_20170508pj109_60528_221_4c
+
Der 32 Jahre alte Samir B. muss sich seit Montag vor dem Frankfurter Landgericht wegen Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener verantworten.

Landgericht

Benutzte Windel im Mund

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
    schließen

Prozess gegen einen Mann, der seine Stieftochter „auf den rechten Weg leiten“ wollte.

Es ist eine brutale Anklage und eine traurige Geschichte, die seit Montag vor dem Landgericht verhandelt wird. Der 32 Jahre alte Samir B. muss sich dort wegen Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener verantworten.

Ihm wird vorgeworfen, zwischen August 2017 und Juni 2018 seine mittlerweile zwölf Jahre alte Tochter nicht nur mit Schlägen und Tritten, sondern auch mit bizarren Erziehungsmethoden misshandelt zu haben. Laut Anklage soll sich B. maßlos geärgert haben, dass die unter einer Lernschwäche leidende Tochter in der Schule nicht zurechtgekommen sei. Neben den fast schon alltäglichen Tritten und Schlägen soll er sie gezwungen haben, stundenlang vor der Wohnungstür zu knien und „über ihr Verhalten nachzudenken“.

Ende 2017 etwa soll er „völlig ausgerastet“ sein, als ein Lehrer ihm eröffnete, dass seine Stieftochter mit dem Erlernen der arabischen Sprache „deutlich überfordert“ sei. Er soll das vor Entsetzen schreiende Kind gezwungen haben, seine Koffer zu packen, da er jetzt endgültig die Nase voll habe und sie in ein Kinderheim stecken werde.

Im Mai 2018 soll er, nachdem das Kind die Uhrzeit nicht richtig gelesen habe, den Kopf des Mädchens mehrfach gegen die Wand geschlagen haben. Einen Monat danach soll er das Mädchen brutal zusammengetreten haben, während er ihre jüngere Halbschwester – seine leibliche Tochter – auf dem Arm gehalten habe. Diesmal brüllte die Getretene so laut, dass Nachbarn die Polizei riefen. In der Kinderschutzambulanz wurden an dem Mädchen massive Verletzungen festgestellt – sowohl alte als auch frische. Dennoch wurde das Kind nach Prüfung durch das Jugendamt zurück in die Obhut seines Peinigers gegeben.

Danach soll der Stiefvater, der die Schuld für die ihn erwartende Strafanzeige beim Opfer gesehen habe, das Mädchen gezwungen haben, die benutzte Windel ihrer jüngeren Schwester in den Mund zu nehmen. Und soll ihr unter Strafandrohung verboten haben, sich zu übergeben – aber auch bei dieser Aufgabe soll das Kind die hohen Erwartungen seines Stiefvaters nicht erfüllt haben. Als das Mädchen im Juni 2018 erneut mit diversen Verletzungen in die Kinderschutzambulanz eingeliefert wurde, handelte das Jugendamt und nahm das Kind aus der Gefahrenzone.

Er sei nie gewalttätig gegen seine Tochter geworden, erzählt B. der Strafkammer. Ihre multiplen Verletzungen seien sämtlich das Resultat von Sportunfällen oder des Mobbings von Schulkamerad:innen. Er gibt aber zu, mitunter „etwas streng“ gewesen zu sein. Und sie zu stundenlangem Knien gezwungen zu haben, aber nur zu ihrem Besten: „Das beruhigt sie, und dann hat sie auch ein bisschen Zeit nachzudenken.“ Etwa darüber, warum sie „zu faul zum Lernen“ sei. Er gibt auch zu, dass er sie, „um sie zu beruhigen“, mitunter „festgehalten und geschüttelt“ habe. Wenn sie dann geschrien habe, habe er „ihr den Mund zugehalten – um sie zu beruhigen“. Als Stiefvater sei es seine Aufgabe, „das Kind auf den richtigen Weg zu leiten“. Das hat nicht wirklich funktioniert. Die Stieftochter ist jetzt an dem Ort, vor dem sie sich die ganze Zeit so schrecklich gefürchtet hatte: dem Kinderheim. Nach Ansicht von Gutachtern habe die „massive Belastung“ bei ihr zu einer „depressiven Entwicklungsstörung“ geführt, die eine „langzeitige psychotherapeutische Behandlung“ erfordere. Zu ihrer Mutter hat sie auch keinen Kontakt mehr. Im Gegensatz zu ihrem Peiniger, der es sich offenbar nach wie vor in der Wohnung der Mutter gemütlich macht – jetzt mit der gemeinsamen Tochter.

Während der Vernehmung der Stieftochter wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Ein Urteil wird Ende November erwartet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare