttypisch: Das Haus, in dem sich die Videothek befindet und das in betrüblicher Nähe zur neuen EZB steht, wird luxussaniert – um anschließend aufgefüllt zu werden mit Nachbarn, die kein Mensch will, und mit Läden, die kein Mensch braucht. Jedenfalls wird die neue Miete für die Videothekare nicht mehr zahlbar sein. Sie suchen jetzt nach einer halbwegs bezahlbaren neuen Bleibe. Bislang vergebens.

Aber so oder so: fest steht bereits jetzt, dass für die abertausende cineastischer Perlen, die bislang in der Videothek am Rande des Ostends eine Heimstatt gefunden hatten, kein Platz mehr sein wird. Nicht für „Das Messer im Wasser“, mit dem Roman Polanski 1962 groß wurde. Nicht für „Dellamorte Dellamore“, die herrliche italienische Zombie-Groteske, mit der auch Rupert Everett 1994 wiederauferstand. Und auch nicht für „Die goldene Banane von Bad Porno“, einem klassischen bundesrepublikanischen Unterhaltungsfilm von 1971 mit Ingrid Steeger in der Haupt- und Titelrolle.

Sicherlich, Videotheken wird es nach wie vor geben – als kleine, enge Kabuffs mit dem Charme von Laufhäusern, dem Odeur von Bahnhofsurinalen und der Auswahl der DVD-Abteilung des örtlichen Elektronik-Supermarkts. Also keine Orte, die der Filmfreund von Welt freiwillig betreten würde.

Über viele Jahre war „Video City“ der letzte Zufluchtsort für betagte Filmfreunde, die sich mit dem neumodischen Streaming-Zeugs entweder nicht anfreunden wollten oder konnten. Hier gab es alles: Großes Kino, kleines Kino, europäische Filme, nach Ländern sortiert, US-Klassiker, nach Schauspielern gelistet. Hinten an der Wand das Regal mit den großen Regisseuren, vor dem man immer wieder staunend stehen und sich in Erinnerung rufen konnte, wie viel Quatsch David Lynch in seinem Leben schon gedreht hat. Um sich anschließend „Eraserhead“ (1977) auszuleihen, weil halt eben nicht alles Quatsch war.

Wahrscheinlich nirgendwo sonst in Frankfurt hätte man sich die Gerhard-Lamprecht-Verfilmung von „Emil und die Detektive“ aus dem Jahr 1931 ausleihen können. Mit Sicherheit aber hätte man nirgendwo sonst beim Zurückgeben fachsimpeln können, dass die Schwarz-Weiß-Verfilmung des Kästner-Werks viel besser sei als der 54-er-Neuaufguss von Robert A. Stemmle, obwohl doch Billy Wilder in beiden Fällen am Drehbuch mitgewerkelt habe, und dass Fritz Rasp selbstverständlich ein viel bedrohlicherer Herr Grundeis ist als Kurt Meisel. Nirgendwo!

Wohin die Filme wandern werden, weiß niemand

Wer wird in Zukunft in Frankfurt den großen der Filmwelt künftig noch die letzte Ehre erweisen? Die Betreiber der „Video City“ haben das in den letzten Jahren vorbildlich vorexerziert, stets fand sich dort aus aktuellem, traurigen Anlass eine Kondolenzwand mit den bedeutendsten Werken der Verblichenen. So wurde unlängst das fast synchrone Ableben von Christopher Lee und Pierre Brice pietätvoll begangen. Auf einer größeren Wand mit Trauerflor fanden sich die besten Filme Lees, darunter selbstverständlich der unsterbliche „Wicker Man“. Nebendran, als sei er Lees kleiner roter Bruder, wurde Brice gewürdigt, und zwar nicht allein mit sämtlichen Winnetou-Werken, sondern auch mit raren Filmperlen wie „Zorro gegen Maciste“ (1963) oder „Gern hab ich die Frauen gekillt“ (1966). Wenn Sie mal einer fragen sollte, wer Winnetou wirklich den Todesschuss gesetzt hat: Das war nicht Rik Battaglia. Das war der Vermieter von „Video City“.

Dort ist man weiterhin auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Doch so oder so ist das Videoleihen in den vergangenen Jahren zur Senioren-Freizeitbeschäftigung geworden. Im Zeitalter des Streaming ist es zum Luxus von Liebhabern mutiert, ähnlich der morgendlichen Lektüre einer gedruckten Zeitung. Für das riesige Filmarsenal jedenfalls wird der neue Standort, so es überhaupt einen geben sollte, nicht ausreichen. Definitiv vorbei sein wird die Zeit, an der man an einer Armada von Filmen vorbeidefilieren konnte, mal hier oder da einen Blick auf das Cover werfen und sich nach Lust und Laune für einen entscheiden konnte.

Wohin die Filme wandern werden, weiß noch keiner so genau, auch die Videothekare nicht. Vielleicht, heißt es von deren Seite, zeige ja die Stadtbibliothek Interesse an dem einen oder anderen Meisterwerk, doch da ist wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Einer bringt die wahrscheinlichste Variante mit einem Wort auf den Punkt: „Ausverkauf!“

Falls jemand auf dumme Gedanken kommen sollte: Der „Wicker Man“ ist hiermit reserviert!

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