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Direkt neben dem Stadthaus zeigt die "Goldene Waage" ihre schmucke Fassade.

Neue Altstadt in Frankfurt

Ein Besuch in der "Goldenen Waage"

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Die "Goldenen Waage" ist nicht nur das schönste, sondern auch das teuerste Haus in der neuen Frankfurter Altstadt. Ein Rundgang durch das fast vollendete Haus ist ein ästhetisches Erlebnis

Der Regen weiß nicht so recht, ob er noch Schnee werden will. Ein eisiger Wind fegt um den Frankfurter Dom, und der lange Tross der Journalisten, Kamera- und Tonleute drängt über schwankende Bretter ins Innere des prachtvoll geschmückten Hauses, das hier gleichsam die neue Altstadt eröffnet. Vor 400 Jahren ließ der Zuckerbäcker und Gewürzhändler Abraham van Hamel die „Goldene Waage“ errichten, als ein Zeichen des wirtschaftlichen Selbstbewusstseins. 

Van Hamel war ein Flüchtling, geflohen vor religiöser Verfolgung aus den spanischen Niederlanden über den Rhein in das aufgeklärte Frankfurt, wo er als Reformierter freundlich aufgenommen wurde. Zwischen 1616 und 1619 bauten die Handwerker und Zimmerleute, die Stuckateure und Vergolder ein Haus, das es so noch nicht gab in der Altstadt. Die Nachbarn rümpften die Nase und zogen über den Neureichen her – es war damals in Frankfurt verpönt, Wohlstand so zur Schau zu stellen. 

Das ist heute anders. Die reiche Bankenmetropole leistet sich eine 200 Millionen Euro teure Altstadt – und die „Goldene Waage“ ist das teuerste Haus. Und vielleicht auch das schönste. Der Frankfurter Architekt Jochem Jourdan, ein bundesweit bekannter Fachmann für Rekonstruktionen und den Umgang mit historischer Bausubstanz, hat das alte Haus nach originalen Plänen wieder erstehen lassen. 

Niemand weiß derzeit so ganz genau, was das gekostet hat. Michael Guntersdorf, der Geschäftsführer der städtischen Dom Römer GmbH, schätzt die bisherigen Ausgaben auf sieben Millionen Euro. Aber abgerechnet sei die Sache noch nicht. 

Aber es wäre unfair, die „Goldene Waage“ nur unter dem Gesichtspunkt der Kosten zu betrachten. Ein Rundgang durch das fast vollendete Haus ist ein ästhetisches Erlebnis, eine Erfahrung für alle Sinne. Das beginnt schon mit der Fassade, die zahlreiche Spolien integriert, also originale Stücke der historischen „Goldenen Waage“. 

Das Haus wurde fast vollständig zerstört, als britische Bomber 1944 die Altstadt in Schutt und Asche legten. Jahrelang türmten sich damals im Herzen der Kommune die Trümmer – und jeder, der wollte, bediente sich aus diesem Fundus historischer Überreste. Manches Stück wurde in Häuser im Vordertaunus eingebaut, als in der Zeit des Wirtschaftswunders nach 1950 neue Reiche ihren Wohlstand demonstrieren wollten. Andere Relikte gelangten in die Sammlung des Historischen Museums. Und von dort jetzt wieder an die Fassade der „Goldenen Waage“. Der Eckstein, die Löwenfigur, die Köpfe von Mutter und Vater, ein Teil der metallenen Gitter: alles Originale. 

Historische Fotos und alte Pläne helfen Stuckateuren

Nach alten Plänen und mit Hilfe historischer Fotos fertigten Stuckateure die wundervolle Decke, die damals noch das Erdgeschoss nach oben abschloss. Noch ruht die rekonstruierte Pracht in den Ateliers der Spezialisten in Dresden, im Februar wird sie eingebaut. Fotos von heute lassen ahnen, dass sie gute Arbeit leisteten. 

Im Erdgeschoss bot der Zuckerbäcker und Gewürzhändler van Hamel damals seine Waren an. Künftig werden dort die Besucher eines Cafés sitzen. Im ersten und zweiten Obergeschoss richtet das Historische Museum eine Dependance ein. Die Besucher aus aller Welt werden in den Räumen Einrichtungsgegenstände aus dem 17. Jahrhundert erleben, Frankfurter Wellenschränke aus Nußbaumfurnier, die Wäsche oder Kleider bargen, aber auch der Repräsentation dienten. Alte Tische und Stühle – und ein historisches Schachspiel. 

Das Historische Museum will Führungen anbieten, sagt Michael Guntersdorf von der Dom-Römer-GmbH, gegen Eintritt. Über eine enge Wendeltreppe gelangt der Besucher von einem Stockwerk zum nächsten. Auch hier sind originale Steine verbaut, von modernen nur durch Farbschattierungen zu unterscheiden. Nicht zu vergessen die Ledertapete aus dem 17. Jahrhundert, die in der ersten Etage wieder zu sehen sein wird.

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