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Direktor Bernd Herkner im trauten Kreis mit ihm liebgewordenen Bekannten.

Porträt der Woche

Bernd Herkner drängt es zu neuen Taten: Der Freund der Dinos geht nach Mainz

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Senckenberg-Museumsdirektor Bernd Herkner übernimmt eine neue Aufgabe in Mainz. Er leitet künftig das Naturhistorische Museum.

Zeitungsfotos zeigen Bernd Herkner fast immer mit deutlich älterer Begleitung. Das liegt natürlich vor allem daran, dass er noch ziemlich jung ist bei allem, was er schon geschafft hat; andererseits aber auch daran, dass er Dinosaurier-Spezialist ist. So ein Diplodocus hat nun mal 150 Millionen Jahre mehr auf dem Buckel als ein Museumsdirektor, und das sieht man ihm im direkten Vergleich auch an.

Nun werden sich aber die Wege trennen, denn Bernd Herkner, Leiter des Senckenberg-Museums, drängt es zu neuen Taten. Am 1. Juni übernimmt der 59-Jährige den Posten als Direktor des Naturhistorischen Museums in Mainz. Und während sich die Frankfurter Saurier nachts, wenn keiner guckt, weinend in den (kurzen) Armen liegen, freuen sich die Mainzer Eiszeit-Flusspferde und Säbelzahnkatzen schon auf ihren künftigen Chef.

„Neue Herausforderung ist so ein abgedroschener Begriff“, sagt Herkner und überlegt: „Reizvolle Erweiterung meiner Möglichkeiten, das trifft es besser.“ In Mainz kann er im letzten Abschnitt seiner Karriere noch einmal ganz an der Spitze stehen, nicht wie bisher an zweiter Position hinter Generaldirektor Volker Mosbrugger, und zuständig für alles sein. „Alles“ bedeutet dort: nicht so viel wie bei Senckenberg mit seinen 22 Millionen Sammlungsobjekten in Frankfurt, 40 Millionen weltweit, aber immerhin: 1,5 Millionen Funde hat Mainz zu bieten.

Der Weg zum Büro, das der Bockenheimer bald verlässt, führt mitten durch ein Korallenriff, Teil der laufenden Sonderausstellung, eine von um die 70 Schauen, die Herkner organisiert hat. Hinter dem Meer weist eine Eintracht-Fahne den Weg, daneben Notizen über einen gewissen Fußballgott. An der Tür: „Lebbe geht wieder!“ und der Sprecher des britischen Unterhauses: „Oooorder!“

Herkners Humor haben ihn beliebt gemacht

Herkners Humor und seine Begeisterung haben ihn beliebt gemacht bei den Kollegen. Niemand, der ein böses Wort über ihn verlöre. 1985 fing er bei Senckenberg an, als Museumsführer, parallel machte er sein Biologie-Diplom, schrieb seine Doktorarbeit, unterrichtete an der Goethe-Uni. 1990 ging er ans Staatliche Museum für Naturkunde nach Karlsruhe, kehrte zehn Jahre später zurück und wurde erst stellvertretender, dann Direktor des Museums. Seit 2015 leitet er zusätzlich die Senckenberg-Schule, die Technische Assistentinnen und Assistenten für naturkundliche Museen und Forschungsinstitute ausbildet.

Dinoliebe. „Dreijährige kommen zu mir“, sagt er mit leuchtenden Augen, „und fragen: Ist das ein Euoplocephalus tutus?“ Wohingegen erwachsene Forscher mitunter haarsträubende Fehler machen. So sah sich Herkner vor einigen Jahren gezwungen, gemeinsam mit Kollegen einen Artikel im Wissenschaftsmagazin „Nature“ zu monieren. Dort hatten Forscher – „fast zwangsläufig niederländische“, wie die Kritiker launig schrieben – behauptet, ein Fußballer sei im Abseits, wenn er „näher zum Tor“ stehe als der letzte Gegner „mit Ausnahme des Torwarts“. Der Artikel handelte von fehlerhaften Linienrichterleistungen. Im Leserbrief warfen Herkner & Co. die Frage auf, ob diese Linienrichter die Regeln womöglich genauso schlecht kennen wie die Forscher, die Studien über sie anstellen.

Was würde er denn mitnehmen wollen, rüber nach Mainz, wenn er dürfte? „Meine Dinos natürlich.“ Am neuen Einsatzort gibt es keine, jedenfalls nicht in der Form wie bei Senckenberg. Eine Abteilung dort aufbauen? „Das wäre absurd. Wer Dinosaurier sehen will, fährt nach Frankfurt, dafür gibt es Senckenberg.“

Es gebe aber genug Spannendes in Rheinland-Pfalz, etwa die Fossilfunde im Eckfelder Maar in der Vulkaneifel, ein Grabunggebiet ähnlich der Grube Messel. Und Bernd Herkner will seine Erfahrung nutzen, um das Naturhistorische Museum auch digital voranzubringen, etwa mit einer Museums-App oder Anwendungen in Virtueller Realität – das ist die Sache mit der dicken Brille, die Urzeitwesen lebendig werden lässt.

„Ich möchte das Museum nach außen hin noch sichtbarer machen“, sagt er. Es ehrt ihn, dass er im Gespräch unentwegt von dem erzählt, was kommt, und gar nicht von dem, was war. Von den oft atemberaubenden Ausstellungen – Tiefsee, Spinnen, Tierfotos von Ingo Arndt, viel Natur- und Klimaschutz, die ergreifende Videoserie „7 Milliarden Andere“ des Franzosen Yann Arthus-Bertrand, die überwältigende Vitrinenwand „Faszinierende Vielfalt“. Und dann war da noch die jahrelange Planung des neuen Senckenberg-Museums.

Herkner würde gerne an der Senckenberg-Schule weiterhin Aufgaben übernehmen

Wie ist das, alles bis ins Detail geplant zu haben – und jetzt zu gehen, ausgerechnet in dem Moment, da die Pläne bald umgesetzt werden? „Jetzt der Spruch mit dem lachenden und dem weinenden Auge“, sagt er und lächelt. Klar, das ist traurig für ihn, nicht dabei zu sein, wenn das neue Senckenberg einmal fertig ist. Aber immerhin: Das Museum in Mainz wird auch gerade umgebaut, und das ist schon im September soweit. Abgesehen davon: „Ich kriege es ja mit. Ich bleibe ja Bockenheimer.“ Ein Bockenheimer, der täglich nach Mainz pendelt, natürlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ein Eintracht-Fan, der es hinkriegen wird, mit den Mainzern gut auszukommen.

Und wer weiß: An der Senckenberg-Schule würde er gern weiterhin Aufgaben übernehmen, wenn es die Zeit erlaubt, weil ihm die Ausbildung der jungen Leute am Herzen liegt. „Tun, was einem am Herzen liegt“, das war auch seine Antwort auf die Frage nach dem Lebensmotto, die die Goethe-Uni ihren Alumni stellt.

Was wird ihm fehlen, außer den Dinos? „Meine Mitarbeiter, mein Team.“ Es gab Tränen in den Augen einiger Leute im Museum, als Bernd Herkner seinen Abschied ankündigte, wir dürfen hinzufügen: nicht nur dort. Seine zweite Antwort auf die Alumni-Frage: „Am Ende siegt immer das Gute.“ Und da ist ja jetzt alles drin, für den Museumsdirektor wie für die Eintracht.

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