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BGU seit 60 Jahren in Frankfurt

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Von: Steven Micksch

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Das Geschäftsführer-Trio vor der Skyline: (v.l.) Corinna Breunig, Christina Meinel und Christoph Reimertz.
Das Geschäftsführer-Trio vor der Skyline: (v.l.) Corinna Breunig, Christina Meinel und Christoph Reimertz. © Renate Hoyer

Die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik im Frankfurter Stadtteil Seckbach hilft jährlich Zehntausenden Menschen und baut ihren Standort noch weiter aus. Mehr Betten und ein Hotel sind in Planung.

Beim Festakt des 60-jährigen Bestehens der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) Frankfurt hätte man auch ein 175-jähriges Jubiläum feiern können. Allerdings nur wenn man die 60 Jahre BGU mit den 60 Jahren Abteilung für Rückenmarksverletzte und den 55 Jahren Rollstuhl-Sport-Club Frankfurt zusammengezählt hätte, die alle in diesem Jahr begangen werden. Letztendlich passt die Addition, weil sich bei der BGU alle Abteilungen und Prozesse als ganzheitliches System verstehen, das verunfallten Menschen, die bestmögliche Heilungschance bieten will.

Vorrangig versorgt die Klinik Menschen, die einen Unfall hatten. Bei einem Arbeitsunfall schließt sich gleich eine Rehabilitation an. „Menschen mit einem Arbeits- oder Wegeunfall können wir schnittstellenfrei durchbehandeln“, sagt Christoph Reimertz, Geschäftsführer Medizin.

Dies bedeute eine integrierte Rehabilitation, um die Patient:innen schnell wieder in das gewohnte soziale Umfeld und den Arbeitsalltag zurückkehren zu lassen. Möglich wird dies, weil diese Art von Unfall im Sozialgesetzbuch VII verankert ist und den Unfallversicherungsträger dazu anhält „mit allen geeigneten Mitteln möglichst frühzeitig“ den Gesundheitsschaden zu beseitigen oder zu bessern. Der Ärztliche Direktor der Klinik, Reinhard Hoffmann, sprach in seiner Festrede von einem „rundum sorglos“-Paket und einem sehr gut funktionierenden System.

Das Paket komme jedoch nicht allen zugute, etwa den Patientengruppen, die nach SGB IV behandelt werden, weil sie keinen Arbeits- oder Wegeunfall hatten. Dann ende nach der qualifizierten, stationären Akutbehandlung die Versorgung durch den Kostenträger. „Bei schwerverletzten Menschen ist das ein Problem, weil sie, wenn sie entlassen werden, meist noch nicht Reha-fähig sind“, so Reimertz. Sie würden sozusagen in ein Reha-Loch fallen, häufig in ein Pflegeheim kommen und dadurch viel Reha-Potenzial verlieren.

Chronik

2. März 1959: Spatenstich für die BGU Frankfurt

15. August 1962: Eröffnung des Unfallkrankenhauses. Die erste Abteilung ist jene für Rückenmarksverletzte.

1969: Die Abteilung für Plastische und Handchirurgie wird eröffnet. 1971 folgt die Septische Chirurgie.

1972: Der Rettungshubschrauber Christoph 2 fliegt erstmals. 1973 wird der Hubschrauberhangar und der Landeplatz vor dem Gebäude in Betrieb genommen.

1978: Einführung neuer lokaler Antibiotikaträger (Septopal-Ketten) gegen Knocheninfektionen.

1982: Inbetriebnahme Computertomograf, 1997 folgt ein Kernspintomograf.

1997: Christoph 2 bekommt einen Hangar auf dem Dach der Klinik.

2009: Zertifizierung als überregionales Traumazentrum im Traumanetzwerk Hessen Süd.

2014: Eröffnung des Gesundheitszentrums mit ambulantem Rehazentrum.

2021: Gründung der Sektion Technische Orthopädie – die erste in Hessen.

2022: Behandlung von Kriegsverletzten aus der Ukraine.

