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Bewegende Reden und wütender Protest

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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In der Paulskirche finden die politischen Entwicklungen Widerhall. Rolf Oeser
In der Paulskirche finden die politischen Entwicklungen Widerhall. Rolf Oeser © Rolf Oeser

Die Paulskirche wird nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Ort politischer Auseinandersetzung. Ansprachen, Preisverleihungen und Demonstrationen wirken weit über Frankfurt hinaus.

Als er ans Rednerpult tritt, ist er tief bewegt. Und wenig später überwältigen ihn seine Gefühle, er bricht zusammen. Fritz von Unruh muss in seiner „Rede an die Deutschen“ innehalten. Es ist der 18. Mai 1948. Der Dichter und Schriftsteller wurde auserkoren, in der Frankfurter Paulskirche zur Wiedereröffnung des Symbols der deutschen Demokratie zu sprechen. Nach den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ist das stark zerstörte Gebäude im Eiltempo wieder errichtet worden. Zum 100. Jahrestag der ersten deutschen Nationalversammlung 1848 soll die neu eröffnete Paulskirche weltweit eine Botschaft aussenden: dass die Deutschen wirklich gebrochen haben mit der Diktatur, dass sie entschlossen sind, ein neues demokratisches Gemeinwesen aufzubauen.

Und Fritz von Unruh ist die richtige Symbolfigur für diesen Tag: Er ist der Großneffe von Heinrich von Gagern, des Präsidenten der Nationalversammlung 1848. Von Unruh, der Mann von altem preußischem Adel, in der Weimarer Republik Autor zeitkritischer Romane, war 1933 zur Emigration in die USA gezwungen gewesen. Nach der Nazizeit gilt er neben Thomas Mann als einer der wenigen deutschen Schriftsteller von Weltgeltung, die nicht belastet sind. In der Paulskirche am 18. Mai 1948 setzt er nach dem Kollaps seine Rede fort. Und er warnt sehr deutlich davor, dass die rechten Strukturen in der Nachkriegsgesellschaft fortdauern: „Hinweg mit dem ganzen Geschmeiß, das uns das Recht auf unsere Zerknirschung schon wieder fortschwatzen will. Das ganze Rudel der Mitläufer, Beamten, Professoren und Generale, die gestern pro Hitler und vorgestern pro Weimar und vorvorgestern pro Kaiser waren, hinweg mit ihnen!“

Diese Festansprache, die weit über Deutschland hinaus Aufmerksamkeit findet, etabliert die Paulskirche wieder als einen politischen Ort. Fortan finden hier stets aufs Neue die gesellschaftlichen Entwicklungen Widerhall, die Deutschland bewegen. Immer wieder nutzt die junge Bundesrepublik Deutschland in ihrem ersten Jahrzehnt die Paulskirche, um ihre geistige Erneuerung zu demonstrieren. Doch schon im Sommer 1949 illustriert ein prominenter Besuch, wie politisch tief gespalten Deutschland ist und wie wenig die Nazivergangenheit gerade im Westen aufgearbeitet und überwunden wurde.

Am 24. Juli reist der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann an, einen Tag später spricht der prominenteste deutsche Emigrant der Nazizeit in der Paulskirche. Offizieller Anlass ist der 200. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe wenig später. Doch Mann besucht zum ersten Mal seit seiner Emigration wieder Deutschland – und die Aufnahme im Westen ist verhalten bis eisig. Weil der Schriftsteller auch im Osten Deutschlands auftreten will, hagelt es in den westlichen Medien Beleidigungen und Beschimpfungen. Fotografien aus der Paulskirche vom 25. Juli 1949 zeigen deutlich, wie unwohl Thomas Mann und seine Ehefrau sich fühlen. In seiner Rede, in der er Goethe, den Humanisten würdigt, rechnet der Schriftsteller auch mit der Nachkriegsgesellschaft ab: „Ich weiß, dass der Emigrierte in Deutschland wenig gilt und er hat noch nie viel gegolten in einem von politischen Abenteurern heimgesuchten Land.“

Ganz anders ist die Aufnahme wenige Tage später im ostdeutschen Weimar: Vor seiner Rede zeigt sich Mann dort lachend und entspannt mit jubelnden Kindern. Ohne den Nobelpreisträger wird am 28. August 1949 in der Paulskirche feierlich der 200. Geburtstag Goethes begangen. Wenige Tage später, am 18. September 1949, eröffnet im Gebäude die erste Frankfurter Buchmesse nach dem Krieg ihre Pforten. Die schwarz-weißen Fotografien der einfachen hölzernen Stände mit Druckwerken, die sich da im Inneren drängen, haben heute etwas zutiefst Rührendes.

