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Anna Kubin auf dem Wochenmarkt in Bornheim. Sie kann sich vorstellen, in der "verhältnismäßig friedlichen Stadt" heimisch zu werden.

"Woyzeck"

Anna Kubin fiebert Premiere entgegen

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Am 30. September steht Anna Kubin in Büchners "Woyzeck" auf der größten Sprechbühne Europas.

Das Uhrtürmchen ist umstellt von Blumensträußen, geht fast unter in der Blütenpracht. Die „Hofgemeinschaft Blattlaus“ offeriert ihre Produkte. Die „Dorfmetzgerei Krug“ verspricht „Fleisch ohne Glutamat“. Gedränge an den Ständen des Bornheimer Wochenmarktes. Der Ton ist rau. Die Sonnenblumen lassen schon den Kopf hängen. Als eine Frau schüchtern fragt, ob sie den halb verwelkten Bund vielleicht für 3,50 Euro statt 4,90 Euro haben könnte, ruft eine andere Kundin empört: „Mer sin doch net in Italien!“ 

Anna Kubin, die in der Nähe wohnt, kauft gerne hier ein. Frankfurt, sagt sie später, erinnere sie sehr an Berlin, wo sie aufgewachsen ist – das Direkte im Umgang, aber auch das multikulturelle Leben. Jetzt schickt sich die Schauspielerin an, auch das Theaterpublikum der Stadt kennenzulernen, als Mitglied des neuen Ensembles von Schauspiel Frankfurt. Am 30. September steht sie bei ihrer ersten Premiere auf der größten Sprechbühne Europas, in „Woyzeck“ von Georg Büchner in der Regie von Roger Vontobel. Gerade kommt sie von der Probe. 

Theaterspielen in Frankfurt in „einer unbeständigen Zeit“, mit einem festen Vertrag, der über drei Jahre reicht: Das ist ein Privileg. Im Vergleich zu den vielen Kolleginnen und Kollegen, die sich in Deutschland irgendwie durchschlagen müssen, von einem kurzen Engagement zum nächsten. 

„Ich bin so geschützt“, sagt die 40-Jährige nachdenklich bei einer Tasse dunklen Tees. Aber natürlich bricht die Wirklichkeit mit Terror, Hunger, Krieg immer wieder in die vermeintlich behütete Welt der Bühnen ein. Das hat Anna Kubin schon erlebt. „Wir können uns am Theater nicht der Außenwelt verschließen“, das weiß sie. 

Und Schauspiel Frankfurt bezieht natürlich Position. Woyzeck, der einfache Soldat, der von allen beleidigt und ausgenutzt wird. Der immer mehr Demütigung und Kränkung erfährt. So wie sich Menschen in Deutschland auch heute gekränkt und ausgegrenzt fühlen und bei Rechtspopulisten Zuflucht suchen. „Woyzeck krankt an einer kranken Welt“, sagt die Schauspielerin. 

Karriere beim Ballett blieb ihr versagt

Ihre Rolle ist die einer Nachbarin, die das langsame Abdriften der Hauptperson verfolgt. Sie wird singen, mehr darf und will sie noch nicht verraten. 

Die Weichen für ihr Leben hätten anders gestellt werden können. Ein behütetes, großbürgerliches Elternhaus in Berlin, ihr Vater ist der berühmte Sinologe Wolfgang Kubin, dessen „Geschichte der chinesischen Literatur im 20. Jahrhundert“ als Standardwerk gilt, ihre Mutter ist Juristin. Mit sechs Jahren beginnt die Tochter eine Ausbildung im klassischen Ballett, fünfmal die Woche hartes Training, an das sie aber heute noch gerne zurückdenkt: „Es war eine tolle Erfahrung in der Gruppe mit den anderen Mädchen.“ Doch nach elf Jahren Plackerei muss sie den Traum von der Ballettkarriere aufgeben: „Die Knie gingen kaputt.“ 

Es war ein Schock. „Mit wurde der Boden unter den Füßen weggerissen“, sagt sie noch heute. Doch sie versucht etwas anderes. Schon als Schülerin hatte sie für sich alleine zu Hause nachgespielt, was sie zuvor im Kino gesehen hatte. Die kindliche Kaiserin etwa aus der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende. Noch mit 17 Jahren ergattert sie eine erste kleine Fernsehrolle, in der sehr erfolgreichen Krimiserie „Wolffs Revier“. Vier Jahre spielt sie in der Produktion von Sat 1. 

Doch sie will mehr und beginnt ein Studium an der „Universität der Künste“ in Berlin. Die Reaktionen in der Familie sind eher verhalten. „Kind, mit deiner Stimme wirst du es ganz schwer haben“, urteilt ihre Mutter. Doch vier Jahre lang beißt die junge Frau sich durch. Und wieder mit Erfolg: Sie kann am Maxim-Gorki-Theater in Berlin fest andocken und spielt in den nächsten fünf Jahren bei renommierten Regisseurinnen und Regisseuren, bei Adriana Altaras etwa oder Uwe Eric Laufenberg. 

