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Billy Joel bei seinem einzigen Deutschlandkonzert.

Konzert in Frankfurt

Billy Joel in Frankfurt

Seit zehn Jahren war der New Yorker Songwriter Billy Joel nicht mehr in Deutschland. Jetzt ist er für ein einziges Konzert nach Frankfurt gekommen.

Von Volker Schmidt

Alles dreht sich um Billy Joel. Sein Flügel steht auf einem um 360 Grad beweglichen Bühnenelement. Das erlaubt dem Singer-Songwriter den Kontakt in alle Richtungen, zu Tribünen und Innenraum im Waldstadion, zur Band, zu den Kameras, die die Großbildschirme füttern.
Seit zehn Jahren war der New Yorker nicht in Deutschland, davor waren es sogar zwölf. Ein Album ist seit 1993 nicht erschienen. Scheidungsstress, Suchtprobleme und Depressionen, gegen die er schon zu Beginn seiner Karriere kämpfte, rissen Lücken in Joels Schaffen. Elton John, mit dem er seit Mitte der 90er mehrfach tourte, riet ihm öffentlich zum Akolholentzug.

Jetzt scheint Joel wieder gut beisammen, spielt seit 2014 jeden Monat ein ausverkauftes Konzert im Madison Square Garden. Er ist seit einem Jahr zum vierten Mal verheiratet und noch einmal Vater geworden.
Elton John nimmt er die öffentlichen Ratschläge anscheinend nicht übel. Nach Miami 2017 („Seen The Lights Go Out On Broadway“) und „Angry Young Man“ begrüßt Joel mit ein paar deutschen Brocken („seit zehn Jahre“) die 30 000 im Stadion, ein paar graue Haare habe er bekommen seither und sehe aus wie sein Dad. Dann erzählt er, er sei mit diesem anderen Klavierspieler da unterwegs gewesen, und parodiert mit Elton-John-Stimme ein paar Takte aus dessen „Your Song“.

Charmante Selbstironie grundiert viele der fast 30 Titel des Abends. Joel baut Zitate aus der ganzen großen Musikwelt ein: The Entertainer beginnt mit einem Schnipsel „Ode an die Freude“ vom legendären Songwriterteam Schiller/Beethoven, Saxofonistin Crystal Taliefero singt mitten im River of Dreams ein Stückchen „Heat Wave“ von Martha and the Vandellas, Gitarrist Mike DelGuidice intoniert „Nessun dorma“ aus Puccinis „Turandot“. Auf die Spitze treibt es der Roadie namens Chainsaw, der zu Joels Gitarrenriffs ACDCs „Highway To Hell“ kreischt.

Diese Spielereien stehen auf einem soliden Fundament: Joels Songs aus 40 Jahren Musikkarriere, ohne Schnörkel inszeniert, saftig arrangiert mit drei Bläsern, zwei Gitarren, Bass, Drums, Keyboard, Percussion. Leider ist das Stadion zu, und unterm Deckel zerkocht die Akustik leider immer wieder Richtung Brei.

Das schadet besonders jenen filigraneren Passagen, die Joels Songwriting über das vieler Zeitgenossen erheben, dem progrockigen Hochgeschwindigkeitstastengehämmer im Vorspiel zu „Angry Young Man“ etwa oder das jazzige „Zanzibar“ mit seinen Trompetensoli. Den Song kündigt Joel aber ohnehin mit den Worten an „es war nie ein Hit, sondern ein so genannter Album Track. Wenn Ihr also aufs Klo müsst, geht jetzt“.

Aber es bleibt genug zu feiern übrig, und die Dramaturgie stimmt zwischen schnell („My Life, Movin’ Out“, „Allentown“, „We Didn’t Start The Fire“) und Ballade („New York State Of Mind“, „Leningrad“, „She’s Always A Woman“). Zweimal lässt Joel das Publikum abstimmen: „Vienna“ gewinnt gegen „Summer Highway Falls“, „For The Longest Time“ gegen „Say Goodbye To Hollywood“. Joel dirigiert die Bandmitglieder mit einer Fliegenklatsche durch die A-cappella-Darbietung.

Die Bildschirme zeigen wenig videokünstlerischen Schnickschnack, bleiben meist auf den Musikern. Eine Kamera senkrecht über Joels Tastatur dokumentiert dessen Fingerfertigkeit, Zooms auf Gesichter im Publikum lösen bei den Gezeigten Reaktionen zwischen Exhibitionismus und Fluchtinstinkt aus. Nach der Mini-Rock-Oper „Scenes From An Italian Restaurant“ hängt sich Joel das Gestell mit der Mundharmonika um. Er lässt das Bild wirken, bis alle realisiert haben, dass er jetzt endlich kommt, der „Piano Man“. Textsicher singen alle mit, die Zeile „it’s a pretty good crowd for a saturday“ bekommt Extrajubel.

Im Zugabenteil gibt Joel den Leuten dann den Rest, jagt sie durch die Rock’n’Roll-nahen Nummern seines Oeuvres: „Uptown Girl“, „It’s Still Rock and Roll to Me“, „Big Shot“, „Only The Good Die Young“ und „You May Be Right (I May Be Crazy)“ samt Led-Zeppelin-Versatzstück.
Nach fast drei Stunden endet eines von zwei Europa-Konzerten Joels (das andere ist in London) in seliger Erschöpfung. Wenn er wieder zehn Jahre braucht, wird er bei seinem nächsten Frankfurt-Besuch 77 Jahre alt sein.

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