Vier Touristinnen aus Malaysia im Blütenmeer der Palmengarten-Azaleen, bekanntlich eine Rhododendronart.
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Vier Touristinnen aus Malaysia im Blütenmeer der Palmengarten-Azaleen, bekanntlich eine Rhododendronart.

Palmengarten in Frankfurt

Die Beute des Pflanzenjägers

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Der Brite Ernest Wilson sammelte vor bald 120 Jahren auf seinen Reisen durch Asien und Europa exotische Pflanzen. Im Palmengarten in Frankfurt können Besucher seine Schätze sehen.

Es waren andere Zeiten, als Ernest Henry Wilson sich aufmachte, Pflanzenjäger zu werden. Bald 120 Jahre ist das her. Ein leicht übertriebener Begriff natürlich – Pflanzenjäger. Als ob man je eine Pflanze gesehen hätte, die panisch wegläuft vor einem, der sie jagt. Aber es klingt wunderbar abenteuerlich. Und Abenteuer waren es tatsächlich, die Wilson auf seinen Reisen erlebte. Im Palmengarten erzählte die Botanikerin und Kustodin Hilke Steinecke am Dienstag davon, denn dort gibt es so manch illustre Pflanze zu sehen, die Ernest Henry Wilson einst jagte.

Den Taschentuchbaum etwa, schon spektakulär genug eigentlich, auch ohne Abenteuergeschichte. Er steht da, ein stattlicher Laubbaum gegenüber der Villa Leonhardi im Palmengarten, und verblüfft. „Sehen Sie mal, hier das Kugelrunde, das sind die Blütenstände“, sagt Hilke Steinecke. Und drum herum: Papiertaschentücher. So sieht es jedenfalls aus. „Hochblätter, nur für die Optik“, sagt die Expertin dazu, und „Show-Organe“ sagt sie auch. Deutliche Worte. Aber einen gewissen Sinn haben sie schon, die blütenweißen Lappen, denn Bestäuber wollen schließlich angelockt werden; womöglich schützen die großen Blätter auch ein wenig gegen Sturzregen.

Der Allergiker erträumt sich in solchen Gewächsen eine natürliche Hilfe bei Heuschnupfenanfällen, scheut aber den Praxistest an der Nase. Der chinesische Name des Baums, sagt Hilke Steinecke, bedeute auf Deutsch: „Auf-Wiedersehen-Baum“, also ein weiteres Einsatzgebiet des Taschentuchs (winke winke). Passenderweise ist gerade eine Gruppe Asiatinnen zugegen, um den Baum zu fotografieren. Allerdings stammen die Damen nicht aus China, sondern aus Malaysia, wie sich herausstellt.

Übrig war nur ein Baumstumpf

Der Brite Wilson jedenfalls fuhr im vorigen Jahrhundert mit dem Segelschiff nach Amerika, von dort weiter auf mehreren Etappen bis Hongkong, wo er eine Art Schatzkarte in Empfang nahm, eine Wegbeschreibung zum Taschentuchbaum. Sie erwies sich zwar als reichlich ungenau, aber dennoch fand der pfiffige Pflanzenjäger die Stelle, an der der Baum stand – nein, gestanden hatte. Leider. Übrig war nur ein Stumpf. Daneben stand eine Hütte. Gebaut aus dem Holz des ehemaligen Baums. Wilson war also mal eben mit dem Schiff 21 000 Kilometer umsonst gereist. Nun, nicht ganz. Er reiste ja im Auftrag der Londonder Gärtnerei Veitch and Sons, die stets an neuen Pflanzen interessiert war. Und so entdeckte Wilson auf seiner China-Expedition etwa die Kiwi, die nämlich gar nicht aus Neuseeland stammt, und fand später tatsächlich noch einen Auf-Wiedersehen-Baum. Ende gut, alles gut, winke winke, Taschentuch.

Vielerorts im Palmengarten sind Jagdergebnisse Wilsons zu sehen: Berberitzen, Zimt-Ahorn und vor allem Rhododendren in üppigen Büschen. Die hat natürlich nicht der Brite persönlich nach Frankfurt gebracht, aber immerhin: Mehr als 2000 asiatische Pflanzen führte er in Europa ein. Während Hilke Steinecke über ihn und den Rosenbaum spricht (so heißt der Rhododendron bekanntlich übersetzt), zwitschern Vögel frech dazwischen, fotografieren die Asiatinnen die Zeitungsfotografen, reißen die riesigen Karpfen im Palmengartenteich die Mäuler erstaunt auf. Es ist mal wieder ein Vergnügen.

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