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Frankfurt

Die Glastüren des Hessen-Centers drohten zu bersten

Vor 50 Jahren öffnete das Einkaufszentrum in Bergen-Enkheim erstmals seine Pforten. Zehntausende strömten damals in die neue „Mini-Zeil“.

Um neun Uhr sollten sich am Donnerstag die Pforten des Hessen-Centers in Bergen-Enkheim an der Frankfurter Stadtgrenze dem Publikum erstmals öffnen. Doch der große Andrang der ersten Kunden und Schaulustigen warf alle Pläne über den Haufen. Bereits um 8.15 Uhr sah sich die Hausinspektion gezwungen, die Türen zu öffnen. Bereits zu diesem Zeitpunkt drohten die Glastüren nämlich unter dem Druck der ersten 1500 Besucher zu bersten.“

Unter dem Titel „Frühstart“ im Hessen-Center schreibt die Boulevardzeitung „Abendpost/Nachtausgabe“ vor mehr als 50 Jahren über die Eröffnung des Einkaufzentrums, das derzeit seinen Geburtstag feiert.

Am 1. April 1971 öffnet das Ladenzentrum seine Tore. Entwickelt und erbaut worden ist es von dem Hamburger Unternehmen ECE, der Einkaufs-Center-Entwicklung. Werner Otto, Gründer des Otto-Versands, hat diese sechs Jahre zuvor ins Leben gerufen. Die Idee dazu war dem Versandhandelspionier auf Geschäftsreisen in den USA gekommen. Schon wenig später zog Otto in Deutschland nach, das Hessen-Center gehört zur ersten Generation nach dem Sulzbacher Main-Taunus- und dem Nordwestzentrum.

Nur neun Monate vorher, im Juli 1970, begannen die Bauarbeiten. Der damalige Chef der Hessischen Staatskanzlei, Sozialdemokrat Günter Bovermann, lobte die kurze Bauzeit als „Wunder nach Plan“. 100 Millionen Mark soll der Bau gekostet haben. Dass das Hessen-Center vor den Toren Frankfurts eröffnet wurde – Bergen-Enkheim wurde erst 1977 eingemeindet –, lag wohl an der günstigen Gewerbesteuer und der schon damals guten Anbindung

Die Entscheidung, für das Zentrum eine größere Fläche Wald zu roden, sei nicht leichtgefallen, wird der damalige Bergen-Enkheimer Bürgermeister Rudolf Fey zitiert. Aber die kommende Gebietsreform rechtfertige die Entscheidung, die nicht zuletzt „manche zusätzliche Steuermark in die Kassen der Stadt“ fließen lasse. Ein Teil des Geldes sollen beim Bau des Riedbades und der Stadthalle Bergen zum Einsatz gekommen sein.

Für die Menschen damals war das Einkaufszentrum eine Sensation. Die Lokalzeitung „Der Bergen-Enkheimer“ schreibt freudig über „die neue Hauptwache in Bergen-Enkheim“ und „Zeil und Goethestraße in einem Haus“. Das Zentrum biete, „was heute der Wunsch von Millionen ist: Konsum als Erlebnis, rationeller Einkauf. Alles unter einem Dach“. Auch in Frankfurt sorgt die Eröffnung für Aufsehen. Die „Abendpost/Nachtausgabe“ berichtet von einer „richtigen, kleinen City“, mit einer neuen „Mini-Zeil“, die 70 Fachgeschäfte und zwei Warenhäuser vereine.

Entsprechend verläuft der Tag der Eröffnung. Das Hessen-Center erlebte einen „Sturm der Massen“, schreibt eine Zeitung. Dieser war so groß, dass „einzelne Kaufhäuser bis 13 Uhr abgesperrt werden mussten. Nur schubweise fanden die Leute Einlass“. Im Inneren habe ein „beängstigendes Gedränge“ geherrscht. Dabei habe es sich nicht nur um Kund:innen gehandelt, sondern auch „um Neugierige, die sich einen Überblick verschaffen wollten“.

Jubiläumsfeier

Das Hessen-Center an der Borsigallee feiert bis 25. September seinen 50. Geburtstag. Wegen der Corona-Pandemie ist kein großes Fest geplant. Es soll jedoch mehrere kleine Programmpunkte und Gewinnaktionen geben.

Ein Chili-Contest erwartet Gäste am Samstag, 18. September. Um 17 Uhr findet der Wettkampf mit Moderator Bernd Reisig und dem Gründer der Kette „Best Worscht in Town“, Lars Obendorfer, statt. Acht Kandidat:innen müssen in mehreren Runden zunehmend schärfere Currywurst verputzen.

