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Bettina Bretländer ist Professorin im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der University of Applied Sciences in Frankfurt. Sie ist dort für die Themen Behinderung und Inklusion zuständig. Seit April ist sie die Behindertenbeauftragte der Hochschule.

Interview

"Barrierefreiheit konsequenter umsetzen"

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Bettina Bretländer will gerade auch bei Lehrenden das Bewusstsein für nötige Hilfen wecken.

Frau Professor Bretländer, wie viele Menschen mit Behinderungen studieren an Ihrer Hochschule, der University of Applied Sciences?
Das wissen wir nicht. Bislang können wir das aus Datenschutzgründen nicht erheben. Wir wollen das aber ändern, um den Bedarf noch besser einschätzen zu können.

Mit welchen Behinderungen sind Menschen an der Hochschule unterwegs?
Wir haben Studierende mit Hörbeeinträchtigungen; darunter sind auch Studierende, die gehörlos sind, Menschen mit Sehbeeinträchtigungen und Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Dazu gehören auch Studierende, die stärker bewegungseingeschränkt sind und einen Elektro-Rollstuhl verwenden. Und natürlich die große Gruppe der nicht-sichtbaren Behinderungen wie chronisch-somatische Erkrankungen oder auch psychische Erkrankungen, die besonders schwer zu erkennen sind.

Mit welchen Fragen oder Problemen kommen diese Menschen zu Ihnen?
Das ist natürlich die Barrierefreiheit. Wie komme ich in den Raum hinein, wo gibt es barrierefreie Toiletten, sind die Hörsäle zugänglich? Oder sie fragen nach Unterstützungen, wenn sie eine Assistenz beantragen wollen oder einen Nachteilsausgleich bei den Prüfungsleistungen.

Wofür braucht jemand eine solche Assistenz?
Zum Beispiel schreibt die Assistenz in der Vorlesung auf, was an der Tafel steht, oder liest ein Handout vor, wenn jemand blind oder stark sehbeeinträchtigt ist.

Das scheint ziemlich aufwendig zu sein.
Eine solche Assistenz ist nicht nötig, wenn beispielsweise die Lehrenden ihre Power-Point-Folien bereits drei Tage vorher zur Verfügung stellen. Dann kann die Studierende den Inhalt zu Hause am Computer vorbereiten, wo sie ein Sprachassistenz-Programm zur Verfügung hat. Oder der Lehrende könnte die Folien auch vorlesen. Dazu gehört, dass die Lehrenden ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass da nun jemand sitzt, der nicht selbst mitlesen kann. Wir sind dabei, genau diesen Sensibilisierungsprozess voranzubringen. Parallel dazu empfehlen wir Studierenden mit Sehbeeinträchtigung, ein Handout für Lehrende zu entwerfen, in dem sie auf ihren individuellen Unterstützungsbedarf hinweisen.

Was ist für Hörbehinderte wichtig?
Da haben wir zum Glück schon viele Erfahrungen. Bei Gehörlosigkeit haben wir ein technisches Hilfsmittel zur Verfügung. Der Lehrende spricht in ein Mikrofon, das Gesprochene wird dann live von einem externen Dienst mitgeschrieben und auf dem Laptop der Studierenden abgebildet. Das funktioniert ganz gut bei Vorlesungen. Aber es kommt immer wieder zu Verzögerungen, so dass es zum Beispiel im Seminar für gehörlose Studierende nur erschwert möglich ist, eine Frage zu stellen oder einem Wortwechsel zu folgen. Dafür dauert es einfach zu lange.

Was wäre die bessere Lösung?
Viel besser ist es, wenn Gebärdendolmetscher zur Verfügung stehen. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Das hat aber den Haken, dass wir in Frankfurt zu wenige Gebärdendolmetscher haben. Deshalb muss der Bedarf schon zwei bis drei Monate im Voraus angemeldet werden.

Geht das überhaupt?
Wir haben das deshalb hinbekommen, weil wir uns als Hochschule bereits darauf eingestellt haben, dass man sich als Studierender frühzeitig in die Veranstaltung einwählen kann, die man besuchen möchte.

Und da machen alle Lehrenden mit?
In meinem Fachbereich, der Sozialen Arbeit, klappt das schon ganz gut. Insgesamt müssen wir aber sicher noch weiter daran arbeiten, dass dies überall zum Standard wird. Immerhin hat die Zahl der Studierenden mit Hör- oder Sehbehinderungen in letzter Zeit sichtbar zugenommen. Ich gehe davon aus, dass es sich herumgesprochen hat, dass ein Studium bei uns grundsätzlich gut möglich ist.

Wo sehen Sie den größten Bedarf für Veränderungen?
Wir müssen die Barrierefreiheit noch viel konsequenter umsetzen. Beispielsweise sind noch längst nicht alle Räume mit Brailleschrift beschriftet. Auch kann sich ein blinder Studierender nicht ohne Assistenz auf dem Campus bewegen, weil es kaum Hinweisschilder in Blindenschrift gibt. Manche Räume sind für Rollstuhlfahrer nicht zugänglich, weil Aufzüge fehlen. Bei den Neubauten, die wir gerade auf dem Campus planen, sind die Referentin für Studierende mit Behinderung und ich stark eingebunden, um Barrierefreiheit konsequent umzusetzen, da ein Nachrüsten generell sehr teuer ist. Wir haben vor einem halben Jahr die Stelle einer Referentin geschaffen und diese extra mit einer Architektin besetzt, die auf dem Gebiet Expertin ist.

Interview: Peter Hanack

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