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Olaf Cunitz hält eine große Lösung für die Bühnen für richtig.

Interview

„Begehrlichkeiten an den Wallanlagen sind jetzt geweckt“

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Der frühere Frankfurter Bürgermeister Olaf Cunitz sieht Eingriffe in die Grünflächen kritisch. Die Diskussion über den Standort für die Bühnen müsse offen geführt werden, fordert er.

Der frühere Planungsdezernent und Bürgermeister Olaf Cunitz (Grüne) hat kürzlich seine Partei für ihr Positionspapier zur Zukunft der Städtischen Bühnen kritisiert. Im FR-Interview wirbt er dafür, die Standortfrage offen zu diskutieren.

Herr Cunitz, die neuen Bühnen werden knapp eine Milliarde Euro kosten. Wird es der Politik gelingen, die Bürgerinnen und Bürgern davon zu überzeugen, dass diese Summe nötig ist?

Klar ist, dass wir von einer enormen Summe sprechen. Aber ich sehe in der Tat keine günstigere Lösung. Ich habe als Planungsdezernent im Auftrag des Kulturdezernats die Prüfung in Auftrag gegeben, wie viel eine Sanierung kosten würde. Da zeichneten sich schon 400 Millionen Euro ab. Das ist fünf Jahre her. Mit dem Abschluss der Untersuchungen und der Steigerung der Baukosten sind die aktuellen Zahlen realistisch.

Ist es also nicht möglich, Oper und Schauspiel für 400 Millionen Euro zu bauen? Es ist doch im-mer die Rede von einer Interimslösung, die 100 bis 200 Millionen Euro kosten soll.

Klar, auf solchen Bühnen könnte man spielen. Aber wollen wir das? Es ist eine Frage der politischen Prioritätensetzung. Frankfurt ist die fünftgrößte deutsche Stadt und sieht sich als internationale Metropole, in der die Kultur eine herausragende Bedeutung hat. Das wäre nicht mehr der Fall, wenn man sich dauerhaft auf einer Übergangslösung einrichten würde. Insofern ist eine große Lösung schon richtig, zumal die Zeit dafür günstig ist. Die Stadt kann zu äußerst günstigen Konditionen Kredite aufnehmen. Eine solche Investition könnte man den Bürgerinnen und Bürgern vermitteln. Was man ihnen schwerer vermitteln kann, ist die Frage, wie es überhaupt zu dem gewaltigen Sanierungsstau bei den Bühnen kommen konnte. Die notwendigen Investitionen sind über Jahrzehnte ausgeblieben. Das hätte längst nicht so viel gekostet. Dazu kam es aber nicht.

Sie waren Dezernent für Bau und Liegenschaften. Warum haben Sie die Sanierung nicht durchgesetzt?

Weil über die Liegenschaften die Fachdezernate entscheiden. Das Sportdezernat über die Sportstätten, das Kulturdezernat über die Kulturbauten, das Schuldezernat über die Schulen. Das Hochbauamt führt die Arbeiten im Auftrag aus. Und Investitionen im Bestand werden gerne in die Zukunft verschoben, um das Geld einzusparen oder anderweitig auszugeben.

Die Grünen fordern in einem Positionspapier, dass die Bühnen nach Möglichkeit am Willy-Brandt-Platz bleiben sollen. Sie haben Ihre Parteifreunde für das Papier in den sozialen Medien kritisiert. Was stört Sie daran?

Es ist aus meiner Sicht argumentativ schwach. Auf der einen Seite werben die Grünen für einen Diskurs. Über den Standort wollen sie aber keine Diskussion zulassen. Überlegungen eines Umzugs werden abqualifiziert mit dem Argument, dabei gehe es doch nur um Spekulantentum am Willy-Brandt-Platz. Es tut mir leid, aber das ist keine anspruchsvolle politische Haltung, wie ich sie von den Grünen kenne. Wenn Flächen durch eine Verlagerung einer oder beider Sparten am Willy-Brandt-Platz frei werden und es der Wille ist, keine städtischen Grundstücke zur Refinanzierung des Neubaus zu verkaufen, dann lässt sich dort auch etwas fürs Gemeinwesen tun, wie zum Beispiel geförderter Wohnungsbau oder ein großes Projekt für gemeinschaftliches Wohnen. Ideen sind gefragt, keine Polemik.

Zur Person

Olaf Cunitz (Grüne)war von 2012 bis 2016 Planungdezernent und Bürgermeister. Danach war er als Leiter der Bauland- und Projektentwicklung bei einem Stadtentwicklungsunternehmen tätig. 

Sind Sie für einen neuen Standort für Oper und Schauspiel?

Man sollte zumindest offen darüber reden. Stadtentwicklung bedeutet immer auch Veränderung. Ich verstehe nicht, wieso man dafür nicht offen ist. Gleichzeitig können sich die Grünen vorstellen, die Wallanlagen zu bebauen. Diese Option hätte ich eher zuletzt gesehen, zumal es Standortalternativen gibt.

Wobei sie dafür Ausgleichsflächen fordern …

Die es in der Innenstadt aber nicht gibt. Es wundert mich, dass es nun grüne Politik ist, Teile der Wallanlagen zur Disposition zu stellen. Man sieht doch, was passiert. Nun wird diskutiert, das Museum Weltkulturen dort zu bauen. Damit ist die Büchse der Pandora offen, und Begehrlichkeiten sind geweckt.

Was sagen Sie zu den diskutierten Standorten für die Bühnen?

Das Gelände des alten Polizeipräsidiums wäre eine interessante Möglichkeit gewesen. Leider hat das Land das Grundstück an den Höchstbietenden verkauft, was ich in Hinblick auf die Stadtentwicklung enttäuschend finde. Die Idee auf dem Kulturcampus ist reizvoll. Auf dem Gelände gab es ja leider bisher nur wenig Bewegung. Und auch der Vorschlag am Osthafen sollte ernsthaft erörtert werden.

Wobei Kulturdezernentin Ina Hartwig etwa sagt, am Osthafen müsse es erst eine andere Verkehrserschließung geben.

Keine 400 Meter entfernt befindet sich der Ostbahnhof. Die Straßenbahnhaltestelle liegt noch näher. Solche Wege sind absolut zumutbar. Grundsätzlich macht Ina Hartwig aber sehr gute Arbeit. Sie hat sich in der Bühnendiskussion eben nicht treiben lassen, sondern eine ruhige Hand bewiesen und auf Experten wie Michael Guntersdorf gesetzt. Das war die richtige Entscheidung. Die Zahlen liegen jetzt auf dem Tisch, und wir brauchen nun eine mit guten Argumenten geführte Standortdebatte ohne Denkverbote.

Interview: Georg Leppert

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