Und am 16. September 1951 verleiht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels dort zum ersten Mal seinen Friedenspreis, eine Tradition nimmt ihren Anfang, die sich bis heute fortsetzt. Erster Preisträger ist der Mediziner, Philosoph und Pazifist Albert Schweitzer.

In den 60er Jahren sind es zwei Auftritte in und rund um die Paulskirche, die viel über den Zustand der Bundesrepublik Deutschland verraten. Da ist einmal der Besuch des US-Präsidenten John F. Kennedy am 25. Juni 1963. Zehntausende von Menschen strömen zwischen Römerberg und Paulskirche zusammen, um den jungen Politiker zu feiern. Noch gibt es die USA als Feindbild kaum, das nur wenige Jahre später wegen des Vietnamkrieges in Frankfurt wieder viele auf die Straße treibt. Nein, 1963 erscheint es im Nachhinein geradezu aberwitzig, dass Kennedy lachend ein Bad in der begeisterten Menge nehmen kann, viele Hände schüttelt. In der Paulskirche hält der US-Präsident eine Grundsatzrede. Er beschwört „Europa als Weltmacht“, als „vollgültigen und gleichberechtigten Partner“, der mit den USA eine „neue atlantische Streitmacht“ bilden werde. Und kündigt an, „moderne Waffen werden in Westeuropa bereitgestellt“. Gegen diese Aufrüstung wird 20 Jahre später die Friedensbewegung mobilisieren.

1968, im Jahr der Studentenrevolte, steht die Paulskirche ganz anders im Brennpunkt der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Am 22. September soll dort der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an den senegalesischen Präsidenten Leopold Senghor verliehen werden. Tausende kesseln die Kirche ein, versuchen das zu verhindern. Ihnen gilt Senghor als Vertreter eines neokolonialen Regimes, weil er zu Hause Oppositionelle blutig verfolgen lässt. Ein Bild dieses Tages geht in das nationale Gedächtnis ein: Studentenführer Daniel Cohn-Bendit durchbricht schreiend eine Polizeikette.

FR verlost Plätze für exklusive Führung

Eintauchen in die Geschichte der Paulskirche, die als Wiege der deutschen Demokratie gilt: Einen exklusiven Rundgang für FR-Leserinnen und -Leser veranstaltet der Historiker Philipp Sturm am Dienstag, 6. Dezember, um 16 Uhr. Dann unterhält der Fachmann die Gruppe mit interessanten Details zum Bauwerk, zum Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und mit Einblicken in die Geschichte der Paulskirche nach den Kriegen. Der Politologe Sturm hat verschiedene Ausstellungen kuratiert, darunter auch „Paulskirche – Ein Denkmal unter Druck“ vor drei Jahren im Deutschen Architekturmuseum, und er ist einer der Herausgeber des Katalogs „Paulskirche: Eine politische Architekturgeschichte“. Die Frankfurter Rundschau verlost zehn Mal zwei Plätze für den exklusiven Rundgang mit Philipp Sturm am Nikolaustag. Wer dabei sein möchte, geht im Internet auf die Seite www.fr.de/Gewinnspiel und gibt unter der Rubrik Lösungswort ein: Paulskirche. Einsendeschluss ist am 30. November. Die Gewinnerinnen und Gewinner werden benachrichtigt. (ill)

Zitate:

Eva Szepesi

Meine Paulskirche

Ich habe leider erleben müssen, was es bedeutet, NICHT in einer Demokratie leben zu können. Ich wurde ausgegrenzt, nur weil ich Jüdin bin, ich wurde verfolgt und überlebte als Einzige meiner Familie Auschwitz. Demokratie ist Schutz für jeden. Umso wichtiger ist es, dass jeder einzelne Mensch sich für die Demokratie einsetzt und wählen geht. Es lohnt sich, für die Demokratie zu kämpfen, denn es bringt die Früchte für unsere Kinder und Enkelkinder.

