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Betroffene Mutter sagt: „Für Menschen mit Behinderung wird die Lage in Hessen gerade wieder schwieriger“

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Von: Peter Hanack

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Kinder mit Handicap beim Fußballtraining.
Kinder mit Handicap beim Fußballtraining. © Renate Hoyer

Jorinde Geßner weiß, wovon sie spricht. Ihr ältester Sohn ist seit Geburt behindert. Sie schildert, was Corona für die Familien bedeutet, woran es in der Schule fehlt und welche Hoffnungen sie auf den Hessischen Inklusionspreis setzt.

Jorinde Geßner (53) stammt ursprünglich aus Schottland und lebt seit 22 Jahren in Frankfurt, wo sie Germanistik studiert hat. Sie arbeitet bei einer Werbeagentur, ist Mutter von zwei Söhnen. Julian (18) und Milton (14). Julian hat von Geburt an eine geistige Behinderung. Als er in den Kindergarten kam, gründete seine Mutter die Elterninitiative „Igel“. Für ihr Engagement für die Inklusion erhielt Geßner 2016 die Bürgermedaille der Stadt Frankfurt. Sie gehört dem Vorstand des gemeinnützigen Vereins „Gemeinsam leben Frankfurt e. V.“ an, den sie mit anderen aus der Insolvenz eines Vorgängervereins übernommen hatte. Wir haben sie gefragt, wie es um die Inklusion bestellt ist.

Frau Geßner, Deutschland hat 2009 die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ratifiziert, Inklusion steht als Auftrag im Hessischen Schulgesetz. Hat das Ihre Situation als Familie mit einem Kind, das besonderer Förderung bedarf, und die Situation anderer Eltern verbessert?

Ich betrachte das einmal aus der persönlichen Perspektive als Mutter eines Sohnes, und ich sehe das natürlich auch in meiner Rolle als Vorstand im Verein „Gemeinsam leben Frankfurt“. Persönlich hatten wir als Familie das Glück, dass Julian bis zuletzt inklusiv beschult worden ist – und das in einer hohen Qualität. Ich weiß aber auch, dass das längst nicht überall der Fall ist. Viele suchen für ihre Kinder sehr lange nach Plätzen und Möglichkeiten, damit diese inklusiv betreut und beschult werden, also zusammen mit anderen, die keine Behinderung haben.

Sie sagen, Sie hatten Glück, dass das für Julian geklappt hat. Jetzt gibt es aber doch einen rechtlichen Rahmen, der Inklusion für alle ermöglichen soll. Glück sollte dabei keine Rolle mehr spielen, oder?

Das ist sicher der wunde Punkt, es gibt ja diesen Rechtsanspruch. Immer wieder werden Eltern aber in Richtung Förderschule beraten, dafür wird so ein bisschen der rote Teppich ausgerollt, während es in Richtung Regelschule eher etwas holpriger läuft. Es geht ja immer auch darum, dass in der Regelschule angemessene Vorkehrungen für den inklusiven Unterricht getroffen sind. Jeder möchte ja für das eigene Kind das Beste und sich nicht ständig sorgen müssen, ob es ihm an der jeweiligen Schule auch gut geht.

An was fehlt es?

Oft wird von Barrierefreiheit gesprochen, also dass man vielleicht einen Aufzug einbauen müsste oder die Toiletten herrichten. Ein viel größerer Teil des Problems ist aber, dass es einen differenzierten Unterricht geben muss. Da spielt die Frage eine Rolle, ob man das in vergleichsweise großen Klassen schafft oder ob die nicht kleiner sein müssten. Und können und wollen die Lehrer das?

13 Jahre nach Ratifizierung der Konvention dürften das keine Hemmnisse mehr sein, oder? Wie groß ist der Rückstand tatsächlich?

Konkrete Zahlen dazu habe ich nicht. Ich weiß aus der Arbeit unserer Beratungsstelle, dass diese gerade von Eltern überrannt wird, die Hilfe benötigen, weil sie keinen Platz für ihre Kinder finden. Mein Eindruck ist, dass die Situation sogar gerade wieder etwas schwieriger geworden ist.

