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Die Direktorin im Rohbau des Erweiterungsgebäudes. Im November 2019 soll das neue Jüdische Museum in Frankfurt am Main eröffnet werden.

Jüdisches Museum in Frankfurt

Antisemitismus und Anfeindungen zum Trotz

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Antisemitismus und Anfeindungen zum Trotz lässt sich Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt, in ihrer Arbeit nicht irritieren.

Der Betonboden knirscht unter den Schuhen. Auf hölzernen Bohlen balancieren die Besucher ins Innere. Die Wände sind noch nackt und schmucklos. Von oben fällt die Sonne in das Atrium, das die beiden Foyerräume verbindet. Der Rohbau lässt schon erahnen, dass die Erweiterung des Jüdischen Museums in Frankfurt als lichtdurchflutetes, leichtes Gebäude wirken wird. In knapp einem Jahr, Anfang November 2019, will Mirjam Wenzel mit ihrem Team ein auch inhaltlich ganz neu aufgestelltes Haus eröffnen. Jetzt, beim Gang durch den Neubau, nennt die 46-jährige Direktorin diese Perspektive „ein großes Geschenk“. 

Und eine „einzigartige Chance“ zugleich. In der Tat ist es nur wenigen Wissenschaftlern vergönnt, in ihrem Leben ein neues Museum zu konzipieren. Und Frankfurt nimmt als erstes jüdisches Museum überhaupt in Deutschland, vor 30 Jahren ins Leben gerufen, einen ganz besonderen Rang ein. Was Wunder, dass die in Frankfurt geborene Literatur-und Politikwissenschaftlerin von einer „Aufbruchstimmung“ spricht. Für sie schließt sich ein Kreis. 

Als Tochter aus einer christlich-jüdischen Familie wuchs sie in Neu-Anspach im Hochtaunuskreis auf. Die steile Karriere ihres Vaters als Jurist führte vom Oberlandesgericht in Frankfurt bis hin zum Vizepräsidenten des Bundesgerichtshofes. Im Alter von sechzehn Jahren zog sie mit Vater und Mutter nach Karlsruhe um. Mit einer gewissen Erleichterung, hatte sich doch die Jugendliche „auf dem Dorf isoliert“ gefühlt. Sie genoss, wie in gehobenen bürgerlichen Familien seinerzeit durchaus üblich, eine klassische Musikausbildung: Bratsche, Blockflöte, Klavier. 

Sie spielt noch heute, wenn ihr die Zeit bleibt, vor allem Klavier. „Ich spiele die Sachen, die ich kenne, Mozart oder Chopin.“ Ein kleines Lächeln. Mirjam Wenzel ist ein durchaus zurückhaltender Mensch, sie trägt ihr Herz nicht auf der Zunge. Im Gespräch ist sie leise, wägt ihre Worte sorgfältig, spricht mit Pausen. Und doch ist die Begeisterung noch zu spüren, als sie von ihrem Aufbruch nach Israel als junge Frau erzählt. Mit 18 Jahren zog es sie in einen Kibbuz, es war die Aussicht auf gemeinschaftliches Leben und Arbeiten , auch „der Verzicht auf persönliches Eigentum“, der sie fasziniert hatte. 

Doch die Wirklichkeit hielt diesem Wunschtraum nicht stand, fiel wesentlich prosaischer aus. „Es war eine große Enttäuschung“, sagt sie heute bündig. Sie lebte im Norden des Landes, nahe der libanesischen Grenze, im Jahr 1991, gerade war die israelische Armee in den Süden des Libanon eingefallen. Die Gefahr war allgegenwärtig. „Unser Pub war ein Bunker“, wieder so ein knapper Satz. Später wechselte sie in den einzigen von der Kommunistischen Partei gegründeten Kibbuz des Landes. 

Wenzel setzte große Hoffnung auf einen Frieden zwischen dem israelischen Volk und den Palästinensern. Sie arbeitete in der Frauensfriedensbewegung mit. „Das Land war sehr gespalten, aber es gab Hoffnung“, sagt sie heute.

Am Abend des 4. November 1995 ging sie wie Tausende andere zu einer großen Friedenskundgebung auf dem „Platz der Könige Israels“ in Tel Aviv. Der Popstar Aviv Geffen, einer ihrer Lieblingssänger, sollte dort auftreten. Vorher sprach Ministerpräsident Jitzchak Rabin zu den Menschen, entwarf eine Perspektive für das Land: „Diese Regierung hat sich entschieden, dem Frieden eine Chance zu geben – einem Frieden, der die meisten Probleme Israels lösen wird. Der Weg des Friedens ist dem Weg des Krieges vorzuziehen.“

 Wenig später später hörte die junge Frau ein seltsames Geräusch, eine Art Ploppen, aus nicht weiter Entfernung. Bald darauf erreichte die Menschen die Nachricht: Jitzchak Rabin war erschossen worden, kurz bevor er in seine Limousine einsteigen konnte. Später wurde bekannt, dass der Mörder der rechtsextreme Jurastudent Jigal Amir war. 

