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Meron Mendel und Deborah Schnabel leiten gemeinsam die Bildungsstätte Anne Frank.
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Meron Mendel und Deborah Schnabel leiten gemeinsam die Bildungsstätte Anne Frank.

Interview

Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt: Solidarität muss öffentlich möglich sein

  • Thomas Kaspar
    VonThomas Kaspar
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  • Georg Leppert
    Georg Leppert
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Die Direktorin und der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank sprechen über digitale Aufklärung zu Antisemitismus, Gespräche in Moscheen und ihr Verhältnis zum hessischen Innenminister.

Frankfurt - Meron Mendel und Deborah Schnabel sitzen zwischen Regalen, in denen dicht an dicht Bücher über den Holocaust, die Auschwitz-Prozesse und Chefankläger Fritz Bauer stehen. An der Wand hängt ein Poster mit dem Konterfei von Anne Frank. Mendel ist seit 2010 Direktor der Bildungsstätte Anne Frank; seit September ist Schnabel Co-Direktorin. Für das Interview mit der FR nehmen sie sich in der Bibliothek der Einrichtung im Westend rund anderthalb Stunden Zeit.

Frau Schnabel, was wird sich durch Ihre Ernennung zur Direktorin in der Bildungsstätte ändern?

Schnabel: Ich bin ja nicht neu dabei, sondern war seit Februar 2020 Meron Mendels Stellvertreterin. Ich kam also kurz vor der Corona-Krise (lacht). Seitdem spielt digitale Bildung natürlich noch eine größere Rolle als vorher, und dieses Thema zählt zu meinen Fachgebieten. Wir müssen unsere Bildungsangebote weiter digitalisieren. Das bedeutet mehr, als Videos ins Netz zu stellen. Wir müssen Jugendliche in ihrer digitalen Welt erreichen.

Werden Sie bitte konkreter.

Schnabel: Wir brauchen eine andere Ansprache. Ich denke da an unser Handyspiel Hidden Codes. Das ist ein digitales Lernspiel, das Jugendlichen hilft, Radikalisierung im Netz zu erkennen. Und wir müssen dorthin, wo die Jugendlichen Zeit verbringen. Wir suchen etwa den Kontakt zu Influencer:innen, die in den sozialen Netzwerken eine immense Bedeutung haben. Sie sind etwa bei dem populären Videoportal Tik Tok die Multiplikator:innen für Jugendliche. Über sie können wir den jungen Leuten etwa vermitteln, was Antisemitismus und Rassismus bedeuten. Das ist die Bubble, in die wir kommen müssen. So können wir dort aufklären, ohne erhobenen Zeigefinger.

Einrichtung in Frankfurt: Bildungsstätte Anne Frank klärt auf gegen Rassismus

Was können diese Influencer:innen den Jugendlichen denn im Idealfall vermitteln?

Schnabel: Zum Beispiel, dass es ganz unterschiedliche Formen von Antisemitismus gibt.

Mendel: Das erleben wir im Netz ebenso wie in der analogen Welt. Den traditionell offenen Antisemitismus, der sich etwa in dem Schimpfwort „Du Jude“ ausdrückt, gibt es zwar auch noch. Immer mehr an Bedeutung gewinnt der Antisemitismus, der sich über Umwege artikuliert. Da ist allen voran der israelbezogene Antisemitismus zu nennen, der im Deckmantel einer vermeintlich neutralen „Kritik“ am Staat Israel antisemitische Stereotype und Ressentiments bedient.

Wie zeichnet er sich aus?

Mendel: Es geht dabei scheinbar um Kritik am Handeln des Staates Israel. Natürlich kann man die israelische Regierung kritisieren, das ist völlig legitim. Aber wenn eine Demonstration gegen die Siedlungspolitik Israels vor einer Synagoge stattfindet, dann ist das antisemitisch. Denn dann geht es darum, Jüdinnen und Juden zu diskreditieren. Und diese Abläufe gibt es halt auch im Netz. Jemand sagt, er kritisiere Israel und spricht von „den Juden“. Gerade muslimisch-migrantische Jugendliche sind dafür anfällig. Sie sehen, was im Nahen Osten los ist und entwickeln eine Wut auf Israel. Noch mal: Kritik ist in Ordnung, dafür habe ich teils Verständnis. Aber wenn die Wut in Hass gegen Jüdinnen und Juden umschlägt, wenn der israelische Staat mit „den Juden“ gleichgesetzt und dämonisiert oder sogar die Existenz Israels infrage gestellt wird – dann ist die Grenze zum Antisemitismus überschritten.

Zur Person

Deborah Schnabel ist seit September dieses Jahres Direktorin der Bildungsstätte Anne Frank. Im Februar 2020 fing sie als stellvertretende Leiterin in der Einrichtung an der Frankfurter Hansaallee an. Die 36-Jährige ist promovierte Psychologin. Zu den Schwerpunkten ihrer Arbeit zählt die Vermittlung digitaler Bildungsinhalte.

