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Wer war das, an der Nidda bei Bonames? Ein Fisch mit Nagezähnen, hätte die katholische Kirche vor 250 Jahren behauptet.

Fauna

Biber erobern unsere Flüsse

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Die Zahl der genialen Nager wächst in Rhein-Main und Hessen enorm. Allein fünf Reviere gibt es in Frankfurt.

Klimawandel? Da lacht der Biber. Wenn ihm ein Bach zu dünn wird, staut er sich einfach was. Aber allzu laut lacht er nicht. „Er ist mit seinen Dämmen zwar weitgehend unabhängig von Niederschlag“, sagt Manfred Sattler. „Aber Wasser braucht er.“ Ganz ohne Regen geht’s auch für den Biber nicht. In Rhein-Main findet er offenbar gute Voraussetzungen – hier ist er weiter stark auf dem Vormarsch. Fünf Reviere gibt es mittlerweile allein in Frankfurt.

Manfred Sattler kennt sich da aus, er ist Biber-Beauftragter der Oberen Naturschutzbehörde und einer der besten Freunde des Nagers. „Er fasziniert mich“, sagt er. „Kein anderes Lebewesen kann seinen Lebensraum so gestalten, er fällt Bäume für die Nahrung, er baut Dämme für seine Burg – er weiß genau, wo er stauen muss.“ Ein wahrer Gewässergestalter sei der Säuger mit dem platten Schwanz, „ein Wasserbauingenieur, ohne studiert zu haben“.

Was nicht überall dieselbe Begeisterung weckt. Besonders die abgenagten Bäume entlang der Nidda sorgten in den vergangenen Jahren mitunter für Empörung. Es gab besorgte Nachfragen und Beschwerden. „Es führt immer zu Problemen, wenn Tiere etwas dürfen, was der Mensch nicht darf“, fasst Sattler so knapp wie treffend zusammen. Ob der Biber eine Fällgenehmigung habe, wird er mitunter gefragt. Die Antwort: „Der Biber braucht die Bäume halt zum Überleben. Und sie treiben ja meistens wieder aus.“

An der auffälligsten Stelle, am Niddaufer zwischen dem Alten Flugplatz und dem Bonameser Nordpark, ist seit einiger Zeit kein weiterer Baum gefallen. Warum nicht? Es liegt an den Holzsorten. „Er frisst ja hauptsächlich Weichholz - und das findet er im Berkersheimer Bogen zuhauf.“ Dort, wenige Hundert Meter niddaaufwärts, ist ein weiteres der Frankfurter Reviere. Biber haben sich auch am Mainbogen in Fechenheim häuslich eingerichtet, am Praunheimer Nidda-Altarm „geistert ein Kandidat herum“ und, voriges Jahr neu entdeckt, am Kollmann-Weiher in Sossenheim.

Verglichen damit leben in den Landkreisen natürlich wahre Biberhorden. Wetterau: 27 besetzte Reviere, Main-Kinzig: gar 77, notierte der Biberbericht des Regierungspräsidiums (RP) Darmstadt für 2017. Insgesamt fanden die Fachleute 213 besetzte Reviere in Hessen und rechneten hoch: 703 Tiere – also jeweils rund ein Fünftel mehr als im Vorjahr. „Biber erobern weiterhin die hessischen Fließgewässer“, meldete das RP – trotz teils bedenklicher Wasserqualität (siehe Bericht unten).

„Die Zahl der Biber geht exponentiell nach oben“, sagt auch Manfred Sattler, „das geht jetzt Schlag auf Schlag.“ Wo kommen sie plötzlich her? Nun, sagt er, einst hätten 100 Millionen Biber in Eurasien gelebt, ehe sie fast ausgerottet wurden. Unter anderem hatte die katholische Kirche sie zu Fischen erklärt, weshalb sie in der Fastenzeit verzehrt werden durften – mit fatalen Folgen.

Inzwischen sind Biber streng geschützt, und man hat sie vielerorts wieder angesiedelt. Wenn sie erst einmal Fuß gefasst haben, vermehren sie sich enorm – bis zu einem gewissen Grad. „Der größte Feind des Bibers ist der Biber selbst“, sagt Sattler. Gibt es zu viel Nachwuchs, wird er vertrieben oder getötet. Revierkämpfe sind erbittert.

Auch gegenüber Menschen legen die Zahnhelden an Main und Nidda inzwischen viel Selbstbewusstsein an den Tag. Von Natur aus scheu und dämmerungsaktiv, lassen sie sich vereinzelt ganz entspannt in der Sonne blicken, wenn auch längst nicht so plump wie die Nutrias, die den Biber-Ähnlichkeitswettbewerb in der Tierwelt gewonnen haben – trotz ihres mickrigen Schwänzchens.

In der Nähe des Wildparks Fasanerie in Klein-Auheim bei Hanau haben Biber sogar einen beachtlichen Damm errichtet und den Hellenbach gestaut. Wegen des geringen Gefälles in der Gegend war schon bald ein Waldstück überschwemmt. „Wir beobachten das, wenn es zu viel wird, müssen wir einen Ablauf schaffen“, sagt Manfred Sattler. Und drückt noch einmal seine Bewunderung aus: „Die Biber wissen einfach, wie es geht – auch ohne hydrologisches Gutachten.“

In Nordamerika wissen sie es am besten: Da konstruierten sie über Generationen hinweg einen zwölf Meter hohen und 300 Meter langen Damm, der schließlich gesprengt werden musste. So weit ist es an der Nidda noch nicht. Sollten dennoch wieder mal Gebietskonflikte entstehen zwischen den Menschen und dem angeblichen Fisch, der mit seinen Nagezähnen Bäume fällt: „Bitte ans RP in Darmstadt wenden“, rät Sattler, „bisher hat es immer eine einvernehmliche Lösung gegeben.“

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