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Wohnungslos im Winter: Frankfurts bekanntester Obdachloser Eisenbahn-Reiner über Eiseskälte

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Von: Kathrin Rosendorff

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Viele Wohnsitzlose in Frankfurt bleiben auch bei Minusgraden draußen. Wie viel Obdachlose übernachtet auch Frankfurts bekanntester Obdachloser Eisenbahn-Reiner lieber auf der Straße.

Frankfurt - Beim Vorbeilaufen erkennt man nicht einmal, ob es ein Mann oder eine Frau ist, die da am Boden auf einer Einkaufstüte gegenüber dem früheren Esprit sitzt. Die Person ist tief nach vorne gebeugt, die rote Anorak-Kapuze verbirgt zusätzlich das Gesicht. Münzen liegen auf ihrem Schal, sie ist im blauen Schlafsack eingehüllt.

Ob dieser Mensch im Sitzen schläft oder vielleicht erfroren ist, wird von den meisten Passant:innen auf der Frankfurter Zeil, die mit Einkaufstüten voller Weihnachtsgeschenke fröhlich plaudernd vorbeirennen, ignoriert an diesem Donnerstagmittag. Einen Tag, nachdem im Gallus ein 46 Jahre alter Wohnsitzloser möglicherweise aufgrund der Kälte gestorben ist. Es sind nachts bis zu minus 6 Grad.

Obdachlosigkeit im Winter: Betroffene lobt Hilfseinrichtungen in Frankfurt

Eine australische Touristin sagt ihrem Sohn, er solle der wohnsitzlosen Person auf der Zeil Münzen in den leeren Pappbecher werfen. In dem Moment bewegt diese sich kurz. Es ist eine blonde Frau. Sie ist über 50, wie sie sagt. Wenn sie auf Fragen antwortet, pausiert sie so lange, dass es wirkt, als sei sie ohnmächtig oder eingeschlafen.

„Ich bin seit sechs Jahren wohnungslos. Ich übernachte in der Jugendherberge. In Frankfurt gibt es genug Einrichtungen. Eigentlich muss hier keiner erfrieren“, erzählt sie. „Ich frage mich, ob beim wohnsitzlosen Mann, der vielleicht erfroren ist, nicht der Alkohol schuld war. Also, dass er zu betrunken war, um die Kälte zu bemerken. Ich selbst bin immer gut eingepackt, wenn ich hier dreimal die Woche sitze.“

Frankfurts bekanntester Obdachloser, „Eisenbahn-Reiner“, sagt, er friere auch im Winter nicht.
Frankfurts bekanntester Obdachloser, „Eisenbahn-Reiner“, sagt, er friere auch im Winter nicht. © Peter Jülich

Menschen in Frankfurt haben diesen Winter wegen Energiekrise weniger Geld für Obdachlose übrig

Die australische Touristin sagt: „Es ist eisig, wir haben uns gerade dicke Winterjacken gekauft, weil wir so frieren. Wenn ein Mensch sich bei der Kälte auf die Straße setzt, muss er in einer sehr verzweifelten Lage sein. Das ist unendlich traurig zu sehen.“

Die Wohnsitzlose erzählt derweil, dass sie merke, dass die Leute aufgrund der Energiekrise und explodierender Kosten ihr Geld zusammenhalten müssten. „Aber es gibt noch Menschen, die mir Geld geben. Eben hat mir auch eine Frau ein Brötchen vom Weihnachtsmarkt gekauft.“ Wenige Laufminuten von ihr entfernt steht Frankfurts bekanntester Obdachloser, „Eisenbahn-Reiner“, gegenüber dem Liebfrauenkloster und trinkt heißen Kaffee aus einem Pappbecher und schenkt einem anderen Wohnsitzlosen ein Zigarillo.

Nicht alle Obdachlose in Frankfurt suchen im Winter nachts eine Unterkunft auf

„Ich bin jetzt 51 und schlafe seit 19 Jahren hier auf der Straße. Ich habe genug Wolldecken, die mich nachts warm halten. Ich friere nicht und bin auch fast nie erkältet.“ Er wolle seine aufgebauten Spieleisenbahnen und seine privaten Sachen, die er unter einer Plastikplane hat, nicht allein lassen. Auch deswegen schlafe er weder in der B-Ebene noch in einer anderen Unterkunft für Wohnsitzlose.

Unweit von ihm rappt ein anderer Wohnsitzloser wütend vor sich hin, ein anderer Mann steht da, mit zerfetzter Jeans und einem blauen Auge, er hat einen sehr schlimmen Husten. „Ich schlafe in der B-Ebene am Eschenheimer Tor. Ich brauche nicht viel, nur eine Unterkunft. Es ist sehr kalt. Das vertrage ich nicht gut.“ Er ist 44.

Franziskustreff hilft armen und obdachlosen Menschen in Frankfurt im Winter

Gefrühstückt und etwas aufgewärmt hat er sich kurz zuvor beim Franziskustreff für arme und wohnsitzlose Menschen des Liebfrauenklosters. „150 bis 160 Gäste haben wir an einem Tag. Wir sind die Einrichtung, die in der Innenstadt für Wohnsitzlose als erste am Tag öffnet“, sagt Thomas Koch, Direktor der Franziskus-Stiftung.

Von 7.45 bis 11.30 Uhr gibt es für 50 Cent Wärme und Frühstück sechsmal die Woche. 20 Menschen haben Platz, im Gästeraum gleichzeitig zu sitzen. Die Kälte habe aber keinen Einfluss auf die Gästezahlen.

Auch im Winter findet man auf Frankfurts Straßen zahlreiche obdachlose Menschen

Eine junge Frau sitzt mit einer Schlafdecke eingehüllt unweit der Zeil. „Sehr kalt“, sagt sie und weint fast. Sie schlafe nachts auch draußen. Ob sie weiß, dass es Unterkünfte gibt, bleibt unklar. Sie spricht kaum Deutsch.

Vor dem leeren Laden des ehemaligen Zara an der Konstablerwache sitzen zwei Männer aus Ungarn in ihren Schlafsäcken. Sie sind 23 und 40 Jahre alt. „Ich lebe seit zweieinhalb Jahre in Frankfurt auf der Straße, mein Kumpel seit einem Jahr“, sagt der 40-Jährige. Er hat nur noch nur einen Zahn. Sie übernachten auch vor dem Laden. „Ich friere nicht. Wir brauchen keine Unterkunft. Ich bin Alkoholiker. Ich brauche also das Geld, das mir die Leute in den Becher werfen. Für Wodka.“ (Kathrin Rosendorff)

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