Meron Mendel leitet die Bildungsstätte seit 2010. Der 45-Jährige, der in Israel geboren wurde und die deutsche Staatsbürgerschaft hat, ist promovierter Pädagoge. An der University of Applied Sciences in Frankfurt hat er eine Professur für transnationale Soziale Arbeit. geo

Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt will Dialog in der Gesellschaft vorantreiben

Ist die Grenze zwischen Kritik an der Regierung Israels, die Sie noch für legitim halten, und Antisemitismus immer leicht zu ziehen? Ein Beispiel: Der Eintracht-Spieler Amin Younes wurde im Mai für einen Post scharf kritisiert, auf dem ein Mann mit einer palästinensischen Fahne von israelischen Soldaten bestürmt wird. Dazu schrieb Younes: „Möge Allah mit dir sein“.

Mendel: Ich kenne den Fall nicht in seinen Details. Grundsätzlich ist Solidarität mit Palästinenserinnen und Palästinensern nicht automatisch antisemitisch – vielmehr muss diese auch öffentlich möglich sein. Auch im Netz. Das ist etwas anderes, als wenn Menschen vor eine Synagoge ziehen und „Kindermörder Israel“ schreien.

Schnabel: Und genau diese Differenzierungen können Influencer:innen den Jugendlichen verständlich machen. Sie erreichen die jungen Leute, also wollen wir sie erreichen.

Schaffen Sie sich mit dieser sehr differenzierten Haltung Feindbilder?

Mendel: Ja, aber damit müssen wir leben. Wir treiben den Dialog zwischen allen Teilen der diversen Gesellschaft in Deutschland voran, das ist auch wichtig. Und wir lassen bei den Gesprächen auch nicht mehr den Elefanten im Raum außen vor.

Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt: Kontakte zu verschiedenen Communities suchen

Das heißt?

Mendel: Das heißt, dass wir uns auch in Deutschland über den Nahostkonflikt unterhalten sollen. Wir dürfen darüber streiten. Das tun wir sowieso. Es bringt nichts zu sagen: Wir leben hier in Deutschland, das geht uns nichts an. Das haben wir versucht. Aber Israel und die Palästinenser, das ist immer ein Thema. Übrigens in allen Milieus. Wir verstehen uns hier als Brückenbauer. Ich zum Beispiel bin in Israel geboren und aufgewachsen. Ich liebe Israel. Aber die zweite Hälfte meines Herzens gehört Frankfurt, der Stadt, in der ich jetzt lebe. Und hier muss es einen Dialog zwischen Juden und Muslimen und allen Menschen der diversen Stadtgesellschaft geben.

Schnabel: So sehe ich das auch. Ich bin in der Jüdischen Gemeinde sozialisiert worden, habe den Jüdischen Kindergarten und die Jüdische Schule besucht. Nun möchte ich auch dazu beitragen, dass sich gerade in der jungen Generation Kontakte mit anderen Communities ergeben.

Aber bringt es denn etwas, mit jeder Gruppe, also auch den extremistischen, den Kontakt zu suchen?

Schnabel: Wir setzen ganz klar Grenzen. Wir arbeiten nicht mit radikalislamistischen Gruppen und suchen hier auch keine Nähe. Wir gehen in die Moscheen, wir gehen auf muslimische Jugendliche zu. Wir erleben dabei in unserer alltäglichen Arbeit eine Bereitschaft vieler Moscheen, sich mit dem Thema Antisemitismus auseinanderzusetzen. Das gilt unserer Erfahrung nach auch für sehr heterogene Einrichtungen, in denen viele unterschiedliche Kräfte auf Jugendliche einwirken. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir diesen jungen Leuten den Dialog anbieten. Es gehört zu unserem Selbstverständnis dort hinzugehen, wo unsere Bildungsarbeit am meisten gebraucht wird. Wir können doch nicht sagen: Weil in einer bestimmten Moschee auch einmal ein bestimmter Prediger gesprochen hat, dessen Thesen wir komplett ablehnen, müssen wir die ganze Gemeinde ablehnen. Im Gegenteil: Gerade hier müssen Dialog und Empathie aufgebaut werden. Gerade hier müssen wir vermitteln, was Antisemitismus ist und was die Menschen dagegen tun können – auch im eigenen Umfeld und den eigenen Communities.

Elf Jahre Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt: In der Stadt angekommen

Wie ausgeprägt ist Antisemitismus Ihrer Wahrnehmung nach in Frankfurt? Der hessische Antisemitismusbeauftragter, Uwe Becker sagt ja, Frankfurt sei die jüdischste Stadt Deutschland …

Schnabel: Sagt er das?

Teilen Sie diese Einschätzung, nicht?

Schnabel: Ich kann mit dieser Zuschreibung nicht allzu viel anfangen.

