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Der besondere Dreh

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Von: Andrea Herzig

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Heike Rahusen-Marsch ist seit 17 Jahren Obermeisterin der Frankfurter Maßschneiderinnung. Jetzt sucht sie eine Nachfolgerin für dieses Amt.

Ihre Lieblingsfarbe ist Orange. Heike Rahusen-Marsch liebt leuchtende Farben. Vivienne Westwood ist eine ihrer Lieblingsdesignerinnen. Die Obermeisterin der Frankfurter Maßschneiderinnung ist eine große, sehr schlanke Frau mit roten Haaren. Viele Stücke, die sie für Schauen und Wettbewerbe entwirft, trägt sie selbst „auf“. Mit ihrer Figur kann sie das, auch wenn sie die 60 bereits hinter sich gelassen hat. Preise und Auszeichnungen hat sie viele, aufgereiht an den Atelierwänden. Eine ist ihr wirklich wichtig, die silberne Rose des Damenschneiderhandwerks, die hat sie 2008 beim Bundeskongress der Zunft bekommen.

Rahusen-Marsch denkt nicht ans Aufhören, aber sie sucht eine Nachfolgerin für sich in der Innung; seit 17 Jahren hat sie das Amt. Schneidern tut sie noch so leidenschaftlich gerne wie zu Anfang, an dem dieser Beruf der einzig denkbare für sie war. Rahusen-Marsch bleibt neugierig, Modeströmungen nimmt sie quasi mit der Atemluft auf. Ende Oktober reist sie zu einem Workshop nach Holland beim Designer Shingo Sato, um eine neue Technik zu erlernen.

Seit 41 Jahren ist die Bad Homburgerin selbstständige Schneiderin. Ihr Atelier hat sie in einer Traum-Altbauwohnung nahe dem Kurpark mit Wintergarten und hohen Räumen. Teure Stoffe hängen an der Tür des Salons, eine Schneiderpuppe trägt ein Brautkleid, eine andere eine halb fertige, kurze Chanel-Jacke. Ein technisch anspruchsvoller Schnittklassiker, den Rahusen-Marsch sehr schätzt. Im Zimmer mit den Nähmaschinen läuft Klassik-Radio, zwei Katzen streunen durch die Diele.

Rahusen-Marsch liebt diesen Beruf auch, weil er ihr immer genug Freiheit gegeben hat für Karriere und Familie. 17 Lehrlinge hat die Meisterin ausgebildet, sich lange in der Weiterbildung der Innung engagiert. Noch immer wirbt sie für die Schneiderei als Handwerk. Man werde nicht gerade reich, „aber man kann gut davon leben“, sagt sie und listet auf, wo sich ihre Ex-Azubis mit eigenen Ateliers selbstständig gemacht haben.

Nicht zu groß werden

Leicht sei er sicher nicht, der Job, er verlange viel Talent, natürlich, aber auch Biss und die Kraft, mal Nächte durchzuarbeiten. Das Atelier dürfe nicht zu groß werden, resümiert die Fachfrau. In der Verantwortung für mehrere Angestellte werde man weniger flexibel. Sie hat immer nur mit einem Lehrling gearbeitet, die Ausbildung im eigenen Atelier ist das einzige, was sie inzwischen aufgegeben hat.

Den guten Geschäftssinn, lacht die Meisterin, den brauche es natürlich auch. Und einen Realitätssinn. Die eigene Kollektion entwerfen, dieser Traum sei für viele wirtschaftlich eben nicht umsetzbar. Und man müsse den Kundinnen vermitteln, dass sie etwas bekommen, was sie nicht als Konfektion kaufen können. Das Besondere, genau auf diesen Menschen abgestimmte, das nur die Maßschneiderin bietet.

Rahusens Kundinnen sind 50 aufwärts – mit Ausnahme der Bräute –, und oft haben sie keine Normfigur. Die Aufgabe der Schneiderin ist, herauszufinden, in was die Kundin sich „wohl und absolut sicher fühlt“. Einen ganzen Tag, bei einem Empfang oder einem wichtigen Geschäftstermin. In welcher Jacke sie immer gut angezogen ist, mit Jeans darunter oder über das Abendkleid.

Maßgeschneiderte Arbeit hat ihren Preis. In einem Anzug, nennt Rahusen ein Standardbeispiel, stecken 60 Arbeitsstunden. Eine Jacke näht sie für etwa 800 Euro. „Maßschneiderei ist langlebig“ sagt die Schneiderin. Es geht um hohe Wertigkeit. Rahusen arbeitet ihren Kundinnen auch Sachen um, um sie modisch aufzupeppen.

Die Kundinnen haben hohe Ansprüche und ja, es gebe hier genug Leute, die sich Maßschneiderei leisten können. Einer Kundin entwirft sie seit Jahren aus Hermès-Tüchern Blusen, Kleider oder Jacken. Das Besondere muss erkennbar sein in der Maßschneiderei. Langlebig, manchmal auch einfach, aber immer mit dem besonderen Dreh der kreativen Meisterin. Einen simplen dunklen Blazer will Heike Rahusen-Marsch nicht nähen. Davon gibt es genug von der Stange. Eine Konkurrenz für ihren Berufsstand sieht sie darin nicht.

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