Polly Peachum brachte den Durchbruch

Es ist in dieser Zeit, als zum ersten Mal die Arbeit am Theater unwirklich erscheint. Am 12. September 2001 soll sie in „Hystericon“ auf der Bühne stehen, einer konsumkritischen Farce, die in einem Supermarkt spielt. Doch einen Tag zuvor haben Terroristen mit Flugzeugen das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington attackiert. Was tun? Das Ensemble berät und entscheidet am Ende: Es muss gespielt werden. „Wir haben alle gespürt, dass das ein Umbruch in der Zeit war – aber wir sind trotzdem alle auf die Bühne.“ Doch die Aufführung geht komplett ins Leere, gleichsam am Publikum vorbei, das auch nicht bei der Sache ist. „Die Premiere konntest du komplett vergessen.“ Zum ersten Mal ist etwas anderes wichtiger als das Theater. 

2004 kommt dann die Rolle, die alles ändert: die Polly Peachum, Tochter des Bettlerkönigs, aus der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht. „Sie ist eine toughe Frau, frei und lustig“, so beschreibt Kubin selbst die Polly. Bei den Bad Hersfelder Festspielen 2006 gewinnt sie mit ihrer Interpretation den Publikumspreis. Und wechselt noch im gleichen Jahr ans Düsseldorfer Schauspielhaus. 

Die neun Jahre dort bringen ihr den endgültigen künstlerischen Durchbruch. Sie spielt Titelrollen wie die „Emilia Galotti“ oder die „Maria Magdalena“, sie erarbeitet sich eine darstellerische Bandbreite vom „Weißen Rössl“ bis zur Marie im „Woyzeck“ oder der Solveig in „Peer Gynt“. 

Die Bühne in Düsseldorf bietet schon eine recht große Fläche, die sich eine Schauspielerin erobern muss. „Deshalb macht mir die Bühne in Frankfurt auch keine Angst.“ Und doch: Richtig heimisch wird sie in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt nicht. „Das Publikum dort ist  recht alt.“ 

Wir sitzen am Rande des Wochenmarktes und lassen das Geschehen wie auf einer Bühne an uns vorbeiziehen. Kubins erste Erfahrung mit Frankfurt war recht ernüchternd. 1999 bekam sie am Schauspiel einen ersten kleinen Part angeboten, „es war eine stumme Rolle“. Sie lacht in der Erinnerung. Intendant war damals der noch recht patriarchalische Peter Eschberg, Oberspielleiterin Amélie Niermeyer, die später eine berühmte Intendantin werden sollte. „Ich kam am Hauptbahnhof an, das war gruselig“, erinnert sich die Schauspielerin, „und hatte eine kleine Wohnung im Bahnhofsviertel, auch das war gewöhnungsbedürftig.“ 

„Penthelisea“ fiel wegen Geburt der Tochter aus

Ihre erste Begegnung mit dem Intendanten verlief so: „Amélie Niermeyer hat kurz die Tür aufgemacht und gesagt: Das ist die Anna Kubin. Eschberg hat genickt und das war’s.“ 

Am Ende dieser ersten Berührung mit der Stadt schwor sich Kubin: „Nie wieder Frankfurt.“ Dass sich das änderte, hat auch etwas mit dem Schauspieler Felix Rech zu tun, ihrem Lebenspartner. Rech spielte 2015, also in der Zeit des Intendanten Oliver Reese, am Schauspiel Frankfurt den Achilles in Kleists „Penthesilea“. Es war ein großer künstlerischer Erfolg. Während Rech auf der Bühne stand, erwartete Kubin ihr erstes Kind. Und im Dezember 2015 schrieben die beiden zusammen ein kleines Stück Frankfurter Theatergeschichte. Rech teilte dem völlig verblüfften Intendanten Reese am Nachmittag mit, er könne am Abend nicht spielen, weil er bei der Geburt seines Kindes im Krankenhaus dabei sein wolle. 

Und Intendant Reese ließ tatsächlich die Vorstellung ausfallen – und 689 Besucherinnen und Besucher mit Karten mussten nach Hause gehen. Eine heiß umstrittene Entscheidung. 

Heute, nach bald zwei Jahren in Frankfurt, hat Anna Kubin ihre Meinung über die Stadt revidiert. „Ich liebe Frankfurt“, sagt sie unumwunden, es sei „eine verhältnismäßig friedliche Stadt“. Tatsächlich kann sie sich, nach Jahren auf künstlerischer Wanderschaft, „vorstellen, hierzubleiben“. Denn das ist es, was sie sich wünscht kurz vor ihrem 41. Geburtstag: „Einen Ort, wo ich wirklich leben kann.“ 

Jetzt, wenige Tage vor der Premiere von „Woyzeck“, ist die Schauspielerin nur noch neugierig auf ihr Frankfurter Publikum: „Ich hoffe, die mögen uns.“ Am 9. Dezember kommt dann die zweite Bewährungsprobe: Kubin spielt einen tragenden Part in der Ehepaare-Tragödie „Husbands and Wives“ von Woody Allen. 

Auf den Wochenmarkt fällt jetzt die Abendsonne in schrägen Bahnen. Die Stände werden langsam abgebaut. Anna Kubin ist noch in einer Bornheimer Traditionskneipe verabredet. Sie ist wirklich in Frankfurt angekommen. 

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