Ein Problem, für das von Expertinnen und Experten schon mehrere Empfehlungen zur Verbesserung gegeben wurden. Genutzt hat es bisher noch nichts. Die Versorgung aller Menschen nach einem Unfall stehe in der Unfallklinik aber an erster Stelle, unabhängig von Kategorisierungen und Versicherungsstatus. So ist die BGU auch Notarztstandort mit mehr als 5000 Einsätzen pro Jahr. Auf dem Gelände in Seckbach sind das Notarzteinsatzfahrzeug NEF1 und der Rettungshubschrauber Christoph 2 stationiert.

Die Schwerpunkte der Klinik bilden die Medizinische Kompetenzzentren für Unfallchirurgie und Orthopädische Chirurgie, Wirbelsäulenchirurgie, Sportorthopädie, Fußchirurgie, Plastische Chirurgie, Hand- und Rekonstruktive Chirurgie, Septische Chirurgie und – die eingangs erwähnte älteste Abteilung für Rückenmarkverletzte.

Dass sich die BGU nicht auf dem Erreichten ausruht, sondern weiter wachsen will, zeigen die Bauvorhaben auf dem Gelände. Aktuell entstehen auf dem Klinikcampus zwei neue Bettenhäuser. Dafür werden alte Klinikgebäude abgerissen, um Platz für die moderneren Häuser zu machen. Im ersten Abschnitt werde nun das Fundament beseitigt, der Baubeginn ist für 2023 terminiert. Wenn alles klappt, soll die Gesamtkonstruktion bis Sommer 2026 stehen. Damit erhöht die Klinik auch ihre Bettenkapazität auf dann gut 430.

BGU in Zahlen

Die Unfallklinik in Seckbach hat 387 Betten und jährlich rund 10 000 stationär behandelte Patient:innen. Hinzu kommen noch circa 38 000 ambulant versorgte Menschen.

Es gibt elf Fachabteilungen und zahlreiche Spezialambulanzen.

Der Rettungshubschrauber Christoph 2 ist seit 50 Jahren im Einsatz und hat im Jahr durchschnittlich 1100 Einsätze. 2021 waren es beispielsweise 1083.

Der Notarztstandort der BGU Frankfurt ist mit jährlich 5000 Einsätzen der größte in ganz Hessen.

Die Zahl der Mitarbeitenden beträgt etwa 1050. Vor Ort werden auch Medizinstudierende ausgebildet. mic

„Für die Zukunft planen wir außerdem ein BGSW-Hotel für unsere Reha-Patienten zu bauen“, sagt Corinna Breunig, Geschäftsführerin Finanzen und Vorsitzende der Geschäftsführung. Die Abkürzung steht für Berufsgenossenschaftliche Stationäre Weiterbehandlung. Das Hotel ist aber ein langfristiges Projekt, dessen Baumaßnahmen erst in einigen Jahren beginnen werden. Es wird auf dem nahegelegenen Gelände des ehemaligen Verwaltungsgebäudes BG-Bau entstehen.

Auch die Themen Finanzierung und politische Rahmenbedingungen werden beim Festakt nicht ausgespart. Breunig spricht dabei explizit die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung an, die im Corona-Jahr 2021 umgesetzt werden musste. Dabei addierte sich der vorherrschende Fachkräftemangel beim Pflegepersonal mit den Personalausfällen durch die Pandemie. Addiere man bei der BGU Frankfurt die coronabedingten Ausfälle in der Pandemiezeit, seien rund 13 Vollkräfte für ein ganzes Jahr ausgefallen.

„Im Alltag war und ist die Verordnung nur schwer einzuhalten“, sagt Breunig. Und Menschen einfach abweisen, weil eine Pflegekraft nicht mehr Patient:innen versorgen dürfte, funktioniere bei der Akutversorgung schlicht nicht. Hier brauche es weitere Anpassungen durch die politischen Akteur:innen.

Die Klinik ist unter anderem auf Fußchirurgie spezialisiert.
Die Klinik ist unter anderem auf Fußchirurgie spezialisiert. © Renate Hoyer
In einem solchen Schockraum findet die Erstversorgung statt.
In einem solchen Schockraum findet die Erstversorgung statt. © Renate Hoyer

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