Über die Geschichte und den Bau des Zentrums können sich Besucher:innen an Stellwänden informieren. bos

Autos aus der gesamten Region werden an diesem Tag gesichtet, auch Nummernschilder aus Wiesbaden, Mainz und Groß-Gerau. Eine Zeitung berichtet von einem Rückstau bis nach Dörnigheim. Die Straßenbahnen glichen „wahren Sardinenbüchsen“, obwohl drei Sonderzüge im Einsatz sind. Bis Mittag kommen 30 000 Besucher:innen. Da die Gastronomie voll war, hätten Leute in den Gängen gepicknickt. Eine Zeitung schreibt: „Am gefragtesten waren die Sonderangebote: ein Klappfahrrad im Kaufhof für 59 Mark, ein Diolen-Star-Hemd bei ,Otto’ für 5,90 Mark, ein halbes Pfund Butter für 1,59 Mark und ein Satz Autoreifen unter 100 Mark.“

Autoreifen und Fahrräder gibt es schon lange nicht mehr im Hessen-Center. Viele Geschäfte sind in den vergangenen Jahrzehnten gekommen und gegangen – vom Erotikshop über ein Spielwarengeschäft bis zum Möbelhaus. Eintracht-Legende Dragoslav Stepanovic betrieb im Untergeschoss lange Zeit das Lokal „Stepi’s-Treff“. Anfang dieses Jahres erst kündigte Galeria Kaufhof seine drei Etagen. Wie die rund 12 000 Quadratmeter künftig bespielt werden, sei offen, sagt Center-Manager Olaf Kindt. Denkbar sei ein Betreiber, „oder wir teilen es auf“. So bedauerlich das Aus des Warenhauses sei, es bringe eine Chance, damit sich das Hessen-Center weiter entwickeln könne.

Das sei nötig. „Einkaufszentren sind Institutionen, die mit der Zeit gehen müssen“, sagt Kindt. Wenigstens alle zehn Jahre müsse es sich wandeln, „dadurch hat es auch langfristig eine Perspektive“. In diesem Sinne bekam das Zentrum vor etwa 25 Jahren ein Glasdach, um mehr Licht ins Innere zu bringen. Cafés und Lokale wurden ins oberste Stockwerk verlegt.

Erst dieser Tage hat das Haus an der Borsigallee seinen jüngsten umfangreichen Umbau abgeschlossen, in den das ECE mehr als 40 Millionen Euro investiert hat. Seit 2018 war das Parkhaus modernisiert und beispielsweise mit 68 Elektrostellplätzen versehen worden. Im Inneren sind die alten Springbrunnen modernen Lounges gewichen, die Toiletten wurden saniert und ganz oben ist eine „Kids-Area“ entstanden.

Die Prioritäten hätten sich geändert, sagt Kindt. Habe es einst ausgereicht, den Kund:innen Sitzbänke anzubieten, bräuchten sie heute Aufenthaltsqualität. „Der Verbraucher will auch etwas erleben.“ Seit Jahren schon organisiert das Center deshalb verschiedene Aktionen, durch die es seine Individualität herausstellen will: Mal war der ehemalige Bundestrainer Helmut Schön zu Gast, mal winkte ein VW-Käfer als Hauptgewinn, ein Künstler baute über zwei Etagen ein großes Pappmaché-Werk und es gab Lego-, Tier- und Insektenausstellungen.

Für die Menschen in Bergen-Enkheim war das Hessen-Center eine Bereicherung, sagt Günther Kraus. Viele fanden dort einen Job – fast 1400 Leute arbeiteten anfangs hinter der einst grauen Waschbetonfassade. Auch bot das Ladenzentrum alles, was man brauchte, unter einem Dach, und direkt davor gab es Parkplätze. „Alles das, was wir nicht hatten“, sagt Kraus. Der 70 Jahre alte Großhandelskaufmann hat einen ganz eigenen Blick auf das Zentrum.

1980 übernahm er in der Enkheimer Triebstraße einen Schreibwarenladen. Was er nicht wusste: Sein Vorgänger hatte aufgehört, da die Umsätze wegen des damals noch neuen Zentrums rückläufig waren. 1995 wählten die Geschäftsleute Kraus zum Vorsitzenden des Gewerbevereins. Gemeinsam kämpften sie gegen den Riesen, der viele Einzelhändler im Stadtteil in die Knie gezwungen habe.

Dennoch sei das Zentrum nie Feindbild gewesen, „die Leute, die dort gearbeitet haben, waren immer meine Kollegen“, sagt Kraus. Inzwischen kooperieren Zentrum und Einzelhändler sogar. So setzt das Center einen Shuttlebus zum Weihnachtsmarkt nach Bergen ein, den die Geschäftsleute organisieren. Auch ist das Zentrum Mitglied im Gewerbeverein.

Eine Lokalzeitung hatte vor 50 Jahren prophezeit, Bergen-Enkheim werde „von dem Super-Center profitieren“. All diejenigen, die wegen des Zentrums kämen, könnten „unsere traditionelle Gastfreundschaft genießen“.

Olaf Kindt ist seit 2018 Centermanager in Bergen-Enkheim.
Günther Kraus hat als langjähriger Einzelhändler und Vorsitzender des Bergen-Enkheimer Gewerbevereins die Entwicklung des Hessen-Centers kritisch begleitet.

Rubriklistenbild: © ROLF OESER

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