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Frankfurt

Betrunkener tritt Helfer

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Gewohnheitstrinker bricht Sanitäter die Rippen – und muss sich dafür vor Gericht wegen Vollrauschs verantworten

Mohammad R. steht vor dem Amtsgericht, weil er am frühen Morgen des 13. Juli 2019 in der S-Bahn eingeschlafen war. Und er schlief so tief, dass ihn auch der Zugführer nicht zu wecken vermochte und die Rettungssanitäter rief. Als diese R. auf eine Trage legen wollten, erwachten dessen Lebensgeister, und er wünschte auf seine Art dem Sanitäter Benjamin G. einen guten Morgen: Er trat ihm dermaßen kraftvoll gegen die Rippen, dass zwei davon brachen, und nannte ihn „Hurensohn“, „Arschloch“, „Nazischwein“ und „Hitler“ – was man halt so sagt, wenn der Tag noch jung und kein Kaffee zur Hand ist.

Eigentlich kein großes Thema: Angriffe auf Rettungskräfte haben sich längst vom Nischenvergehen zum Trenddelikt gemausert, wöchentlich werden mehrere davon vor dem Amtsgericht verhandelt. Und der 26 Jahre alte R. ist auch kein Justiznovize: Seit er 2016 nach Deutschland gekommen ist, hat er beeindruckende 13 Eintragungen für sein Zentralregister gesammelt, darunter Straßenverkehrsgefährdung, illegaler Aufenthalt, Betrug, Diebstahl, Bedrohung, Beleidigung, Körperverletzung, Sachbeschädigung. Und dennoch betritt der junge Mann jetzt Neuland – er ist angeklagt wegen Vollrauschs.

Alkohol gegen Trauma

Der ist zwar prinzipiell nicht strafbar und für R. nach eigenen Angaben auch eher Normalzustand: Er betrinke sich täglich, um seine diversen im afghanischen Bürgerkrieg erlittenen Traumata zu verarbeiten. Dummerweise kommt es dabei immer wieder zu Straftaten. Für solche Fälle hat der Gesetzgeber den Paragrafen 323a ins Strafgesetzbuch geschrieben: „Wer sich vorsätzlich oder fahrlässig durch alkoholische Getränke (…) in einen Rausch versetzt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn er in diesem Zustand eine rechtswidrige Tat begeht und ihretwegen nicht bestraft werden kann, weil er infolge des Rausches schuldunfähig war oder weil dies nicht auszuschließen ist.“

Nun ist Justiz keine Naturwissenschaft und Paragraf 323a auch kein Naturgesetz. Im Nachbarsaal muss sich der 45 Jahre alte Ismail D. wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten, weil er im Suff (2,78 Promille) Frau und Kinder mit einem Stuhl verprügelt hatte. Mohammad R. liegt mit gemessenen 2,65 Promille knapp hinter D. Dennoch gehen Staatsanwalt und Amtsrichterin davon aus, dass R. zumindest gefühlt besoffener als D. war, weil ein Mensch, der bei Sinnen ist, sich ja nicht wie R. aufführe.

Allerdings beweist R. auf der Anklagebank, dass er nicht auf Alkohol angewiesen ist, um sich wie ein Idiot zu benehmen. Dem Sanitäter, der nach den Rippenbrüchen sechs Wochen krankgeschrieben war, attestiert er sträfliche Wehleidigkeit: Er selbst sei neulich erst mit gebrochenem Kiefer und etlichen Rippenfrakturen frisch und fröhlich aus dem Krankenhaus entlassen worden, und wenn er eine Arbeit hätte, hätte er sich allerhöchstens zwei Tage krankschreiben lassen, wenn überhaupt.

Es macht die Sache nicht einfacher, dass R. alleine in den vergangenen Monaten so viele Geldstrafen per Strafbefehl kassiert hat, dass er, selbst wenn er eine Arbeit hätte, die Summe in diesem Leben nicht mehr abbezahlen könnte. Dem getretenen Sanitäter habe er darum auch noch kein Schmerzensgeld gezahlt, wie er es eigentlich vorgehabt hätte. Aber „falls du mal irgendwas brauchst, kannst du mich anrufen“, sagt er dem Sani im Zeugenstand, dem es gelingt, seine Freude über dieses Versprechen dezent zu verbergen.

Da bei R. finanziell wirklich gar nichts zu holen ist, wird er erstmals zur Freiheitsstrafe verurteilt: vier Monate auf Bewährung. Eine Minderung des Strafmaßes wegen Trunkenheit, wie es R. gewohnt ist, kommt beim Paragrafen 323a aus logischen Gründen nicht in Betracht.

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