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Die Nachbarn, hier die Sindlinger, haben sich an den Blick auf die Schornsteine gewöhnt. An den Geruch noch nicht so ganz.

Industriepark als Nachbar

Leben im Schatten der Schlote

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Die Industrie im Frankfurter Westen ist Fluch und Segen zugleich. Für die Stadt ist sie willkommene Quelle für Gewerbesteuereinnahmen. Für die Nachbarn ist sie Gefahrenquelle, aber auch Arbeitgeber und Sponsor.

Die Angst wohnt mit. Es ist keine grelle, alarmierende Furcht, eher ein dumpfes Unbehagen im Hintergrund des Alltags. Anja Feix lebt gegenüber von Tor Ost des Höchster Industrieparks. An der Leunastraße. Fluch und Segen der Industrie bekommt die 44-Jährige jeden Tag zu spüren. „Es stinkt immer mal wieder“, sagt sie und hebt die Schultern. Außerdem zieht das Areal viel Verkehr an. 22.000 Menschen arbeiten dort. Die reisen nicht alle mit der S-Bahn an. Schwerer wiegt: „Wir leben mit einem Schatten.“ Dem Wissen, dass etwas passieren kann.

So wie vergangene Woche, am Dienstag, im Industriepark in Griesheim. Bei der Firma Weylchem tritt Salzsäure aus einem Leck aus. Gegen 4.30 Uhr reißen die Sirenen die Anwohner aus dem Schlaf. Einsatzkräfte riegeln den Stadtteil ab. Die Griesheimer sollen Türen und Fenster geschlossen halten. Gegen 8 Uhr gibt die Feuerwehr Entwarnung.

Anja Feix zuckt nur noch ein bisschen zusammen, wenn sie Sirenen hört. Wegziehen möchte sie nicht. Sie ist zwar keine alte Rotfabrikerin, kommt auch aus keiner Hoechst-AG-Familie. Sondern ist vor ein paar Jahren aus dem Vordertaunus zugezogen. Aber sie hat die Wohnung gekauft. „Die hätte ich mir im Nordend nicht leisten können.“

Wohnraum in Höchst, Sindlingen oder Griesheim ist eben noch erschwinglich. Feix hat sich mit den Schloten arrangiert. Abends, wenn die Sonne untergeht, blickt sie zuweilen gar versöhnlich auf die andere Straßenseite. „Eine schöne Kulisse für einen Endzeitfilm“, sagt sie und lacht. Zumindest ein bisschen.

„Wenn das Ding wirklich hochgeht, ist es egal, ob Du in Hattersheim wohnst oder direkt vor Tor Ost.“ Den berühmten gelben Regen hat sie genau dort abbekommen. In Hattersheim. 1993 ist das gewesen. Bei einem Störfall im Werk Griesheim treten gelbe Chemikalien aus, der Wind weht sie fort, nach Schwanheim, nach Kelsterbach. „Das ist eben der Ballungsraum“, sagt Feix fatalistisch. Die einen leben am Industriepark, die anderen am Flughafen oder an der Autobahn. Selbst in der Vorstadt gibt es Belästigung: „der Terror der Laubbläser und Rasenmäher.“

Wie Industrie und Wohngebiete nebeneinander auskommen, haben Stadtplaner und die Parkmanager lange verhandelt. Stichwort: Seveso. Seit dem Chemieunfall im italienischen Seveso 1976 ist es schwer geworden, aus Wohnen und Industrie gute Nachbarn zu machen. Alte Anlagen und Baugebiete haben Bestandsschutz, neue Vorhaben nicht. Stadt, aber auch Industrie, dürfen mit Neubauten nicht einfach so Menschen in Gefahr bringen. Das hat bislang viele Entwicklungen in der Stadt verzögert. Das Gymnasium Nied etwa wäre zu nahe am Industriepark Griesheim gewesen.

Anfang des Jahres haben sich die Verhandlungspartner auf 500 Meter Abstand geeinigt. Zwischen Werksmauer und potenziellem Neubaugebiet. Der neuerliche Störfall in Griesheim hat keine Auswirkungen auf die Vereinbarung. Die haben die Verhandlungspartner nicht leichtfertig vermessen, versichert Mark Gellert, Sprecher des Dezernats für Planen und Wohnen. „Wir haben das sehr ernst genommen.“

Das Thema Seveso lasse sich nicht auf Abstände reduzieren. Selbst wenn die Bedrohung mit der Entfernung sicher abnehme, weil sich im Ernstfall gefährliche Stoffe mehr und mehr mit der Luft verdünnen. Es geht auch darum, die richtigen Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Fluchtwege einzurichten, Evakuierunsgpläne zu erstellen, automatische Alarmsysteme zu installieren. Gellert verweist auf technische Möglichkeiten, etwa Fenster, die sich bei Notfällen automatisch schließen.

