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Renate Müller-Friese hofft, dass es im Baugebiet an der Leuchte demnächst endlich losgeht. Foto: Rolf Oeser

Bergen-Enkheim

„Platz für einen frischen Blick auf die Dinge machen“

Die scheidende Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese spricht über ihre Gründe, bei der nächsten Wahl nicht mehr anzutreten. Nach zehn Jahren im Amt habe sie einen Tunnelblick.

In einer unaufgeregten Mitteilung gibt die CDU Bergen-Enkheim ihr Team für die Ortsbeiratswahl am 14. März bekannt. Die große Überraschung verbarg sich hinter dem, was nicht genannt wurde. Der Name von Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese wurde mit keinem Wort erwähnt. Im Interview erklärt sie, warum sie nicht mehr kandidiert.

Frau Müller-Friese, warum haben Sie sich entschieden, nicht mehr als Ortsvorsteherin anzutreten?

Aus Überzeugung. Wenn man lange an einem Projekt arbeitet, bekommt man einen Tunnelblick. Dann sollte man einen frischen Kopf an die Aufgabe setzen, damit aus einem anderen Blickwinkel darauf geschaut wird. Das bringe ich auch meinen Studenten bei.

Und Sie waren zu lange Ortsvorsteherin?

Nein. Ich war zehn Jahre als Kinderbeauftragte im Ortsbeirat und noch mal zehn Jahre als Ortsvorsteherin. Aus der Sicht der Innovationsforschung wird es langsam Zeit, Platz für einen frischen Blick auf die Dinge zu machen. Der kommende März ist da ein guter Zeitpunkt.

Woran merken Sie, dass Ihre Perspektive auf die Dinge eingerostet ist?

Nicht eingerostet, aber nehmen wir den Berger Markt. Ich habe ihn zehn Mal mit konzeptioniert, viele Ideen ausprobiert, immer wieder Neues angeregt. Aber nach zehn Jahren nimmt man zu viele seiner Erfahrungen als gegeben, man wird voreingenommen gegenüber Ansätzen, mit denen man schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht hat. Beim Berger Markt muss die Tradition gewahrt bleiben, aber es braucht ein neues Konzept. So wie es ist, wird es von den Neubürgern nicht angenommen.

Es klingt, als hätte Sie die Innovationsforschung gelehrt, nicht noch einmal anzutreten. Tut es Ihnen Leid, dass sie das gelernt haben?

Einerseits ja, weil ich das Amt wirklich gern ausübe. Andererseits hat mein Lebenslauf schon immer Brüche gehabt. Ich war zunächst Pressesprecherin beim Berliner Senat, dann in der Pharmaindustrie, habe Produktmanagement in den USA gemacht und nun bin ich Dozentin an der Uni. Diese Veränderungen ziehen sich durch mein ganzes Leben.

Sie hätten auch einfaches Mitglied des Ortsbeirats bleiben können.

Dann hätte ich auf der Liste gestanden und jeder hätte vermutet, dass ich als Ortsvorsteherin antrete. Ich mag keine halben Sachen und die meisten kennen mich als geradlinig. Deshalb trete ich konsequenterweise nicht mehr an.

Wie haben die Parteikollegen reagiert?

Manche haben das sicher bedauert. Ich hatte aber auch den Eindruck, dass es jüngere in der Partei gibt, die begeistert waren, dass mal jemand seinen Platz räumt. Das ist ja, was ich seit Jahren propagiere: Wir brauchen jüngere Kräfte in der CDU.

Wer genau hat sich gefreut?

Na, das sage ich jetzt nicht.

Was glauben Sie, wie lange wird es dauern, bis Sie Bergen-Enkheimer nicht mehr mit ihren Sorgen ansprechen?

Das wird schon etwas dauern. Das finde ich auch nicht schlimm. Ich bin ja nicht aus der Welt und werde solchen spannenden Themen wie der Stadtschreiberei verbunden bleiben. Nur weil ich nicht mehr Ortsvorsteherin bin, werde ich mich nicht ins Mauseloch zurückziehen und mir sicherlich andere Projekte in Bergen-Enkheim suchen. Was das sein wird, weiß ich noch nicht.

Werden Sie es nicht vermissen, bei Ortsbeiratssitzungen bis in die Puppen mit anderen über Bergen-Enkheims Zukunft nachzudenken?

Ich werde es bestimmt vermissen. Ich habe auch überlegt, ob ich es ohne überhaupt aushalte.

Und worüber werden Sie heilfroh sein, es nicht mehr an der Backe zu haben?

Die zunehmenden Verkehrsprobleme, die wir in Bergen-Enkheim haben. Die extreme Verdichtung wird die Probleme verstärken. Aber der Ortsbeirat kann da wenig tun. Da werde ich froh sein, aus der Verantwortung zu kommen.

Als Sie am 3. Mai 2011 das erste Mal zur Ortsvorsteherin gewählt wurden, haben Sie zwei Themen genannt, die Ihnen wichtig sind: Die Skaterbahn, die wurde 2016 realisiert, und den Schelmenburgplatz. Der ist nach zehn Jahren noch nicht saniert.

Ja, manchmal ist es frustrierend, dass sich die Dinge so lange hinziehen. Aber wir haben den Schelmenburgplatz über die ganzen Jahre geplant und ich bin von dem Konzept begeistert. Hoffentlich wird es nächstes Jahr umgesetzt. Aber es ist schwer dem Bürger zu erklären, warum diese Prozesse so lange dauern. Wir haben ja auch das Rathaus. (stöhnt)

Versuchen Sie es! Warum dauern Schelmenburgplatz und Rathaus solange?

Weil so viele Ämter beteiligt sind und weil jeder Schritt, jede Ausschreibung erst von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen werden muss. Die tagt einmal im Monat, dann sind vielleicht andere Themen auf der Tagesordnung, dann ist Sommerpause. Bis eine Ausschreibung entschieden ist, ist schnell ein Jahr rum.

Was sind aus der Retrospektive die heißesten Themen Ihrer Amtszeit?

Das absolute Dauerthema ist die Leuchte. Dieses Drama! Erst die Zauneidechsen, dann zu viel Wasser. Wir brauchten eine neue Ausschreibung. Ich hoffe es bleibt bei der Aussage, dass es jetzt im Oktober oder November mit der Erschließung richtig losgeht. Politisch sicher ist der geplante Bau einer Moschee.

Mit Blick auf Ihre Amtszeit, worauf sind Sie stolz?

Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Aber ich bin mit unserem Ortsbeirat, wie er jetzt ist, sehr zufrieden. Wir haben im Ernstfall zusammengehalten und keinen unserer Erfolge möchte ich mir allein zuschreiben.

Interview: Friedrich Reinhardt

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