1. Startseite
  2. Frankfurt

Armut in Frankfurt:: „Ich schäme mich, dass ich betteln muss“

Erstellt:

Von: Kathrin Rosendorff

Kommentare

Eintracht-Legende Charly Körbel serviert bereits im zehnten Jahr.
Eintracht-Legende Charly Körbel serviert bereits im zehnten Jahr. © Christoph Boeckheler

Beim zehnten Weihnachtsgans-Essen für Bedürftige von Bernd Reisig kommen 700 Menschen und werden von Promis wie Eintracht-Trainer Oliver Glasner oder SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert bedient. Gäste erzählen bewegende Geschichten.

Charly Körbel und Oliver Glasner sind hochkonzentriert: In beiden Händen halten sie jeweils einen Teller mit Weihnachtsgans-Keule, Rotkraut und Klößen. Mit einem Grinsen sagt Eintracht-Legende Körbel zu den Fotograf:innen: „Jetzt dürfen wir bloß nicht hinfallen.“ Er und Eintracht-Trainer Glasner liefern perfekt ab. Es läuft „Last Christmas“ von „Wham!“, später performt der aus dem TV bekannte Mundharmonikaspieler Michael Hirte seine Version von „An Angel“ von der Kelly Family. Menschen, die sonst in einer ganz anderen Welt leben, warten an den weihnachtlich gedeckten Tischen im Frankfurter Ratskeller. An diesem frühen Mittwochabend ist der zehnte Geburtstag von Bernd Reisigs Weihnachtsgans-Essen für Obdachlose und Bedürftige mit vielen prominenten Kellner:innen.

„Arm trifft auf Reich, da kann man sich mal kennenlernen“, sagt Angelo (45). Er trägt eine Weihnachtsmann-Mütze, auf der „Hohoho“ steht. Er freut sich auf die Keule. Er habe den ganzen Tag extra nichts gegessen, erzählt er, als er kurz zuvor noch mit vielen anderen Menschen bei Regen vor dem Ratskeller ansteht. Im Alltag lebt er in einem Zelt. Unweit des Frankfurter Flughafens. Seit drei Jahren sei er obdachlos und habe keinen Job. Einen richtigen Beruf habe er nie erlernt.

Eine 55-Jährige unweit von ihm erzählt, sie habe nach Abzug von Miete und Strom knapp 100 Euro im Monat für Essen, Medikamente und alles andere. Sie sagt: „Hier so tolles Essen zu bekommen und zusammenzusitzen, ist ein großes Geschenk.“ Sie sei zu „reich“ für die Tafel oder den Frankfurt Pass: „Ich bin in einer Grauzone.“ Die 55-Jährige bekomme Lebensmittel im Tausch, wenn sie babysittet. Eigentlich sei sie Meisterin. Aber sie sei krankheitsbedingt auf einen Rollator angewiesen. „Ich kann mich kaum auf den Füßen halten.“

Mit seiner Stiftung „helfen helfen“ hat Medienmanager Reisig traditionell in den Ratskeller im Römer eingeladen. „Es ist wieder restlos ausgebucht“, sagt er. Es sind 700 Menschen, die in zwei Schichten kommen. Christian Dressler und sein Team aus der Lohrberg-Schänke haben 750 Gänsekeulen, 1600 Knödel und 200 Kilogramm Rotkohl zubereitet.

Die Schirmherrin ist Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne), die auch kellnert. In ihrer Rede sagt sie: „Was heute zählt, ist die Menschlichkeit. Hier sind alle gleich.“ Unweit von ihr kellnert auch der abgewählte Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann. Er hatte 2012 den Ratskeller für Reisigs Weihnachtsessen-Aktion geöffnet. Ein Reporter erzählt, dass Feldmann auf die Frage, warum er hier sei, ihm entgegnet habe, dass er schließlich Gründungsmitglied sei. „Man müsse mich schon einbetonieren, damit ich nicht komme.“

Ansonsten sind unter den 40 prominenten Kellner:innen Persönlichkeiten wie SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert, FR-Chefredakteur Thomas Kaspar, die Mundstuhl-Comedians Lars Niedereichholz und Ande Werner, aber eben auch TV-Promis wie Sänger und Ex-DSDS-Gewinner Prince Damien. Prince Damien, der Sänger, der mit seinem Irokesenschnitt und den Nieten-Piercings über der Augenbraue bekannt wurde, sagt, es sei ihm bewusst, dass diese Welt eben für viele fern von Prunk und Glitzer sei. „Es ist für mich eine Ehre, dass ich hier sein darf und in glückliche Gesichter schaue.“

Eintracht-Legende Körbel ist seit Beginn jedes Jahr als Kellner dabei. Viele wollen Selfies mit ihm. „Es sind immer viele Eintracht-Fans hier“, sagt er und lacht. Dann wird er kurz ernst. Es bewege ihn, wie sehr die Armut in den letzten Jahren zugenommen habe. „Dass es so schlimm wird in Deutschland, hätte ich nie für möglich gehalten.“ Eintracht-Trainer Glasner ist zum ersten Mal dabei. Es sei ihm wichtig zu helfen, außerdem „erdet es einen“.

An einem der Tische nimmt auch die 63-jährige Angelika Platz. Sie ist aus Hattersheim. „Dort gibt es so ein Weihnachtsessen für arme Menschen nicht.“ Ihre Freunde und Schwester schämten sich für sie, weil sie arm sei. „Sie wollen nichts mehr mit mir zu tun haben“, sagt sie und weint. Angelika kann kaum laufen. „Ich bin als Kind mit einer Wirbelsäulenerkrankung geboren, aber ich musste mit 15 schon in die Fabrik arbeiten gehen. Wir waren fünf Kinder.“ Später arbeitet sie in einer Druckerei und Wäscherei. Über 30 Jahre lang. Bis ihr Körper nicht mehr kann. „Ich schäme mich, dass ich beim Staat betteln gehen muss. Ich wünschte mir, dass ich einen Job bekommen würde, wo ich für ein paar Stunden im Sitzen arbeiten könnte.“

Auf ihrem Gehstock ist ein Eintracht-Sticker. „Ich bin Eintracht-Fan, aber ich war noch nie bei einem Spiel. Meine Tochter sagt, die Gefahr, dass ich umgeworfen werde, weil ich so zerbrechlich bin, ist zu groß.“

Popsänger Prince Damien (li.) und FR-Chefredakteur Thomas Kaspar im Einsatz.
Popsänger Prince Damien (li.) und FR-Chefredakteur Thomas Kaspar im Einsatz. © Christoph Boeckheler

Auch interessant

Kommentare