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Täglich bringen vier Stadtpolizisten etwa acht Stunden auf der Zeil zu.  

Reportage

Zeil Frankfurt: Beim Betteln ist Anfassen verboten

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Die Frankfurter Innenstadt muss sauberer und sicherer werden – finden vor allem die Einzelhändler. Die Stadtpolizei ist mit zahlreichen Mitarbeitern auf der Zeil im Einsatz.

Der Bettler vor dem Sportgeschäft auf der Frankfurter Zeil macht im Prinzip alles richtig. Er läuft Passanten nicht nach, er fasst sie schon gar nicht an, er tritt also nicht aggressiv auf, was nach der städtischen Gefahrenabwehrverordnung verboten wäre. Auch gehört er offenbar keiner organisierten Bande an. Nur diese Flaschen, die er um sich herum auf dem Pflaster aufgestellt hat, die sind ein Problem. Finden zumindest die Stadtpolizisten, die am Freitag mit einem großen Tross Journalisten im Schlepptau über die Zeil ziehen. Einer der städtischen Mitarbeiter spricht den Bettler an, der nickt und packt seine Flaschen zusammen. Einsatz beendet.

Es ist aus polizeilicher Sicht nicht viel los auf der Zeil an diesem Freitag. Zwischen Hauptwache und Konstablerwache halten sich elf Bettler auf – keiner von ihnen tritt aggressiv auf. Niemand schmeißt seine Zigarettenkippen auf den Boden, niemand macht stundenlang Straßenmusik, ohne den Standort zu wechseln, niemand uriniert in einen Hauseingang. Ein ruhiger Tag.

Doch demnächst wird wieder mehr Arbeit auf die Stadtpolizei zukommen, da ist sich Matthias Heinrich sicher. Noch zwei Wochen bis zum ersten Adventswochenende, dann wird die Zeil viel voller sein als sie ohnehin schon ist. Dann würden auch wieder vermehrt Bettlerbanden in die Stadt kommen, schätzt Heinrich. Und nicht jeder Einsatz wird dann so entspannt ablaufen wie das Gespräch mit dem Mann vor dem Sportgeschäft im Nieselregen am Freitag.

„Bettelarm – wie geht Frankfurt mit seinen Bettlern um“, lautet der Titel einer Diskussion, zu der der Frankfurter Domkreis Kirche und Wissenschaft für Mittwoch, 4. Dezember, einlädt.

Auf dem Podium sitzen Frank Diergardt, Sprecher des Vereins „Neue Zeil“, Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU), die Leiterin der Elisabeth-Straßenambulanz, Schwester Maria Goetzens, und der Leiter des Franziskustreffs, Bruder Michael Wies. Die Moderation übernimmt FR-Redakteur Georg Leppert.

Beginn ist um 19 Uhr im Haus am Dom, Domplatz 3. Der Eintritt ist frei. FR

Vor knapp zweieinhalb Jahren hat die Stadtpolizei eine Offensive auf der Zeil gestartet. Die Einheit wollte für mehr Sicherheit und Sauberkeit sorgen auf der Straße, die mit knapp 14 400 Passanten pro Stunde im vergangenen Jahr die beliebteste Einkaufsmeile Deutschlands war. Vor allem die Geschäftsleute hätten sich zuvor massiv über die Zustände auf der Zeil beschwert, sagt der Leiter des Ordnungsamts, Jörg Bannach. Obdachlose, die vor Schaufenstern lagern, Straßenmusiker, die stundenlang dasselbe Lied spielen, Banden, die Kinder zum Betteln schicken – die Liste der Klagen, die die Händler erhoben hatten, war lang.

Beschwerden gebe es immer noch, aber eben weniger als noch vor zwei Jahren, sagt Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU). Passend dazu verteilt Matthias Heinrich eine Statistik, die vor allem eines zeigt: Die Stadtpolizei war seit Juni 2017 häufig auf der Zeil unterwegs.

Genau 17 447 Einsatzstunden auf der Einkaufsmeile kamen in dem besagten Zeitraum zusammen. Das entspricht etwa vier Stellen. Detailliert zählt Heinrich auf, was seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geleistet haben: 6047 Menschen kontrolliert, 4146 Anzeigen geschrieben, 1542 Platzverweise gegen Bettler erteilt, 386 Störer, wie es im Polizeideutsch heißt, aus der Innenstadt weggefahren (siehe nebenstehenden Bericht). Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Auch um Listenhunde geht es in der Statistik. Vier dieser als besonders gefährlich geltenden Tiere wurden sichergestellt.

Die Herausforderung für die Stadtpolizisten sei nicht zuletzt die „sehr dynamische Lage“ auf der Zeil, sagt Bannach. So könnten etwa Bettler jederzeit auftauchen und die Stadt auch schnell wieder verlassen. Wobei Bannach und Heinrich klarstellen, dass es in Frankfurt nicht verboten sei, Passanten um Geld zu bitten. Als organisierte Bande daraus ein Geschäft zu machen, verstoße aber eben gegen städtisches Recht. Gegen solche Gruppen gehe die Stadtpolizei deshalb vor, und damit schütze sie Bettler, die alleine irgendwo sitzen und einen Becher vor sich stehen haben.

Erfolgreich war laut Heinrich auch das Vorgehen gegen Islamisten auf der Zeil. So machte die Stadtpolizei den Koran-Verteilern der Gruppen „Lies!“ und „We love Muhammad“ das Leben so schwer wie möglich. Unter Rückgriff auf das Sondernutzungsrecht gingen die städtischen Mitarbeiter regelmäßig gegen die Salafisten vor, „bis diese entnervt aufgaben“, so Heinrich.

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