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Der künstlerische Leiter des Antagon-Theaters hat viel erlebt.
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Der künstlerische Leiter des Antagon-Theaters hat viel erlebt.

PORTRÄT DER WOCHE

Bernhard Bub: Ein Leben im Kollektiv

  • Helen Schindler
    VonHelen Schindler
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Bernhard Bub, künstlerischer Leiter der Sommerwerft, will die Welt gerechter machen, indem er den Menschen Theater nahebringt.

Soziale Ungleichheit ist das Thema, das Bernhard Bub immer schon umgetrieben hat: „Ich war schon früh politisch interessiert und wollte Prozesse in Gang setzen, um Dinge zu ändern, die ich nicht okay fand“, sagt er. „Ich sah viele Widersprüche und hatte das Gefühl, ich will etwas machen.“ Die Ungerechtigkeit habe ihn unruhig gemacht. „Aber man darf als Reaktion nicht nur kritisieren, sondern muss sich als Teil der Gesellschaft aktiv einbringen, um etwas zu verändern.“ Seine Art, das zu tun, ist, Theater ganz nah an die Menschen zu bringen.

Bernhard Bub ist Gründer und künstlerischer Leiter des Antagon Theaters und der Kopf hinter der Sommerwerft, dem Theaterfestival, das jeden Sommer Zehntausende Menschen am Mainufer zusammenbringt. „Unsere Idee ist und war es schon immer, Theater so offen und frei zu gestalten, dass wir möglichst viele Menschen erreichen“, sagt er. „Ich will auch auf Augenhöhe kommen mit Menschen, die vom System ausgegrenzt werden.“ Problemen wie Abgrenzung, Rechtsruck und Unzufriedenheit in der Gesellschaft will Bub entgegentreten, indem er Möglichkeiten des Zusammenkommens schafft. „Theater schafft einen emotionalen Moment, ein Ritual, das Menschen verbindet.“

Bis heute sei eines der prägenden Themen der Sommerwerft das Verhältnis zur sogenannten Dritten Welt. „Anstatt andauernd von unserer westlichen Leitkultur zu sprechen, sollten wir besser lernen, auch mal die zweite Geige spielen zu können“, findet Bub. Sein ganzes Leben lang habe er gekämpft gegen Ungleichheit, immer mit der Frage ‚Was kommt zurück, wenn ich mich für andere einsetze?‘ im Hinterkopf. „Du lebst nicht allein für dich, du lebst vor allem auch für die anderen. Versuchst du anderen etwas zu geben, wirst du Teil einer größeren Idee“, sagt Bub. „Es geht darum, dass wir endlich anfangen zu teilen.“

Der 64-Jährige trägt einen Dreitagebart und ein rotes Haarband, einen Teil seiner langen Haare hat er zum Zopf gebunden. Bub hat eine starke Affinität zu Kulturen der Dritten Welt, sein Theater ist anthropologisch orientiert, auch Spiritualität spielt eine große Rolle. „Unsere Proben finden auch in der Natur statt. Es sind transtheatralische Expeditionen, sie geben uns künstlerische Antworten.“

Der Theatermacher spricht gerne und viel, nicht immer beendet er seine Sätze, man merkt: Bub hat viel erlebt und viel zu erzählen. Zum Beispiel darüber, dass er seit über 40 Jahren in einem Lastwagen lebt. Denn das Antagon ist ein außergewöhnliches Theaterensemble. Die Gruppe, 25 Menschen, lebt und arbeitet zusammen auf einem ehemaligen Speditionsgelände in Fechenheim. „Unser Lebens-Arbeits-Konzept ist zentraler Teil des künstlerischen Aspekts“, sagt der Theatermacher. Auch sein Sohn und seine drei Enkel leben auf dem Gelände.

„Das Thema Kollektiv hat in meinem Leben schon früh angefangen“, sagt Bub lachend. Aufgewachsen ist er mit vier Geschwistern in Frankfurt. Diese Zeit hat ihn stark geprägt: Geboren 1957 erlebte er Frankfurt in der Nachkriegszeit. „Ich habe hier noch einige Kriegsruinen gesehen. Ich komme aus einer Zeit, in der genau darauf aufgepasst wurde, für was Geld ausgegeben wird.“ Mit 18 hat er aufgeschrieben: „Nur Gruppen und Stämme werden überleben.“

Das Leben „im System“ – Schule, Uni, Institutionen – war für Bernhard Bub zu eingrenzend. „Was man in der Schule und in der Uni lernt, ist abrufbares Wissen, oft aber für unser Leben nicht wirklich hilfreich“, findet er. „Während meiner Studienzeit habe ich irgendwann gemerkt, dass mir die Praxis fehlt. „In dieser Zeit kann man auch Menschen treffen, die einen weiterbringen und von denen man etwas über das echte Leben lernen kann.“ Und genau das tat er dann auch: Statt Musik- und Theaterwissenschaften weiterzustudieren oder seine Ausbildung zum Schauspieler zu beenden, ist er „mit wichtigen Lehrern des freien Theaters in Kontakt gekommen“: Mit der französischen Theaterregisseurin Ariane Mnouchkine, dem amerikanischen Schauspieler Julian Beck und dem polnischen Regisseur Jerzy Grotowski hat er freies Theater in Europa gemacht, bis ihm sein persönliches Vorbild, Horacio Czertok, gesagt habe, er solle sein eigenes Ding in Frankfurt starten. „Also fuhr ich aus Italien los mit meinen Stelzen, ein paar Kostümen und meinem ganzen Wissen.“ Unterwegs habe er Freunde angerufen und ihnen von der Idee erzählt. „Sieben waren direkt dabei, ein halbes Jahr später waren wir 15 Leute.“ Und das Antagon war geboren. Die Theatertruppe spielt ihre non-verbalen Stücke immer nah bei den Menschen, geht in die Stadtteile, meidet institutionalisierte Bühnen und ist viel international unterwegs.

„Zu sagen, ich mache jetzt freies Theater, war ein Sprung in ein Leben voller Ungewissheit“, sagt Bub. Aber er sagt auch: „Ich habe viele Menschen gefunden, die sich mit mir intensiv für das Projekt eines freien Theaterkollektivs in Frankfurt engagiert haben. Und so ist diese Gemeinschaft stetig gewachsen und war mit ihrer Struktur am Ende in der Lage, auch mit dieser Pandemie produktiv umzugehen.“

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