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Bernd Messinger: Auf dem langen Marsch

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Bernd Messinger schrieb als Referent Reden für die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth.
Bernd Messinger schrieb als Referent Reden für die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth. © Privat

Zum 70. Geburtstag des Frankfurter Grünen-Politikers Bernd Messinger.

Er verkörpert den Werdegang der Grünen von ihrer Gründung an. Und hat ihn an entscheidenden Schnittstellen mitgestaltet. Bernd Messinger war einer der etwa 1000 Menschen, die am 12. und 13. Januar 1980 in der überfüllten Stadthalle von Karlsruhe die neue Partei aus der Taufe hoben. 1985 gehörte er zu den Grünen-Realpolitiker:innen, die in Hessen die erste rot-grüne Landesregierung auf den Weg brachten. Und von 2010 an arbeitete er als Büroleiter, zuvor schon als politischer „Spin Doctor“, von Petra Roth, der CDU-Oberbürgermeisterin von Frankfurt. An diesem Sonntag, 2. Oktober, feiert der Grüne seinen 70. Geburtstag.

Messinger ist ein ruhiger und überlegter Mensch, der nur sehr selten einmal laut wird. Er kann manchmal geradezu verträumt über Musik und Literatur sprechen, verfügt über verschmitzten Humor. Die Entschlossenheit des gewieften Taktikers sollte freilich niemand unterschätzen. In den 60er Jahren musste er sich am Ziehen-Gymnasium in Frankfurt noch mit Lehrern aus den Nazijahren herumschlagen. Anfang der 70er Jahre war der „Häuserkampf“ im Westend gegen die Zersiedelung des alten Wohnviertels seine politische Lehrzeit. Steine geworfen habe er nie: „Ich hatte eine Beißhemmung.“

1976, nach der schweren Verletzung eines Polizeibeamten durch einen Molotowcocktail, erlebt Messinger, wie sein Weggefährte Joschka Fischer bei einer Rede auf dem Römerberg der Gewalt abschwört: „Leute, schmeißt die Mollis weg.“ Von diesem Einschnitt führt ein Weg zur Gründung der Grünen vier Jahre später. Noch heute nennt es der Politiker ein „kleines Wunder“, dass aus der wilden Karlsruher Mischung von Wertkonservativen, kommunistischen Gruppen, Radikalökologen und Realos „etwas rausgekommen ist“. Nur knapp sechs Jahre später, am 12. Dezember 1985, bilden die Grünen gemeinsam mit der SPD in Wiesbaden die erste rot-grüne Landesregierung. Der Landtagabgeordnete Messinger spricht in der Debatte den politischen Urahn und Studentenführer Rudi Dutschke direkt an: „1968 sind wir zum langen Marsch durch die Institutionen angetreten. Rudi, der erste ist durch und weitere werden folgen.“

Auch Messinger als allgemein anerkannter Landtagsvizepräsident kann aber nicht verhindern, dass die erste Etappe des Marschs bereits am 9. Februar 1987 endet. Rot-Grün fliegt auseinander, nachdem SPD-Wirtschaftsminister Ulrich Steger den Istzustand des Atombetriebs Alkem in Hanau genehmigen will. Messinger brüllt den Leiter der Staatskanzlei, Paul Leo Giani (SPD), am Telefon an: „Das ist der Bruch!“. Doch nur zweieinhalb Jahre später nehmen SPD und Grüne in Frankfurt einen neuen Anlauf, bilden die erste rot-grüne Stadtregierung. Die hält immerhin bis 1995.

Im selben Jahr wird die CDU-Politikerin Petra Roth in Frankfurt zur OB gewählt – und bleibt es siebzehn Jahre. CDU und Grüne im Römer nähern sich immer mehr an, bilden 2006 eine Koalition, die zehn Jahre regiert. Und Messinger, im Presseamt der Stadt untergekommen, schreibt bald Reden für die Oberbürgermeisterin. Dann geht er als Referent ins OB-Büro, das er ab 2010 leitet, bis zum Rücktritt Roths 2012.

Konkretes statt Utopien

Diese Karriere ist typisch für Messinger. Konkrete praktische Fortschritte sind dem Politiker allemal lieber als Utopien, die unverwirklicht bleiben. Und die Verbesserungen in Roths Amtszeit etwa in der Migrations- und Drogenpolitik unterstützt und befördert er ebenso wie kulturelle Projekte. Zuletzt arbeitet er als Büroleiter der Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne). Noch heute, im halben „Ruhestand“, ist er drei Tage pro Woche Teil des Heilig-Teams, denkt nach über Konzepte zur Verbesserung der gebeutelten Umwelt in Deutschlands heißester Stadt.

Jedes Aufheben um seine Person ist Messinger ein Gräuel. Heute sieht er die Grünen auf Bundesebene als „stabile Kraft“, enthält sich weiterer Bewertung: „Jede neue Generation muss ihren Weg finden.“ Auch in der gegenwärtigen Krisensituation schlage sich die Partei insgesamt gut, einschließlich „einiger professioneller Fehler“.

Mehr ist dem Medienprofi Messinger nun wirklich nicht zu entlocken, schließlich weiß er „seit 35 Jahren, dass es mediale Konjunkturen gibt“. Zum Krieg in der Ukraine als größter Herausforderung nur so viel: „Ich bin nicht als Pazifist in die Politik gegangen, aber glücklich ist niemand.“ Eines hat Bernd Messinger in seiner langen politischen Arbeit gelernt: „Freiheit muss immer neu erkämpft werden.“ Und dieser Kampf endet nie.

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