Haben Sie den Eindruck, dass viele Verantwortliche in der Politik und der Schulverwaltung Inklusion als etwas ansehen, das man zwar gerne hat, das aber auch ganz schnell hinten runterfällt, wenn es andere Probleme gibt wie derzeit etwa den Mangel an Lehrkräften oder in der Schülerschaft viele Seiteneinsteiger:innen mit geringen Deutschkenntnissen?

Das ist bestimmt keine böse Absicht, aber das passiert tatsächlich. Das Bildungssystem steht unter Druck, die Digitalisierung, der Lehrkräftemangel, das Pandemiegeschehen. Dann ist Inklusion eines der Dinge, die man irgendwie hinkriegen müsste. Mir scheint, dass Städte wie Frankfurt sich schon anstrengen, aber von Landesseite vielleicht etwas zu wenig kommt.

Sie haben die Corona-Pandemie angesprochen. Welchen Einfluss hat die auf die Inklusion gehabt?

Jede Familie hatte es schwer, wenn die Kinder zu Hause waren und oft selbstständig irgendwie ihre Schulsachen hinkriegen mussten. Für Kinder mit Beeinträchtigungen war das oft noch viel schwieriger und teilweise unmöglich. Sie brauchen häufig eine ständige Unterstützung im Unterricht, und die gab es zu Hause natürlich nicht. Da kann man nicht einfach so irgendwelche Blätter schicken und sagen, das Kind solle die Sachen bearbeiten. Das funktioniert nicht. Milton, der Jüngere, hat das noch ganz gut hinbekommen, aber bei Julian hätte ich die ganze Zeit danebensitzen müsse, was so einfach nicht möglich war. Das hat ihn dann, wie viele andere auch, zurückgeworfen.

Es heißt, diese Pandemie habe ja wenigstens etwas Gutes gehabt: Die Ausstattung der Schulen mit digitaler Infrastruktur wurde verbessert, man hat Lernplattformen eingerichtet, Lehrprogramme angeschafft und Weiterbildungen absolviert. Hat diese Digitalisierung auch die Inklusion vorangebracht?

Tatsächlich kann ich kein Beispiel von der Schule nennen, wo das wirklich helfen würde. Wir haben aber seitens des Vereins „Gemeinsam leben“ einen offenen Treff an der Ernst-Reuter-Schule II. Das ist ein Angebot für die Zeit nach der Schule und in den Ferien, für junge Menschen mit und ohne Beeinträchtigung. Die haben während der Corona-Zeit einen Onlinetreff ins Leben gerufen, der über Zoom funktioniert. Julian hat daran teilgenommen, und das war wirklich großartig. Es gab kleine Spiele, manchmal wurde ein Film zusammen angeguckt und darüber geredet. Die haben das so toll gemacht, das war ein Angebot, bei dem ich wirklich gedacht habe: Wow, wie toll, na also, Digitalisierung hilft also doch. Schule ist da immer noch ein bisschen hinterher.

In Hessen wird nun zum ersten Mal – unter Beteiligung Ihres Vereins und anderer Akteure – der Inklusionspreis ausgelobt. Und deshalb sprechen wir ja auch heute miteinander. Was versprechen Sie sich von diesem Preis?

Vieles in der Inklusion lebt von diesen Initiativen wie dem offenen Treff, diesen Ideen, die vielleicht irgendwo entwickelt worden sind und wo jemand mal was ausprobiert, das dann ganz gut funktioniert hat. Diese Beispiele des Gelingens wollen wir sichtbar machen. Es ist wirklich diese Vielfalt dieser kleinen Initiativen, die man vielleicht gar nicht so kennt. Mit dem Preis wollen wir auch Menschen für ihr Engagement würdigen. Wir wollen zeigen, dass es gar nicht so schwierig ist, wenn man sich traut, einfach mal anzufangen. Man braucht nicht für alles eine komplette Ausbildung oder muss total qualifiziert sein. Das ist so ein typisch deutscher Gedanke. Die Eltern von Menschen mit einer Behinderung müssen ja auch irgendwie von Tag eins an einfach anfangen zu machen.

Interview: Peter Hanack

Jorinde Geßner (53) ist Vorstandsmitglied von „Gemeinsam leben Frankfurt“. Bild: Privat
Jorinde Geßner (53) ist Vorstandsmitglied von „Gemeinsam leben Frankfurt“. Bild: Privat © Privat

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