Je länger er spricht, desto deutlicher wird: Die Industrie ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Stadt. Alleine schon wegen der Gewerbesteuereinnahmen. Da wundert auch nicht, dass „es uns fernliegt“, auf Unternehmen einzuwirken, dass sie umziehen mögen. Manch einer wünscht das, der Griesheimer Grüne Thomas Schlimme etwa. Er könnte sich vorstellen, Störfallbetriebe von Griesheim nach Höchst zu verlegen. Das Griesheimer Areal könnte dann zu einem modernen Gewerbepark werden, so seine Idee.

„Das ist eine unternehmerische Entscheidung“, sagt Gellert. Und teuer. Die Firma Weylchem schätzt, der Umzug würde 200 Millionen Euro kosten. Zu viel, findet Weylchem. Und warum auch umziehen, schließlich gibt es eher zu wenig als zu viel Platz für große Produktionsstätten, sagt die Industrie, sagen inzwischen auch die Stadtplaner. Die Stadt wird daher ein neues Industriegebiet ausweisen.

„Die Leute denken immer, wir planen nur Wohngebiete“, sagt Gellert. Tatsächlich haben seine Kollegen nicht nur 200 freie Flächen auf Eignung als Wohnquartier überprüft, sondern auch, ob sie als neues Industriegebiet taugen. Die Überlegungen sind nahezu abgeschlossen. Gellert mag aber noch nicht verraten, wo das Areal entsteht.

Ein ganzer Industriepark soll es nicht werden. Der bietet nicht nur Fläche, sondern auch Infrastruktur. Eigene Abwassersysteme, Logistik, Anlagen, die Dampf erzeugen, eigene Feuerwehr, eigene Hochschule. Und gut miteinander vernetzte Unternehmen. Sehr gut vernetzte. Beim jüngsten Gesprächskreis der Nachbarn des Industrieparks etwa sitzen Topleute der Bayer AG und von BASF einträchtig nebeneinander und scherzen. Eigentlich sind sie Konkurrenten, BASF ist obendrein neu im Höchster Industriepark. Von Rivalität ist aber nichts zu spüren.

Weil Bayer den Saatguthersteller Monsanto gekauft hat, hat das Kartellamt Bedingungen gestellt. Bayer hat Teile der eigenen Agrarsparte abgeben müssen. Gekauft hat die BASF. Auch die 110 Bayer-Mitarbeiter in Höchst hat sie übernommen. Die stellen das Pflanzenschutzmittel „Basta“ her. Manch einer hat bereits für die Hoechst AG geschafft, dann für Bayer, nun für BASF. Eine Karriere bei der I.G. Farben, flachst einer der Chefs. Chemiker-Humor.

Die Firma Nouryon ist ein weiteres neues Gesicht auf dem Gelände. Wobei das irreführend ist. Es handelt sich um einen Teil von Akzonobel. Die Niederländer haben ihre Chemiesparte verkauft, für zehn Milliarden Euro. Nouryon ist nur der neue Name, das Unternehmen blickt auf eine 400-jährige Geschichte zurück. „Da sind wir stolz drauf“, sagt Standortleiter Laurent Hanssen.

Das Unternehmen stellt Chlor, Natronlauge und Folgeprodukte her. Das verbraucht viel Energie. „Vor vier Jahren haben wir das Verfahren umgestellt“, sagt Hanssen. Das hat 20 Prozent eingespart. Und hat das Quecksilber in den Anlagen überflüssig gemacht. Das zumindest ist eine gute Nachricht für die Nachbarn.

Eine weitere: Das Chemieunternehmen Celanese spendet 50.000 US-Dollar an Integrations- und Inklusionsprojekte im Rhein-Main-Gebiet. Es ist eine Art von umgekehrtem Geburtstagsgeschenk zum 100. Gründungstag des Unternehmens. Geld geht etwa an die Johanniter-Flüchtlingsunterkunft in Rödelheim. Ein Spielplatz für die Kinder dort soll entstehen. Auch die Flüchtlings-Initiative der Höchster Industriepark-Hochschule Provadis profitiert von der Spende.

Gut angelegtes Geld für Celanese. Womöglich entwickelt einer der so geförderten jungen Menschen irgendwann einmal eine neue Technologie. Denn auch das ist der Industriepark: Zukunftswerkstatt.

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