Heike Kühn bei ihren Lieblingen im Zoo, den Schlangen. Hier ein Python.
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Heike Kühn bei ihren Lieblingen im Zoo, den Schlangen. Hier ein Python.

Heike Kühn

Die Schlangentochter häutet sich

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Von der Filmkritikerin bis zur Schriftstellerin, Heike Kühn lebt ein bewegtes Leben. Aufgewachsen ist sie überwiegend im Frankfurter Zoo, nun lebt sie als praktizierende Heilerin.

Der Bredls Python lässt sich durch den Rummel um ihn herum kein bisschen irritieren. Tobende Kinder, fotografierende Eltern: Der Python pennt. Hängt gelassen über einer Astgabel, die Augen geschlossen. Heike Kühn ist entzückt. Am liebsten würde sie die Schlange knuddeln, auf den Arm nehmen. Doch das geht Caroline Liefke, der Sprecherin des Frankfurter Zoos, etwas zu weit. Für ihren Gast ist der Besuch im Exotarium wie eine Zeitreise zurück in die Kindheit. „Mein Vater war ein berühmter Schlangen- und Krokodilwärter, er wurde damals von Bernhard Grzimek persönlich in den Zoo geholt.“ Die Tochter verbrachte ihre Kindheit mit Schlangen und Reptilien, sie schwärmt von dem „warmen, seidigen Gefühl“ von Python-Haut auf Menschen-Haut: „Schlangen sind kein bisschen kalt.“ Sie war als Kind „stolz, dass mein Vater Schlangen um den Hals trug.“

Es ist also nur konsequent, dass der furiose Roman der Frankfurter Schriftstellerin über die Nachkriegsgeneration und ihre Kinder den Titel „Schlangentöchter“ trägt. Mit ihm ist die 52-Jährige durch Deutschland getourt, hat sogar im Zoo der Partnerstadt Leipzig gelesen, nur seltsamerweise im Frankfurter Tiergarten nicht. Aber es geht in dem Buch nicht um Tiere. Es geht um Menschen, die das, was sie im Zweiten Weltkrieg erlebt und getan haben, aufs Heftigste verdrängen. Ach was: die es ersticken in Torten und Sahne. „Es wurde gegessen statt gesprochen“, erinnert sich die gebürtige Frankfurterin. Kuchen und Braten tauchen immer wieder auf in diesem Buch, und stets wird Kaffee gekocht und getrunken. Immer wieder aufs Neue. „Kaffee läuft“, heißt das Motto, soll heißen: Alles wird gut.

 Aber nichts ist gut. Der Vater steht unter dem Verdacht, eine seiner Töchter fortgesetzt missbraucht zu haben. Sie hat immer Magenschmerzen und isst wenig. „Mein Vater wurde im Alter von 17 Jahren in die Waffen-SS gesteckt – er hat nie darüber gesprochen, aber sein Körper hat darüber gesprochen.“ Der Vater war krank, litt unter den Spätfolgen russischer Gefangenschaft – tagelanges Stehen in eiskaltem Wasser zum Beispiel. Der Krieg, sagt die Tochter, wurde nach seinem Ende „im Haus fortgesetzt – es war vermintes Terrain.“

Wir durchmessen das feuchtwarme Halbdunkel des Terrariums, aus angelehnten Türen riecht es modrig. Fische huschen flink hinter den Scheiben vorbei, Seepferdchen nicken, Krokodile verharren regungslos im heißen Sand. Kühn denkt daran zurück, wie entsetzt die Mutter war, wenn die Tochter zu Hause von ihren Zoo-Abenteuern erzählte: „Du hast doch nicht wirklich auf dem Krokodil gesessen?“ Als Lieblingsspielzeug besaß sie jahrelang „die abgebissene Schnauze eines Warans“, hatte der Vater ihr geschenkt.

Doch das Buch ist nicht pittoresk. Es erzählt von einer Generation mit „jeder Menge Essstörungen“ und Krankheiten. Die Mutter war mit einem Todes-Treck, bei dem viele starben, aus Sudetendeutschland Richtung Westen entkommen. Die jüngste Tochter, die der Familie geboren wird, ist anders: Sie trägt einen Schlangenschwanz, einen Stummel, der allerdings später abfällt. Kühn lässt im Gespräch offen, wie viel Autobiographisches in diese Schilderungen einfloss. Nicht umsonst heißt der Reptilien-Pfleger Hartmut Alles.

 Die Tochter vermag noch gut „die alten Nazis“ zu beschreiben, denen sie im Kleingartenverein des Vaters begegnete: „Sie trugen bei der Gartenarbeit eine Pistole im Halfter und hatten Schäferhunde.“

Theaterkritik in der Frankfurter Rundschau

Die Autorin hat sich in den 80er Jahren aus ihrem Elternhaus befreit und eine journalistische Karriere begonnen. 1983 erschien in der Frankfurter Rundschau ihre erste Theaterkritik. Sie schrieb über Aufführungen von Off-Off-Theatern, aber das war ihr nicht genug. Eines Tages fasste sie ihren ganzen Mut zusammen und ging zum damaligen FR-Feuilleton-Chef Horst Köpke, um sich vorzustellen. Der schickte sie probeweise in eine Ödipus-Aufführung. Der Titelheld der Inszenierung stand nackt auf der Bühne und onanierte. Das berichtete sie Köpke. Doch der fragte nur: „Wie fanden Sie das?“ Kühn antwortete: „Es hat sehr lange gedauert und war sehr wenig!“ Darauf der Ressortleiter: „Sie haben den Job!“

 Eine Besprechung der jungen Autorin zu einer Aufführung von Patrick Süskinds „Der Kontrabass“ brachte ihr bald eine Auszeichnung für die beste Theaterkritik des Jahres ein. Doch ihre wahre Berufung fand sie als Filmkritikerin der FR, unterstützt vom damaligen Kritiker-Papst der Zeitung, Wolfram Schütte. Jahrzehntelang schrieb sie als freie Autorin fürs Feuilleton, berichtete von Festivals wie Locarno. Sie spezialisierte sich auf Werke, die versuchten, den Holocaust filmisch aufzuarbeiten. Ein Engagement, das sie manchmal so mitnahm, dass sie erkrankte.

