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Friederike Schlegel, die ehemalige Behindertenbeauftragte.

Behinderten-Beauftragte

Die Barrieren-Beseitigerin

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Friederike Schlegel war 20 Jahre die Behindertenbeauftragte der Stadt. Jetzt geht sie in den Ruhestand, aber will nicht ganz auf Distanz gehen – ein Porträt.

Vor wenigen Wochen sah das Büro von Friederike Schlegel noch gar nicht so leer aus, wie man es sich vorstellt, wenn jemand in den Ruhestand geht. Der Schreibtisch war voll, die Schränke teilweise befüllt. Mittlerweile ist aber alles verstaut, denn die Behindertenbeauftragte der Stadt Frankfurt hatte am 30. April ihren letzten offiziellen Arbeitstag. Nach 20 Jahren in dieser Funktion ging sie in den Ruhestand. Für ihren Nachfolger Sören Schmidt hat sie ein paar Kisten zurückgelassen. Deutlich weniger, als sie bei Amtsantritt übernommen hatte, erzählt Schlegel. „Ich hatte ein frisch renoviertes Zimmer, einen leeren Schreibtisch ohne Computer und vor der Tür 20 Kisten vom Vorgänger“, erinnert sich die 65-Jährige.

Als sie am 15. März 1999 ihre Stelle antrat, kannte sie die Abläufe und den städtischen Betrieb noch nicht. Durch die 20 Kisten wühlte sie sich mit etwas Hilfe durch. Anfangs war alles neu und vielleicht auch überfordernd. Mitarbeiter hatte sie damals nicht. Gut ein Jahr braucte die Behindertenbeauftragte, um sich einzuarbeiten.

Geboren ist Friederike Schlegel in Thüringen, sie wuchs aber größtenteils in Baden-Württemberg auf. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Industriekauffrau und studierte in Reutlingen Sozialpädagogik. Seit 1976 lebt sie in Frankfurt, aktuell im Stadtteil Nordend. Vor 20 Jahren wurde sie schließlich gefragt, ob sie sich die Funktion als Behindertenbeauftragte vorstellen könne. Sie konnte, bewarb sich „ohne, dass ich dachte, dass ich es werde“, wurde es schließlich dennoch.

Seitdem hat sich viel verändert. „Anfangs ging es eher um Einzelberatung und den Nahverkehr. Mittlerweile ist immer mehr Bauberatung dazugekommen“, sagt sie. 80 Prozent ihrer Arbeit mache die Beratung für Bauprojekte aus. Dafür hat die Frankfurterin auch noch einen Masterabschluss in „Barrierefreien Systemen“ sowie ein Hochschulzertifikat als Sachverständige in „Barrierefreiem Bauen“ gemacht.

An ihr erstes Projekt als Behindertenbeauftragte kann sich Schlegel noch erinnern. Es ging um die Neuauflage des Stadtführers für Menschen mit Behinderungen. Damals trug die Broschüre noch den Namen „Mit dem Rolli von Amt zu Amt“ und listete nur die Anlaufstellen bei der Stadt auf. „Furchtbar“, sagt Schlegel rückblickend. Heutzutage enthält der Stadtführer Hotels, Restaurants und Museen. Sie merke, dass ein Umdenken stattgefunden hat. Dass Menschen mit Behinderung nicht mehr nur Rollstuhlfahrer sind, sondern auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Sinnes- oder Lernbehinderungen.

Die Erfolge der vergangenen Jahre stagnieren aber. Es wurden Begrifflichkeiten verändert, um politisch korrekt zu sein, doch die Inhalte seien nicht angegangen worden. „Die Türen zu dem Thema waren schon mal offener“, moniert die 65-Jährige. Viele Dinge würden als Pflicht angesehen, weil es beispielsweise Gesetze vorschreiben – aber die inhaltliche Überzeugung fehle. Zudem sei der menschliche Umgang miteinander bedenklich geworden, auch jenseits des Thema Behinderung.

Trotz mancher Widrigkeit konnte die scheidende Behindertenbeauftragte viele Dinge anstoßen und zahlreiche Projekte begleiten. Beispielsweise die barrierefreien Zugänge zu den Gebäuden der Altstadt, die ursprünglich Schwellen haben sollten. Oder die Neugestaltungen der Zeil und des Historischen Museums auf dem Römerberg. Beim Bau des Waldstadions Anfang der 2000er-Jahre war sie ebenfalls beteiligt und achtete darauf, dass auch Fans mit Behinderung ausreichend Platz zum Jubeln haben. In die lange Liste reihen sich die Umsetzung von taktilen Systemen für Blinde in Frankfurt ein und der Umbau der U5-Strecke. Schlegel sagt, sie habe nie etwas sein gelassen, sondern immer betont, es müsse irgendwie gehen. Und sie habe stets nach funktionierenden Kompromissen gesucht.

Unvollendet blieb eine Rampe an der Dreikönigskirche, die seit mehreren Jahren in Planung sei, aber immer noch nicht realisiert wurde. Ein grundsätzliches Problem bei der Umsetzung von Barrierefreiheit sieht Schlegel darin, dass Investoren es durch vereinfachte Verfahren bei Baugenehmigungen im Wohnungsbau nicht nötig haben, auf Barrierefreiheit zu achten, da die Einhaltung dieser Vorgaben bei der Antragsgenehmigung nicht überprüft würden. „Da setzt keiner die Daumenschrauben an“, sagt Schlegel. Ein weiteres Problem sei die Barrierefreiheit bei Passivhäusern. Diese haben oftmals unnötigerweise Schwellen. „Es ginge besser, das würde etwas mehr kosten, wäre aber für alle komfortabel.“ Die Mehrkosten sprächen oftmals gegen die Barrierefreiheit, obgleich damit technische Baubestimmungen nicht eingehalten werden.

Nun, da Friederike Schlegel ihren Ruhestand angetreten hat, werde sie nicht komplett auf null runterfahren. „Gar nichts mehr machen, fällt mir schwer“, sagt sie. In bestimmten Fällen wolle sie weiter als Beraterin fungieren. Trotzdem stehe für sie an erster Stelle, ihrem Privatleben mehr Raum zu geben. Sie könne sich wieder stärker auf Qigong und Tai-Chi konzentrieren. Und sie möchte mehr reisen. Ihrem Nachfolger Sören Schmidt wünscht sie, dass er viel Unterstützung bekommt. Damit das Erreichte nicht versandet.

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