Wenn Mirjam Wenzel über diesen Tag spricht, spürt man, dass er in ihr Leben einschnitt. Sie fasst es in einem Satz zusammen: „Alles veränderte sich“. Bald darauf wurde der Rechte Benjamin Netanjahu erstmals Ministerpräsident. In der Konsequenz, so die bittere Bilanz der Wissenschaftlerin, „hat der Mörder Rabins auf der ganzen Linie gesiegt“. Auch heute gebe es bei Israelis wie Palästinensern „eine große Sehnsucht nach Frieden“. Aber ein solcher Frieden ist nach ihrer Einschätzung heute ferner denn je: „Beide Gesellschaften haben sich enorm verändert“. 

Wenzel ging nach Deutschland zurück, promovierte an der Münchener Universität über die „Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums in Europa“. Sie publiziert Arbeiten über die Kritische Theorie, etwa über Theodor W. Adorno, Siegfried Kracauer und Hannah Arendt. 

Heute sagt sie ganz klar: „Ich will mit der Politik in Israel nichts zu tun haben – Deutschland ist mein Fokus“. 

Sie kuratierte Festivals wie 2001 das Medienkunst-Event Novalog in Berlin und Tel Aviv oder 2003 die Ausstellung „Wonderyears“ über die Rolle der Shoah und des Nationalsozialismus in der heutigen israelischen Gesellschaft. 

Von 2007 bis 2015 arbeitete sie als Abteilungsleiterin im Jüdischen Museum in Berlin, baut die Vermittlung über digitale und gedruckte Medien ganz neu auf. Vor knapp drei Jahren dann, am 1. Januar 2016, trat sie ihr Amt als Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt an. 

Heute zieht sie einen klaren Trennungsstrich: „Ich mache ganz bewusst keine Veranstaltungen zur politischen Situation in Israel“. Ihr Thema ist das jüdische Leben in Deutschland von heute. „Es geht nicht ohne den Blick auf die Shoah“, sagt sie deutlich, also ohne die Aufarbeitung des Holocaust. Aber betont ebenso: „Wir sind keine moralische Anstalt“. 

Nein, das Jüdische Museum in Frankfurt besitze „einen politischen Auftrag“. Dialog und Offenheit nämlich, den Abbau von Vorurteilen, die in der Gesellschaft gegenüber dem Judentum bestehen. Sie will erzählen von den „sehr selbstbewussten“ jüdischen Gemeinden in Deutschland, von der „Pluralität jüdischer Gegenwart“. 

Unser Gespräch vertieft sich nach dem Baustellenbesuch bei einer Tasse Tee. Mirjam Wenzel ist nur zu bewusst, wie sehr sich die gesellschaftliche Situation gerade verändert. Sie berichtet von Drohanrufen und Beschimpfungen in der Öffentlichkeit. Der alltägliche Antisemitismus alarmiert sie. „Es gibt eine Enthemmung“, sagt sie bitter. Und glaubt nicht an eine rasche Wendung zum Besseren: „Da bin ich pessimistisch“. 

Die Wissenschaftlerin nimmt das Wort Angst nicht in den Mund. Wohl aber spricht sie von ihrer „Unsicherheit“ im Alltag: „Ich habe ein größeres Sicherheitsbedürfnis als andere“. Allen Gefährdungen zum Trotz setzt die Direktorin gerade erst recht auf die Offenheit ihres Museums. In den zurückliegenden Jahren der Baustelle ist sie mit Pop-Up-Aktionen an öffentliche Orte gegangen, hat die Arbeit des Hauses auf einem Schiff präsentiert (2016) oder in einem Zelt auf dem Willys-Brandt-Platz (2017). 

„Diese Öffnung ist mir total wichtig“, sagt sie. Und lässt zugleich auch die Anspannung erkennen, unter der sie steht: „Es kostet mich wirklich Nerven“.

Draußen vor dem Fenster treibt der Wind kleine Regenschleier über den Main. Die grauen Wolkenfetzen hängen tief. Es wäre eigentlich so recht ein Tag, um sich zu verkriechen. 

Aber man sollte die Zähigkeit und den Mut von Mirjam Wenzel nicht unterschätzen. Sie bereitet gerade intensiv die erste Sonderausstellung zur Eröffnung des neuen Hauses im November 2019 vor. Sie wird von den Jahren 1945 bis 1950 in Deutschland erzählen: Die wenigen Juden, die den Holocaust überlebt hatten, versuchten, im Land der Mörder ein neues Leben zu beginnen. 633 Quadratmeter bietet das Untergeschoss des Neubaus künftig für solche Sonderthemen. 1400 Quadratmeter stehen für die neue Dauerausstellung im Rothschild-Palais zur Verfügung, das ist doppelt so viel wie bisher. Dort wird vom Herbst 2019 auch die jüdische Gegenwart Thema sein: Neue Ausgrenzung und Anfeindung. Jüdische Geschichte wird mittels bekannter Familien ausgebreitet, von den Rothschilds über die Franks bis hin zu den Sengers. 

„Für die Juden weltweit ist Frankfurt am Main mit seiner bürgerlichen Kultur ein besonderer Ort der Identifikation“, sagt die Wissenschaftlerin. Da ist er wieder: Der Auftrag, den die 46-Jährige empfindet. Sie hofft, mit ihren Veranstaltungen und Ausstellungen in Zukunft ein neues Bewusstsein für jüdisches Leben zu schaffen. Denn Informtation ist der erste Schritt hin zum Dialog. 

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