Die Blütezeit des iranischen Kinos mit Regisseuren wie Abbas Kiarostami war ihr Thema. Sie machte sich einen Namen durch Interviews etwa mit Peter Greenaway oder Robert Altman. Hielt Vorträge und saß in Festivaljurys, gehörte der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) an.

Immer mehr machte der Journalistin allerdings ein qualitativer Verfall in ihrem Beruf zu schaffen, immer häufiger begegnete sie bei Terminen völlig fachfremden Kolleginnen und Kollegen. „Es kam schon vor, dass Sportredakteure zu Filmfestivals geschickt wurden.“

Wir werfen einen Blick auf die sogenannten „Futterstege“, die hinter den Aquarien des Exotariums vorbeiführen. Hier wird das Futter zubereitet, von hier aus können Tiere ausgesetzt und eingefangen werden. Hier erlebte die Tochter, wie der Vater mit den Krokodilen sprach. „Sein Lieblings-Komodowaran hieß Bubi!“ Die Schriftstellerin sieht die Zoos „mit einem lachenden und einem weinenden Auge.“ Einerseits hält sie es nicht für artgerecht, in Gehegen weiterhin große Tiere wie Eisbären zu halten. Andererseits muss sie anerkennen, dass Zuchtprogramme in Zoos mancher Tierart die Chance zum Überleben bieten. „Der Zoo ist auch eine Arche.“

2009 bot der Journalistin der Hessische Filmpreis die Chance, aus der Arbeit für Tageszeitungen auszusteigen. Sie gewann ihn gemeinsam mit der Regisseurin Annette Ernst für ein Drehbuch zu einem Film über das Wasser und seine Bedeutung: „Mehr als H2O – Wasserzeichen.“ Das Drehbuch wurde nicht realisiert, aber sehr gut bezahlt. „Damals habe ich mich entschlossen, nicht länger als Kritikerin zu arbeiten.“

Ein heftiger Bruch

Daraus entwickelte sich ein heftiger Bruch mit ihrem bisherigen Leben. Denn Kühn schrieb nicht nur den fast 400 Seiten starken Roman „Schlangentöchter“. Sie wandte sich einer neuen Herausforderung zu: Nach einer Ausbildung am „Center for spiritual evolution“ in Berlin ist sie heute selbstständige Heilerin. Sie versucht, durch die Kraft des Geistes, aber auch durch den Einsatz ihrer Stimme kranken Menschen zu helfen. „Ich habe die Gabe, in Leute hineinzuschauen.“

Die Schlangentochter häutet sich. Kein einfacher Weg. Es gab „heftige Reaktionen“ im Kreis ihrer Freundinnen und Freunde. „Manche haben mich für komplett durchgeknallt erklärt.“ Und sich abgewandt. Doch sie lässt sich nicht irritieren: „Jeder muss wissen, wohin er geht.“

Wir verlassen das feuchte Halbdunkel des Exotariums und treten, am betagten Kassenhäuschen vorbei, wieder ins gleißende Sonnenlicht. Jetzt, zur Mittagszeit, lassen sich viele über die Wege durch den Zoo treiben, Väter haben ihre Töchter geschultert, Mütter schieben Kinderwagen. Die Schriftstellerin spricht leise und schnell, manchmal lacht sie auf. Noch am Morgen hatte sie gezögert, ob sie sich das Treffen zumuten wollte, weil es ihr nicht gutging.

Ohne Frage sind es die verdrängten, die unterdrückten Krankheiten in ihrer eigenen Familie, die Heike Kühn beeinflusst haben. Seit drei Jahrzehnten leidet sie selbst unter Fibromyalgie, chronischen Schmerzen in Muskeln und Gelenken. Ein plötzlicher Ingrimm ist zu spüren bei der zarten Person. „Die klassische Medizin hat ihre Chance gehabt bei mir“, das kommt ganz bündig und knapp.

Ihre persönlichen Erfahrungen mit der „Macht der Götter in Weiß“, wie sie das nennt, sind schlecht. Sie fühlte sich oft unverstanden und falsch therapiert.

Längst entsteht ein neuer Roman. Er kreist um eine Frau namens Oda und handelt auch von der alltäglichen Gewalt, vom Sadismus, der sich in den Alltag der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Kunst eingeschlichen hat. Damit beschäftigt sich die Autorin schon, seit sie als Mitglied der FSK unglaublich viele schlechte, gewalttätige Filme ansehen musste.

Heike Kühn strebt dem Ausgang des Zoos zu. Sie ist entschlossen, „eine Widerspenstige“ zu bleiben, sagt sie unvermittelt. Und immer wieder mal Erwartungen zu enttäuschen.

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