Weitere Statements zur persönlichen Verbindung mit der Frankfurter Paulskirche lesen Sie in „Demokratie – made in Germany“, dem

neuen Heft der Reihe FR-Geschichte.

Die 70er Jahre tragen den Protest gegen den Vietnamkrieg sogar in die Kirche hinein. Am 20. März 1970 rufen Intellektuelle wie Ernst Bloch, Martin Walser, Martin Niemöller und Rolf Hochhuth unter großem Beifall dort zur „Vietnam-Manifestation“ auf. Und zwei Preise, die auf die Anregung des Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann (SPD) zurückgehen, werden in diesem Jahrzehnt erstmals verliehen. Am 2. Oktober 1977 erhält der Soziologe Norbert Elias aus den Händen von Oberbürgermeister Walter Wallmann den ersten Theodor-W.-Adorno-Preis. Der Philosoph Elias ruft zur Überwindung der „zunehmenden Desorientierung und Unsicherheit“ in der deutschen Gesellschaft auf. Am 22. Mai 1978 bekommt in der Paulskirche der surrealistische deutsche Maler Richard Oelze den ersten Max-Beckmann-Preis.

Aus den 80er Jahren bleibt vor allem ein Ereignis in Erinnerung, das einen erbitterten Konflikt auslöst: die Verleihung des Goethe-Preises der Stadt an den Schriftsteller Ernst Jünger. Als 1982 OB Wallmann dieses Votum bekanntgibt, bricht ein bundesweiter Proteststurm los. Jünger gilt seinen Kritikern als intellektueller Wegbereiter des deutschen Faschismus. Am Tag der Preisverleihung, dem 28. August 1982, sammeln sich wütende Demonstranten vor der Paulskirche, die Grünen organisieren eine Protestlesung unter freiem Himmel.

Viele denkwürdige Bilder sammeln sich im Lauf der Jahrzehnte. 11. Oktober 1998: Nach einer Rede des Schriftstellers Martin Walser erheben sich mehr als 900 Menschen zum stehenden Applaus. Nur Ignatz Bubis, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und seine Ehefrau Ida bleiben betroffen sitzen und rühren keine Hand. Walser hatte vor der „Instrumentalisierung unserer Schande“ zu „gegenwärtigen Zwecken“ gewarnt. Und hinzugefügt, „Auschwitz eignet sich nicht, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung“. Zwanzig Jahre später entschuldigt sich Walser, er habe auf die Kritik linker Intellektueller an der Wiedervereinigung angespielt und nicht auf jüdische Menschen in Deutschland.

Jovial lächelnd nimmt der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) am 15. September 1999 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Frankfurt entgegen. Er lobt Frankfurts „Fähigkeit zu feiern“: Hier fühle er sich wohl. Am 11. Juni 2012 nutzt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Verabschiedung von Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) nach 17 Jahren im Amt zur Kritik an ihrer eigenen Partei. Für all die politischen Initiativen, die Roth gegen den Willen der Bundes-CDU vorangetrieben habe, gelte, „der CDU hat es gutgetan“.

Am 3. Oktober 2016 hält der frühere Studentenführer Daniel Cohn-Bendit die Festrede zum Jahrestag der Deutschen Einheit, gegen den erbitterten Widerstand rechter CDU-Politiker. Am Ende stehen Cohn-Bendit Tränen in den Augen, als er fordert: „Wir müssen die Nationalstaaten überwinden“, es brauche eine „neue europäische Bevölkerung“.

Nach und nach werden die alten weißen Männer, die in der Paulskirche lange die Bilder prägten, abgelöst. Am 23. Oktober 2021 erhält die Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie fordert „eine neue Aufklärung“, um den Herausforderungen der Gegenwart gerecht zu werden. Nur so könne die Menschheit überleben. Auch diese Botschaft geht aus der Paulskirche in die Welt.

Die Tafel zeigt Szenen des Frieses, die der Künstler Johannes Grützke für die Wandelhalle der Paulskirche gestaltet hat. Renate Hoyer
Die Tafel zeigt Szenen des Frieses, die der Künstler Johannes Grützke für die Wandelhalle der Paulskirche gestaltet hat. Renate Hoyer © Renate Hoyer
Serhij Zhadan aus der Ukraine erhielt in diesem Jahr in der Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. epd
Serhij Zhadan aus der Ukraine erhielt in diesem Jahr in der Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. epd © Tim Wegner/epd

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