+
Stefan Majer ist Gesundheitsdezernent der Stadt Frankfurt.

Cannabis

„Haben mit einem schwierigen Start gerechnet“

  • schließen

Stadtrat Stefan Majer über erste Erfahrungen mit der Vergabe von Cannabis auf Rezept.

Die Stadt Frankfurt hat mit einem zunächst auf drei Jahre befristeten Projekt zu medizinischem Cannabis begonnen: Schwer kranke Patienten sollen Cannabis auf Rezept bekommen. Wie Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) im Gespräch mit der FR bestätigt, sind die erwarteten Anlaufschwierigkeiten tatsächlich eingetreten.

Herr Majer, bei welchen Krankheiten kann Cannabis verschrieben werden?
Der Bundesgesetzgeber hat sich mit der Freigabe von medizinischem Cannabis nicht auf bestimmte Indikationen festgelegt. Und das ist auch schon eine der Schwierigkeiten, denen wir bei unserem Projekt begegnen, die Unsicherheit von Ärztinnen und Ärzten: In welchen Fällen dürfen sie Cannabis verschreiben und in welchen nicht.

Als das Projekt Ende Februar angekündigt wurde, war von Neurodermitis, ADHS, Epilepsie, spastischen Lähmungen und verschiedenen neurologischen Erkrankungen die Rede. Auch Schmerzpatienten wurden erwähnt. Das ist ein ziemlich breites Spektrum.
Ja. Das hängt auch damit zusammen, dass es wenige medizinische Untersuchungen zur spezifischen Wirksamkeit von Cannabis in diversen Therapiekontexten gibt. Wir hoffen, dass dies auf Bundesebene nachgeholt wird.

Zu welchen Ärzten sollen zum Beispiel Schmerz- oder Epilepsie-Patienten gehen?
Manche Patienten haben bereits den Arzt ihres Vertrauens gefunden. Wir möchten mehr Ärzte dafür gewinnen, schwerst kranken Patienten Cannabis zu verschreiben.

Was kostet Cannabis auf Rezept im Vergleich zum Schwarzmarkt?
Das lässt sich nicht seriös vergleichen. Wenn medizinisches Cannabis verschrieben wird, dann zahlt es die Krankenkasse. Allerdings wird die Krankenkasse jeden Einzelfall prüfen. Und wir haben von den Krankenkassen gehört, dass nicht alle Anträge bewilligt werden.

Pfuschen die Krankenkassen damit nicht den Ärzten ins Handwerk? Die müssten doch am besten wissen, was den Patienten hilft.
Die Barmer hat beispielsweise kommuniziert, dass seit März vergangenen Jahres, als der Gesetzgeber medizinisches Cannabis zugelassen hat, nur 125 der insgesamt 254 Anträge bewilligt wurden. Ich finde, das geht so nicht.

Das ist ungefähr die Hälfte. Was bedeutet das für das Frankfurter Modellprojekt?
Wir wollen uns jetzt das Verschreibungsverhalten der Ärzte anschauen. Wir möchten wissen, wie viele Menschen, denen Cannabis helfen könnte, kein Rezept bekommen. Und natürlich müssen wir auch zur Kenntnis nehmen, dass es Personen gibt, die geglaubt haben, ihr Arzt würde ihnen jetzt Cannabis für den Freizeitgebrauch verschreiben.

Da müsste man doch auf die Verantwortung der Ärzte setzen können. Oder?
Das sehe ich auch so. Aber da ist noch viel Wissen zu vermitteln. Immer wieder höre ich das Argument, dass man keine Suchtstrukturen fördern wolle, obwohl dieses Argument zum Beispiel bei Menschen, die seit Jahren mit starken Opiaten behandelt werden, vollkommen absurd ist. Außerdem wird der hohe bürokratische Aufwand gefürchtet, und dann gibt es noch die Angst vor Regressansprüchen durch die gesetzlichen Krankenkassen.

Was konkret befürchten die Ärzte?
Sie befürchten, sie könnten auf den Kosten für das medizinische Cannabis sitzen bleiben. Bei vielen Indikationen gibt es noch keinen breit empirisch abgesicherten Nachweis, dass Cannabis hilft.

Das alles hört sich so an, als gebe es erhebliche Anlaufschwierigkeiten.
Leider. Wir haben aber mit einem schwierigen Start gerechnet. Cannabis ist noch überhaupt nicht in der Regelversorgung angekommen. Wir werden Verbesserungen auch auf der gesetzlichen Ebene brauchen. Das Gesetz zu medizinischem Cannabis ist damals mit ziemlich heißer Nadel gestrickt worden.

Wo kommt das medizinische Cannabis her?
Noch kommt es aus dem Ausland. Ab 2019 soll Cannabis auch in Deutschland angebaut werden. Die staatliche Cannabis-Agentur des Bundesamtes für Arzneimittel wird den Anbau, die Qualität und die Verteilung kontrollieren.

Es gab ja auch den Vorschlag von Anhängern der Hanf-Bewegung, dass Patienten ihr eigenes Cannabis anbauen. Ist diese Option jetzt vom Tisch?
Eigentlich sollte sie das nun sein. Eine Grauzone wird es aber sicher auch weiterhin geben. Wir wollen mit den Studien zum Modellprojekt in Zusammenarbeit mit der Goethe-Universität herausfinden, wie groß dieses Dunkelfeld ist und was Menschen dazu bringt, obwohl Cannabis jetzt verschrieben werden kann, sich auf illegalen Wegen zu versorgen.

Wie viel Geld nimmt die Stadt für das Modellprojekt in die Hand?
Das sind im Wesentlichen die Mittel für die beiden befristeten Stellen, von denen eine im Drogenreferat und die andere an der Universität angesiedelt ist: Bis 2020 stehen jährlich je 50 000 Euro Sachkosten und 180 000 Euro Personalkosten bereit.

Ist das Modellprojekt der Einstieg in einen anderen Umgang mit Cannabis für den Freizeitkonsum?
Nein, mir ist es ganz wichtig, dass wir die einzelnen Ebenen voneinander trennen: Die Versorgung von Schwerstkranken ist das eine, die Aufklärung und Prävention bei Jugendlichen ist ein zweiter Schwerpunkt. Da tun wir sehr viel, mit gutem Erfolg. Die Diskussion über eine Entkriminalisierung des Freizeitkonsums von Erwachsenen sollten wir getrennt von den beiden anderen Ebenen führen. Fest steht für mich persönlich, dass die Prohibition an der Realität längst gescheitert ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare