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Bernd Reisig: „Menschenrechte müssen auch nach der WM gelten“

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Von: Georg Leppert

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Bernd Reisig war mit der Innenministerin in Katar.
Bernd Reisig war mit der Innenministerin in Katar. © Peter Jülich

Der Frankfurter Manager Bernd Reisig sprich im Interview über seine Reise nach Katar, die Rolle von Fifa und DFB und die Forderung nach Fußballboykott.

Kurz vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft ist Bernd Reisig mit einer Delegation um Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) nach Katar geflogen. Dort machte sich der Frankfurter Medienmanager und Stiftungsvorsitzende („Helfen helfen“) für die Rechte von Homosexuellen stark.

Herr Reisig, wie sind Sie in Katar empfangen worden?

Grundsätzlich sehr positiv. Aber das lag auch an dem entschlossenen Auftreten der Innenministerin. Die queere Abordnung in der Delegation bestand aus Mr. Gay Germany, Benjamin Näßler, und mir. Es gab schon Diskussionen, ob wir bei allen Gesprächen dabei sein sollen, aber Nancy Faeser hat klar gesagt: Wir kommen alle, oder keiner kommt.

Sie sind fußballbegeistert, und Sie sind homosexuell. Jetzt waren Sie in Katar. Würden Sie anderen Fußball-Fans raten, zur WM zu reisen?

Das ist schwer pauschal zu beantworten. Wir haben mit den Verantwortlichen gute Gespräche geführt, in denen wir das Thema Homophobie deutlich ansprechen konnten. Davon war ich positiv überrascht. Aber ich habe nicht mit jedem einzelnen Polizisten gesprochen. Es gab auch in den vergangenen Monaten Fälle, bei denen queere Menschen in Gewahrsam genommen und laut Human Right misshandelt wurden. Insofern kann ich da niemandem, der hinfahren möchte, die Entscheidung abnehmen.

Nach Ihrer Rückkehr hat der katarische WM-Botschafter Khalid Salman im ZDF Homosexualität als Sünde bezeichnet und von einem geistigen Schaden gesprochen. Das muss Sie doch ernüchtert haben nach den Gesprächen, die Sie geführt hatten, oder?

Ich will das nicht relativieren, aber die Aussagen des WM-Botschafters wurden vor sechs Monaten aufgenommen und jetzt erst ausgestrahlt. Seitdem ist viel passiert in Katar. Die Verantwortlichen in Katar wissen, dass auch queere Menschen in ihr Land kommen werden. Und sie haben uns versichert, dass Regenbogenfahnen zu sehen sein dürfen, dass gleichgeschlechtliche Paare erkennbar durch das Land laufen können. Aber ich habe den Eindruck, dass diese neue Offenheit nicht in die eigene Bevölkerung und vor allem nicht an die Sicherheitskräfte weitervermittelt worden ist. Das kann zu massiven Problemen führen während der WM. Und es muss ja auch darum gehen, dass sich langfristig in dem Land etwas ändert. Dass Menschenrechte auch nach der WM gelten. Das zu erreichen, wird ein langer Weg, das sieht man an den Äußerungen von Khalid Salman, die natürlich völlig unmöglich und inakzeptabel sind. Auffällig ist, dass weder FIFA noch Katar sich davon distanziert haben.

Was halten Sie von der Forderung nach einem Boykott der WM, die ja auch in Deutschland diskutiert wurde?

Gar nichts.

Warum nicht?

Weil es eine populistische Forderung ist, die völlig ins Leere läuft. Diese WM wird stattfinden, das war klar, seit Katar den Zuschlag erhalten hat. Wir haben ja in Katar mit Fifa-Chef Gianni Infantino gesprochen. Die Fifa zieht ihr eigenes Ding durch, es geht um mächtige finanzielle Interessen. Das zieht sie durch, unabhängig davon, ob ein Land wegbleibt oder nicht. Dadurch ändert sich in Katar gar nichts. Wir müssen aus der Situation jetzt das Beste machen. Die Mannschaften und Sportverbände haben jetzt die Chancen, ein Zeichen für die Menschenrechte und gegen Homophobie zu setzen.

Der deutsche Kapitän Manuel Neuer wird die One-Love-Binde tragen. Das ist nicht die Binde in Regenbogenfarben, die für Vielfalt steht und das Symbol der queeren Bewegung geworden ist. Enttäuscht Sie das?

Ich finde, Manuel Neuer sollte die Binde in den Regenbogenfarben weiterhin tragen, wie er das bis jetzt immer gemacht hat. Wie Sie sagen: Es ist für die queere Gemeinschaft ein Symbol von internationaler Bedeutung. Ich finde die One-Love-Binde einen faulen Kompromiss und ein Zugeständnis des DFB an Katar.

Wie nehmen Sie den DFB in dieser Diskussion wahr?

Er agiert verkrampft. Man möchte ein Zeichen gegen Homophobie setzen, aber man will sich auch nicht komplett mit der Fifa anlegen. Wobei ich Zugeständnisse an Kultur und Religion der Gastgeber auch nicht grundsätzlich falsch finde. Niemand muss mit einer Regenbogenfahne in eine Moschee laufen oder sie einem Polizisten umhängen, wie es beim Christopher Street Day in Deutschland passiert. Wenn es aber darum geht, dass queere Menschen nicht angegriffen werden, dass sie sich nicht verstecken müssen, dass sie Fußball schauen dürfen, dann sind das Menschenrechte. Die haben nichts mit Kultur oder Religion zu tun. Wer die Menschenrechte nicht akzeptiert, kann keine internationalen Turniere ausrichten.

Werden Sie sich die Spiele im Fernsehen anschauen?

Ja, ich denke schon. Dafür bin ich zu sehr Fußball-Fan. Ich weiß aber dabei immer, unter was für Bedingungen diese Spiele stattfinden und das macht mich traurig.

Interview: Georg Leppert

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