Anja Kampmann stellt sich in der Verwaltungsstelle Bergen-Enkheim vor. Foto: Monika Müller

Frankfurt

Anja Kampmann wird Stadtschreiberin von Bergen

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Gedanken machen mit dem Stift in der Hand. So entsteht die Lyrik der neuen Stadtschreiberin.

Anja Kampmann lässt die Dinge auf sich zukommen. Die frisch gekürte Stadtschreiberin von Bergen zeigt sich beim ersten Pflichttermin in der Stadt unprätentiös. Dafür, dass die Stadtschreiber-Jury sie lobt, ihre Romanfigur bewege sich „wie eine phantasmagorische Gestalt, die etwas aus der Literaturgeschichte mit zu transportieren scheint“. Kampmann dagegen, 1983 in Hamburg geboren, reist mit leichtem Gepäck zur Pressekonferenz am Donnerstag.

Gefreut habe sie sich über die Auszeichnung. Gewundert aber auch. Der ersten E-Mail mochte sie nicht recht trauen. Der Preis richtet sich doch an Leute, die fünf Dramen und drei Romane veröffentlicht haben. „Vielleicht überlegen sie sich das noch mal“, hat sie gedacht.

Kampmann hat immerhin einen eigenen Gedichtband („Proben von Stein und Licht“) und einen Roman („Wie hoch die Wasser steigen“) vorliegen. Dazu eine Reihe von Preisen, Stipendien und Nominierungen. Warum sie als Erstlingswerk nicht etwas Biografisches geschrieben habe, das wird sie oft gefragt. Interessiert sie nicht so. „Literatur ist etwas, das sich auf Welten zubewegt, Geschichten erzählt.“ Wenn die Geschichte gut ist, ist der Autor dahinter nicht wichtig.

Kampmanns Romanfigur Waclaw arbeitet auf Bohrinseln, „bei globalen Konzernen“, die frühere Sklavenhaltergesellschaften ins moderne Zeitalter transportiert haben, wie die Stadtschreiber-Jury erklärt. Das Setting fasziniert Kampmann, die sich über umfangreiche Recherchen das entsprechende „Ölbohrlatein“ draufgeschafft hat. Die Plattformen seien Nicht-Orte, Orte, die schnell vergingen, die weiterzögen, wenn der Meeresboden an der Stelle ausgesaugt ist. Das Thema habe unmittelbar zu tun mit der Welt, wie sie uns täglich begegne. Nicht nur, weil wir in einer Zeit leben, die viel Öl benötige.

Der Stadtschreiber von Bergengilt als einer der angesehensten Stadtschreiberpreise für deutschsprachige Autoren. Die Auszeichnung existiert seit 1974. Der Literaturpreis ist mit 20 000 Euro dotiert, die Preisträger dürfen auch ein Jahr lang kostenfrei im Stadtschreiberhaus in Bergen-Enkheim, An der Oberpforte 4, wohnen.

Die Verleihungerfolgt jedes Jahr beim Volksfest „Berger Markt“ im Festzelt, auch mal als Bierzelt bezeichnet.

Preisträgersind unter anderem Peter Rühmkorf, Peter Härtling, Robert Gernhardt, Eva Demski. sky

Kampmann lacht. Das tut sie oft bei diesem Termin, dezent geschminkt, im schlichten schwarzen Kleid mit passenden Ballerinas und einer Vogelbrosche, die den Ton ihrer leuchtend rotblonden Haare spiegelt. Aufmerksam schauen ihre blauen Augen in die Welt. Kampmann ist gerade von einem Lyrikfestival in Mazedonien zurückgekehrt. „Das wird dort zwei Stunden live im Fernsehen übertragen, das muss man sich mal in Deutschland vorstellen, Leute, die Gedichte vorlesen“, sagt sie.

Kampmann ist viel gereist im vergangenen Jahr. Jetzt möchte sie Zeit am Schreibtisch verbringen, durchaus in Bergen. Ein Jahr lang wird sie ihren zweiten Wohnsitz (neben Leipzig) an der Oberpforte 4 haben. Die Stadt kennt sie bislang nur von Tagesausflügen ins Museum oder die Oper. Ob es Fettnäpfchen gebe, erkundigt sie sich gleich. Was müsse sie beachten im Verhältnis der Ortsteile Bergen und Enkheim? Gibt es Rivalität zwischen dem Stadtteil und der Kernstadt, oder fühlen sich die Bergen-Enkheimer als Frankfurter?

Drei Projekten möchte sie sich widmen. Sie hat eine Erzählung begonnen, „die durchaus länger werden könnte“. Dazu liegen noch Gedichte auf ihrem Schreibtisch. Über das Stuttgarter Literaturhaus hat sie zudem eine Kooperation mit einer serbischen Komponistin begonnen. Das liebt Kampmann: Kooperationen zwischen Lyrik und Musik. Ein Gedicht ist ja auch nicht viel anderes als ein Songtext, findet sie.

Aus ihrer Jugend in Hamburg hat sie dieses Gefühl bewahrt, dass Seemannsgeschichten in der Luft liegen, dass die Welt ruft. „Ich dachte früher, dass alle Leute dichten, aber nicht darüber sprechen“, sagt sie. Wobei sie es nicht einmal dichten genannt hätte, eher: „Gedanken machen mit dem Stift in der Hand.“ Eben wie andere Leute abends musizieren.

Ein bisschen professionalisiert hat sie sich aber doch, nur verbiegen lassen möchte sie sich nicht vom Literaturbetrieb. Wenn sie etwas schreibe, wolle sie voll dahinterstehen können. „Zur Not mich auch dafür prügeln.“

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