Mendel: Ich auch nicht. Das ist so eine Überhöhung des Judentums. Ist eine Stadt besser, wenn sie jüdischer ist? Das glaube ich nicht. Es geht doch darum, dass Jüdinnen und Juden überall in Frieden leben können. Und um Ihre Frage zu beantworten: Antisemitismus gibt es überall, natürlich auch in Frankfurt.

Reden wir noch mal über die Bildungsstätte. Wie darf man sich Ihre Arbeit in der Zeit vor elf Jahren vorstellen?

Mendel: Ganz anders als heute. Wir hatten vier Mitarbeitende und wurden von einem Nichtfachpublikum vor allem als Stadtteileinrichtung wahrgenommen, der es um eine Vermittlung des Holocaust geht. Dabei ist unser Ansatz, auf die Gesellschaft der Gegenwart und Zukunft zu schauen – und dabei die Warnungen der Vergangenheit zu berücksichtigen. Wir haben mit unserem Lernlabor „Anne Frank. Morgen mehr“ einen völlig neuen Ansatz entwickelt, um Jugendlichen die Themen Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit zu vermitteln. Wir haben den Anne-Frank-Tag der Stadt Frankfurt ins Leben gerufen, damit diese Themen in der Stadtgesellschaft verhandelt werden können. Mit unseren Sonderausstellungen nehmen wir uns oft unbeleuchteter Aspekte der deutschen Migrationsgesellschaft an – zuletzt war es das Thema des deutschen Kolonialismus. Wir haben zwei hessische Beratungsstellen gegründet, in denen wir Betroffene von rechter Gewalt und von Diskriminierung beraten. Wir bieten Antirassismustrainings in Unternehmen und Betrieben an, wir leisten ein Gegengewicht zu rechten Kräften in sozialen Medien.

Leitungsteam der Bildungsstätte Anne Frank: Erleben eine „Zunahme von Diskriminierung“

Die Bildungsstätte ist seitdem stetig gewachsen, auf derzeit 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gab es für Sie einen Punkt, der für die Entwicklung der Einrichtung entscheidend war?

Mendel: Die gesellschaftlichen Entwicklungen haben natürlich einen wesentlichen Anteil am Wachstum: Die letzten Jahre sind geprägt von einem massiven Rechtsruck, einem steigenden Bedarf an unserer pädagogischer Expertise aus allen möglichen Bereichen – Schule, Behörden, Kultureinrichtungen bis hin zu Sportvereinen und der freiwilligen Feuerwehr. Wir erleben eine Zunahme von Diskriminierung, von rassistischer und antisemitischer Gewalt und rechten Terroranschlägen, auch in Hessen. Mit unseren Bildungs- und Beratungsangeboten versuchen wir, einen Teil des immensen Bedarfs zu decken. Es bräuchte natürlich sehr viel mehr.

In diesem Jahr kam es dann zwischen dem Vorstand der Bildungsstätte und dem Betriebsrat zum Konflikt. Sind die Konflikte inzwischen gelöst?

Mendel: Das war für alle eine schwierige Zeit, aber der Konflikt ist beigelegt. Wir haben uns schon im Mai außergerichtlich geeinigt und einen Neustart unternommen. Natürlich arbeiten wir auf, was geschehen ist.

Schnabel: Und wir arbeiten gemeinsam konstruktiv an der Zukunft unserer Einrichtung. Wir teilen das Anliegen des Betriebsrats und wollen uns für sichere und gute Arbeitsbedingungen einsetzen. Uns alle stört die prekäre Situation der politischen Bildung, Grundlage unserer Arbeit sind größtenteils Projekte mit befristeter Laufzeit, die nur schwer längerfristige Perspektiven für unsere sehr herausfordernde Arbeit ermöglichen.

Bildungsstätte Anne Frank: Schwierige Lage nach Kritik an rassistischen Strukturen bei Polizei

Wie ist Ihr Verhältnis zum hessischen Innenminister Peter Beuth?

Mendel: Es gibt keinen Kontakt zu ihm. Das ist sehr schade, weil ein Gespräch sinnvoll wäre.

Sie hatten sich mit ihm über Mittel für die Beratungsstelle Response gestritten.

Mendel: Was heißt gestritten? Wir sollten Bundesmittel für die Überlebenden und Angehörigen des Anschlags von Hanau bekommen, die aber durch das Land Hessen verteilt werden. Das Innenministerium verweigerte zunächst die Weitergabe. Wir vermuten, dass unsere Kritik an rassistischen Strukturen in Polizeibehörden damit zusammenhing und haben uns öffentlich zur Wehr gesetzt. Am Ende haben wir das Geld bekommen.

Trotzdem scheint der Konflikt noch nicht ausgestanden zu sein, oder?

Mendel: Es ist immer ein Problem, wenn man von öffentlichen Mitteln abhängig ist und sich gleichzeitig nicht scheut, öffentlich Kritik an der Politik zu üben. Dann müssen wir immer damit rechnen, dass wir für wichtige Projekte kein Geld mehr bekommen. Das ist natürlich belastend. (Interview: Thomas Kaspar und Georg Leppert)

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